Hyperloop-Wettbewerb

Das haben die Superstudenten vor, die Elon Musk beeindruckten

Von Rüdiger Köhn, München
20.08.2018
, 19:14
Die Studenten der Technischen Universität München beeindruckten auch Elon Musk schwer.
Ihre Kapsel saust mit 467 Kilometer in der Stunde am schnellsten: Studenten der Technischen Universität München haben drei Mal den Wettbewerb um eine Kapsel für Elon Musks Tunnelprojekt gewonnen. Es sind Millionen-Projekte.
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Ein paar Tage Auszeit hat sich die buntgemischte Studentengruppe gegönnt, hat die Sonne am Venice Beach oder Redondo Beach genossen – und trefflich einen Geschwindigkeitsrekord über 467 Kilometer in der Stunde gefeiert. Nach acht Monaten harter Arbeit und Tüfteln haben die 39 Kommilitonen der Technischen Universität München (TUM) eine Kapsel (englisch: Pod) durch eine 1,25 Kilometer lange Röhre gejagt und damit zum dritten Mal in Folge den von Tesla-Gründer Elon Musk ausgeschriebenen „Space X Hyperloop Pod Competition“ gewonnen.

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Für Felix Hsu und Florian Janke fiel das Feiern allerdings kurz aus. Die beiden Studenten der Luft- und Raumfahrt saßen schon einen Tag nach dem Finale auf dem Gelände des von Musk betriebenen Raketenunternehmens Space X vor dreieinhalb Wochen in der eng bestuhlten Economy-Class auf dem Weg zurück von Los Angeles nach München.

Ausschweifend Party machen war nicht drin. Prüfungen standen an. Hsu, 26 Jahre, im neunten Semester auf dem Weg zum Masterabschluss, ist für das Chassis der Kapsel aus Carbon zuständig. Janke, 25 Jahre, zehntes Semester, ebenfalls Master-Aspirant, ist technischer Leiter des Projektes.

Schneller als alle Konkurrenten

Schlafen, schlafen, schlafen hieß es für sie erst einmal. In den 19 Tagen zuvor konnte davon kaum die Rede sein, als das Kernteam von 15 Mitgliedern Tag und Nacht ihre Kapsel „WARR Hyperloop Pod III“ für den Wettbewerb startklar machte. Am Ende hat wieder alles geklappt. Sie erhielten aus den Händen von Elon Musk den Innovationspreis.

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Die zwei Konkurrenten, die es unter 20 Teilnehmern ebenfalls ins Finale schafften, kamen langsamer ins Ziel – und zwar wesentlich langsamer. Das Team Delft Hyperloop von der niederländischen Universität Delft beschleunigte seine Kapsel auf 142 Kilometer in der Stunde, die Kollegen der ETH Lausanne mit ihrem EPF Loop auf 85 Stundenkilometer.

„Wir haben auch Glück gehabt“, sagt Felix Hsu. „Hätten wir die Konfiguration in der Endabstimmung des Pods nicht richtig getroffen, wäre es uns möglicherweise so ergangen wie den anderen.“ Florian Janke muss aber doch hinzufügen: „Wir sind wahnsinnig gut vorbereitet gewesen, das kann man auch an der Qualität unseres Fahrzeuges erkennen.“ Unter einer Carbon-Haube finden sich etwa mit Aluminium und Titan wertvolle Materialien aus der Luft- und Raumfahrt. So wiegt die 1,90 Meter lange Kapsel nur 70 Kilogramm.

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„Wir sind perfektionistisch herangegangen“

Die acht Elektromotoren, das ergaben Simulationen im Vorfeld, hätten es auf eine Geschwindigkeit von sogar 650 Kilometern in der Stunde bringen können. Das 2,40 Meter lange Vorgänger- und Siegermodell Pod II brachte es vor einem Jahr auf 81 Kilogramm mit nur einem Motor. Die 324 Kilometer in der Stunde – damals Rekord – kamen schon aus eigenem Antrieb, während Wettbewerber mit einem Schieber – dem „Pusher“ – durch die Röhre bummelten. Dieses Mal präsentierten alle Eigenantriebe.

„Man sieht dem Pod III an, dass da unheimlich viel Arbeit drinsteckt“, lobt Janke die eigene Mannschaft. „Wir sind perfektionistisch und durchdacht herangegangen.“ Wir? Das sind Studenten der Luft- und Raumfahrt, des Maschinenbaus, der Elektrotechnik, Physik, Informatik oder Betriebswirtschaft; ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus 16 Nationen. In den Team-Treffen wird Englisch gesprochen.

Die Zusammensetzung hat sich von Wettbewerb zu Wettbewerb geändert, weil viele ihr Studium fortsetzen mussten oder beendet haben. Aber 15 Mitglieder aus dem Pod-II-Projekt sind dabeigeblieben. „Hauptsache, sie bringen Begeisterung, Willen und Zeit mit“, beschreibt Hsu, der das erste Mal dabei ist, die Anforderungen.

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Auch Magnetschwebefahrzeug gewinnt Preis

Es gab 85 Bewerber für das Projekt. „Wer dafür ein Urlaubssemester nehmen will, wird sicherlich anders bewertet als jemand, der sich nebenher für Prüfungen vorbereiten muss“, sagt Hsu. Ersterer wurde ausgesiebt.

Grenzenloses Engagement zeigt sich auch darin, dass das Team der WARR – das Kürzel steht für „Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt“ – zudem den Innovationspreis für das Magnetschwebefahrzeug (Levitation Pod) abgeräumt hat. Das haben die „TUMler“ ebenso in acht Monaten entwickelt, mussten dann aber erfahren, dass sie nicht zum Wettbewerb zugelassen werden.

