Corona und Konzerte

„... sonst ist die Kultur- und Clublandschaft bedroht“

Von Benjamin Fischer
13.03.2020
, 16:03
Die amerikanische Indie-Rock-Band The National Mitte Juli 2019 in der Frankfurter Jahrhunderthalle - auch sie haben schon Konzerte verlegen müssen.
Veranstalter, Musiker und andere in der Konzertbranche stehen vor finanziell extrem schwierigen Zeiten. Viele Touren werden verschoben – doch das ist für viele aktuell nicht die erste Sorge.
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James Blunt mit Band vor leeren Rängen in der Hamburger Elbphilharmonie – kostenfrei per Stream im Internet zu sehen. Ist das eine Variante für Musiker in Zeiten der Corona-Epidemie, doch noch etwas Geld zu verdienen über Spenden für solche Auftritte? Carlo Schenk, der unter anderem die deutsche Pop-Band AnnenMayKantereit managt, sieht das skeptisch: „Wir haben schon darüber nachgedacht, aber wenn man eine gute Qualität bieten will, ist das kostspielig und am Ende ist der Witz nach einem Mal erzählt.“ Doch im Fall von Blunt war die Telekom als Sponsor mit im Boot und die Elbphilharmonie bietet ohnehin regelmäßig Live-Streams an. Die vielen Veranstalter, Konzerthäuser und der Tross an Menschen, die an der Durchführung einer Tour beteiligt sind, haben davon nichts.

AnnenMayKantereit mussten die fünf letzten Termine ihrer laufenden Tournee absagen, darunter auch das Konzert in der gut 15.000 Zuschauer fassenden Kölner Lanxess-Arena. In Folge der Schutzmaßnahmen haben fast alle deutschen Bundesländer Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern untersagt. Regional gibt es schon schärfere Maßnahmen und nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Donnerstagabend dazu aufgerufen hat, „alle nicht notwendigen“ Veranstaltungen mit weniger als 1000 Teilnehmern abzusagen, dürfte die Konzertbranche auf kurz oder lang erstmal zum Erliegen kommen. Baden-Württemberg untersagte etwa am Freitagmittag öffentliche Veranstaltungen mit mehr als 100 Teilnehmern in geschlossenen Räumen. In den vergangenen Tagen hatten manche Veranstalter noch gezielt Kartenkontingente verkleinert, um nicht die Schwelle von 1000 Besuchern zu überschreiten.

Weltweit werden derzeit reihenweise Touren vorerst abgesagt. Wer Reiserücktrittsversicherungen hat, bleibt zumindest nicht auf diesen Ausgaben sitzen. Doch neben ausbleibenden Gagen und der Bezahlung für freiberufliche Musiker, die für Konzerte engagiert werden, können auch Kosten für angemietete Technik anfallen – von den Ausgaben, die die Vorbereitung einer Tour mit sich bringt, einmal ganz zu schweigen. Zudem brechen mit dem Verkauf von Fanartikeln und physischen Tonträgern bei Konzerten Einnahmen weg, deren Bedeutung gerade für kleine und mittlere Künstler nicht zu unterschätzen ist. Die Aussicht, dass durch die Maßnahmen gegen die weitere Vertreibung des Coronavirus mehr Musik auf Spotify und Co. gestreamt wird, dürfte die Wenigsten trösten. Für ein auskömmliches Einkommen alleine aus Streaming-Tantiemen braucht es schon Millionen an Abrufen im Monat.

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Zunächst keine Erstattung von Karten mehr?

„Solange wir die Konzerte nachholen, ist alles noch einigermaßen verkraftbar“, sagt Manager Schenk. Aktuell sind alle in der Branche mit der Rückerstattung von verkauften Tickets, Verlegen und Umorganisieren beschäftigt – soweit es irgendwie möglich ist, denn mögliche neue Termine kollidieren womöglich mit schon geplanten Veranstaltungen im Sommer oder Anfang 2021. Dazu komme, dass man womöglich im Sommer die Konzerte nur unter Auflagen nachholen könne, die deutlich mehr Kosten verursachten als ursprünglich geplant. „Die konkreten Mehrkosten kann jetzt noch niemand seriös abschätzen“, konstatiert Schenk gegenüber der F.A.Z.

