Von Australien nach Japan

Das erste Wasserstoff-Schiff der Welt ist unterwegs

Von Christoph Hein, Singapur
21.01.2022
, 11:40
Die Suiso Frontier bei ihrer Ankunft im Hafen von Hastings, Australien.
Wasserstoff ist ein großer Hoffnungsträger für die Energieversorgung der Zukunft. Der Transport in der „riesigen Thermoskanne“ gilt als „Meisterleistung der Ingenieurskunst“. Allerdings wird er in Australien noch so produziert, wie das nicht alle möchten.
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Für die australische Regierung und viele Befürworter aus der Industrie markiert die Ankunft der „Suiso Fronitier“ im Hafen von Hastings im Süden des Kontinents eine Zeitenwende: Das nur knapp 120 Meter lange japanische Spezialschiff soll in seinem 1250 Kubikmeter großen Tank erstmals auf der Welt flüssigen Wasserstoff nach Kobe transportieren.

Kritiker haben dennoch viel auszusetzen: Denn die Australier gewinnen den Wasserstoff unter Einsatz von Braunkohle. Derweil treiben Australiens Energiekonzerne das Gewinnen von grünem Wasserstoff mit Hochdruck voran.

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„Die Reise der Suiso macht das Projekt zum ersten der Welt, das flüssigen Wasserstoff herstellt, verflüssigt und auf dem Seeweg zu einem internationalen Markt transportiert“, erklärte Hydrogen Energy Supply Chain (HESC), der Zusammenschluss von einem knappen Dutzend Firmen aus Australien und Japan, die die Unterstützung beider Regierungen bekommen. „Mit dem HESC-Projekt nimmt Australien eine Vorreiterrolle in der globalen Energiewende ein, um Dank sauberem Wasserstoff die Emissionen zu senken. Er ist ein Kraftstoff der Zukunft“, sagte Australiens Energieminister Angus Taylor.

„Riesige Thermoskanne“ auf See

Das indes ist umstritten: Wissenschaftler der Universität Stanford wiesen jüngst nach, dass Wasserstoff, der unter Einsatz von Kohle oder Gas hergestellt wird, für die Umwelt schädlicher sei, als das direkte Verbrennen von Gas. Auch der australische Erzmilliardär Andrew Forrest kritisiert den Weg seiner Regierung als umweltschädlich. Sowohl sein Konzern Fortescue wie auch die ebenfalls im westaustralischen Perth ansässige Woodside Petroleum investieren in großem Stil in das Gewinnen von Wasserstoff: Woodside will mit der H2Perth Fabrik vom Jahr 2027 an rund 1500 Tonnen Wasserstoff täglich produzieren – was sie zu einer der größten der Welt machte. Weitere Projekte sind für Tasmanien und den amerikanischen Bundesstaat Oklahoma geplant. Bis 2030 sollen rund 5 Milliarden Dollar in die neuen Energien fließen. Fortescue will „grünen“ Wasserstoff im australischen Bundesstaat Queensland und in Tasmanien herstellen.

Sowohl der öffentliche als auch der private Sektor in Australien versuchen, die Wasserstoffindustrie zu fördern, weil die fossilen Brennstoffe Kohle und Gas derzeit immer noch gut ein Fünftel des Exportwertes Australiens ausmachen und langfristig ersetzt werden müssen. In den zwölf Monaten bis Juni 2020 belief sich die Kohleausfuhr auf 54,6 Milliarden Australische Dollar (34,9 Milliarden Euro), der Export von Flüssiggas (LNG) lag bei 47,5 Milliarden Dollar.

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Die Wasserstoff-Kooperation setzt auf den Transport von LNG nach Nordasien auf. Japan ist Australiens größter Käufer von Kohle und LNG. Die Suiso – der Schiffsname steht für Wasserstoff im Japanischen – wird zwei Wochen für die rund 9000 Kilometer lange Reise brauchen. Der Wasserstoff wird auf minus 253 Grad heruntergekühlt und dadurch 800fach verdichtet. Zum Vergleich: Für LNG wird eine Minustemperatur von „nur“ 161 Grad gebraucht. „Dieses Vorhaben kann eine Art Vorreiterrolle auf dem Weg zu sauberer, neuer Energie für Japan spielen,“ sagte Yuko Fukuma, Sprecherin von Kawasaki Heavy Industries, die den Tanker entwickelte und baute. Alan Finkel, der Chef-Wissenschaftler der australischen Regierung, bezeichnete den Transport in der „riesigen Thermoskanne“ auf dem Schiff als „Meisterleistung der Ingenieurskunst“.

Finkel ist aber noch ein weiterer Aspekt wichtig: „Ja, man kann die Energie über Unterseekabel verschicken, wie es Sun Cable zwischen Nordaustralien und Singapur vorschlägt. Will man aber einen internationalen Marktplatz haben, wie wir ihn mit LNG haben, wo es Verträge und Spotmärkte gibt und man in jedes einzelne Land der Welt mit einem Hafen gehen kann, muss man den Wasserstoff verschiffen“, betont er die marktwirtschaftliche Komponente.

Bei der ersten – und wohl auch den folgenden – Lieferungen handelt es sich um „braunen Wasserstoff“: Er wurde mit Hilfe eines Kohlevergasungsverfahren gewonnen. Dazu verwenden die Australier die Braunkohle aus dem Latrobe Tal im Bundesstaat Victoria. Der Wasserstoff soll dadurch „blau“ und damit klimapolitisch akzeptabler werden, dass eine Kohlenstoffkompensation zum Einsatz kommt. Er soll entweder verbraucht werden, oder aber in ein geplantes Endlager in einem früheren Gasfeld unter der Meerenge Bass-Straße vor der australischen Insel Tasmanien eingespeist werden. In der Testphase werden jährlich noch160 Tonnen Kohle verbrannt, nur um ungefähr 3 Tonnen Wasserstoff zu produzieren.

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Der Einsatz der Braunkohle für das Gewinnen von Wasserstoff hilft dem umstrittenen Energieminister Taylor vor den Wahlen Ende Mai: Denn er sichert Arbeitsplätze im Tagebau, obwohl die Kohlekraftwerke auf längere Sicht geschlossen werden sollen. Das Gesamtprojekt einschließlich der Verflüssigungsanlage wurde mit knapp einer halben Milliarde Dollar veranschlagt, ein Zehntel davon steuert die australische Regierung bei, ein weiteres die Bundesregierung von Victoria. Die nächste Ausbaustufe soll knapp 200 Millionen Australische Dollar kosten. In seiner späteren kommerziellen Phase soll das HESC-Projekt 225.000 Tonnen verflüssigten Wasserstoff pro Jahr produzieren.

Quelle: F.A.Z.
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Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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