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Erst einmal gilt es ohnehin, die aktuelle Situation zu bewältigen. „Für den Cash-Flow aller Beteiligten ist es eine Katastrophe“, sagt Schenk. Viele Veranstalter, Buchungsagenturen oder Konzerthäuser hätten wie auch Musiker oftmals kaum Rücklagen. Letztere trifft es auch über Absagen von Auftritten hinaus, beispielsweise wenn der Start von Kinofilmen, wie schon mehrfach angekündigt, verschoben wird und in diesen Lieder genutzt werden. Fest eingeplante Lizenzgebühren fließen auf einmal Monate später.

Entsprechend werden nun Rufe nach Hilfe laut. Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) forderte, dass der Staat Mittel zur Verfügung stelle, um die „unverschuldete Not der Veranstalter“ zu kompensieren. Da die zahlreichen an einer Veranstaltung beteiligten Dienstleister wie Caterer, Verleiher von Ton- und Lichtanlagen oder Personalüberlassungsfirmen auch im Falle eines Ausfalls Anspruch auf Vergütung hätten, sei dies zwingend erforderlich, so der geschäftsführende Präsident des BDKV, Jens Michow, gegenüber der F.A.Z. Eintrittsgelder von Veranstaltungen, die aufgrund behördlicher Anordnungen abgesagt wurden, sollten zudem nicht erstatten werden müssen, sofern gewährleistet sei, dass die Veranstaltungen innerhalb eines Jahres nachgeholt würden und die Karten ihre Gültigkeit behielten. So würde der erforderliche Cash-Flow der Veranstalter aufrechterhalten. Außerdem müssten klare Regelungen her, mit Empfehlungen könne man nichts anfangen: „Wir brauchen dringend Rechtssicherheit“, so Michow. Der Präsident des Kulturrats, Olaf Zimmermann, brachte derweil einen Notfallfonds für Künstler ins Gespräch. Carlo Schenk drückt es so aus: „Der Staat muss schnell und unkompliziert helfen, da führt kein Weg dran vorbei - sonst ist die Kultur- und Clublandschaft bedroht.“

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Festival-Absagen noch nicht Thema

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) erklärte: „Wir müssen auf unverschuldete Härten und Notlagen reagieren und sie ausgleichen.“ Sie werde sich dafür einsetzen, dass die „speziellen Belange des Kulturbetriebs und der Kreativen“ mit Blick auf Unterstützungsmaßnahmen und Liquiditätshilfen berücksichtigt werden. „Wir wissen, dass wir aktuell keine Konzerte spielen können, aber darüber hinaus wissen wir nichts. Das ist eigentlich das Beunruhigendste“, fasst Schenk die aktuelle Lage zusammen.

Auch die Großen der Branche leiden unter der Lage. Zwar betont CTS Eventim, der Großteil seiner Veranstaltungen finde im Sommer und in der zweiten Jahreshälfte statt. Doch Geschäftsführer Klaus-Peter Schulenberg warnte vor den womöglich gravierenden Auswirkungen der aktuellen Lage für mittelgroße und kleinere Konzertveranstalter. Der Kurs von CTS Eventim und den beiden ebenfalls börsennotierten Konkurrenten Deutsche Entertainment AG (DEAG) und dem amerikanischen Konzert-Riesen Live Nation haben im Laufe der Woche empfindlich verloren. Eine Erholung ist fürs Erste wohl kaum in Sicht. Über eine mögliche Absage der großen Sommer-Festivals wie Rock am Ring will momentan aber lieber noch niemand öffentlich nachdenken.

Quelle: FAZ.NET
Autorenbild/ Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
Redakteur in der Wirtschaft.
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