Die Teilnahme eines Teams an zwei Ausscheidungen sahen die Statuten des Ausrichters Space X nicht vor. Den „Lev Pod“ haben sie dennoch eingepackt und mitgenommen. Sie durften ihn auch auf der Teststrecke schweben lassen, haben die Betreuer begeistert – und schließlich doch die zwei zugelassenen Wettbewerber ausgebootet.

Hyperloops sind Millionen-Projekte

Schon im vergangenen Jahr setzten sich die Münchner gegen Hunderte Teams von Universitäten aus aller Welt zweimal durch. Vor dem Geschwindigkeitsrekord von 324 Kilometern in der Stunde im August 2017 holten sie im Januar den ersten Sieg. Ihr Pod I kam mit 95 Kilometern durch die Röhre. Die anderen Konkurrenten kamen gar nicht am Ende an.

Der in jüngster Zeit umstrittene Visionär Musk hat ein Tunnel-Transportsystem entwickelt, mit dem Menschen durch eine Vakuumröhre in Schallgeschwindigkeit von bis zu 1200 Stundenkilometern auf der Strecke von San Francisco nach Los Angeles in 35 Minuten zum Ziel kommen sollen. Zur Umsetzung seiner Idee lässt er andere ran.

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Ehrgeizige, begeisterungsfähige Studenten tragen dazu bei, dass aus Vision Realität werden könnte. Kommerziell wagen sich mit Hunderten von Millionen Dollar Investitionen junge Unternehmen wie Virgin Hyperloop One oder Hyperloop Transportation Technologies des Deutschamerikaners Dirk Ahlborn an das Projekt.

Keine Zeit für nächsten Wettbewerb

Für die „TUMler“ geht es weniger professionell zu. Die Woche vor dem Finale war nervenaufreibend. Nur einen Finallauf gab es über die Gesamtstrecke. Im Vorfeld mussten sie sich die Teststrecke mit den anderen 19 Teams teilen, der Pod wurde nur auf 100, später auf 200 Meter getestet. Nachts um 3 Uhr wurde getüftelt und gebastelt. Da der Pod extrem kompakt gebaut ist, konnte es fünf bis sechs Stunden dauern, bis ein Teil aus- und dann wieder eingebaut war.

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„Das hat uns den Schlaf gekostet“, sagt Janke. Das Auswechseln von Bremsbelägen hätte gar zehn Stunden dauern können. Die Zeit dafür hatten sie nicht. Der Pod III ist im Test nicht einmal die gesamte Strecke gefahren. Das sollte sich als weise Entscheidung herausstellen. „Die Kapsel war nach dem Finale nicht mehr für einen weiteren Lauf bereit“, sagt Hsu.

Ob beide am vierten Wettbewerb dabei sind? Hsu und Janke wollen das schon. Aber sie stehen vor wichtigen Prüfungen und Semesterarbeiten. Es fehle wohl die Zeit für ein neues Abenteuer. Dabei hat Musk – begeistert vom Ausgang des dritten Wettbewerbs – für nächstes Jahr einen neuen angekündigt, ohne Konkretes über die Ausgestaltung zu sagen.

Hyperloop-Kapsel als Werbeobjekt

Für ihn ist es ein Marketing-Projekt, in dem er die Machbarkeit seiner Idee testen kann und womöglich später einmal – im Falle der Realisierung von Hyperloop – über sein Tunnel-Bohrunternehmen „The Boring Company“ von Aufträgen profitiert. Für ihn ist die Veranstaltung zudem ein Weg, geeignete Mitarbeiter für seine Unternehmen wie Space X anzuwerben.

Vielleicht startet er einen neuen Anlauf, um auch einmal amerikanische Studententeams vorne zu sehen. Ausländer dominierten bislang die Rennen, die für strategisch wichtige, sensible Tätigkeiten nicht eingestellt werden dürfen.

Abgeschlossen ist das Projekt „WARR Hyperloop Pod III“ für den Studentenhaufen längst nicht. „Wir müssen dringend den Ablaufplan für die Dankestour und das After-Marketing erstellen“, platzt es aus Florian Janke. Denn es stehen Reisen mit der Sieg-Kapsel zu den Sponsoren an. Die nutzen das Projekt mit wachsendem Bekanntheitsgrad auch für Werbezwecke. „Wir sehen, dass Unternehmen das Projekt auch zunehmend als Inspiration für die Mitarbeiter nutzen“, sagt Hsu.

Sponsoren profitieren von Fachwissen

Neben der TU München ist der Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus der wichtigste Partner. Hauptsponsoren sind Siemens, Deutsche Bank und Evonik. Der japanische Konzern Panasonic, bekannt für Unterhaltungselektronik, erzielt 90 Prozent seiner Umsätze mit Produkten wie elektronischen Komponenten, Relais oder Sensoren für die Industrie, etwa für Autohersteller.

Er lieferte elektromechanische Komponenten für den Pod III. Halbleiterhersteller Infineon ist mit 144 Leistungschips dabei gewesen. Die zu Airbus gehörende Premium Aerotec aus Augsburg als Hersteller von Flügel- und Rumpfteilen stellte Carbon-Elemente für das Chassis bereit. Die Sponsoren berieten über Ansprechpartner bei der Umsetzung. Es ging nicht immer nur um Geld.

Der Wissensaustausch geht in beide Richtungen. Die Erfahrungen der Studenten fließen an die Sponsoren zurück, etwa wie sich die Elektronik im Vakuum der Röhre verhält, durch die die Kapsel rast. Das kann für Panasonic genauso hilfreich sein wie die Erfahrungen aus dem Kompaktbau. Für den Konzern ist die Miniaturisierung von Produkten eine Herausforderung. Premium Aerotec bekommt Rückkopplung über die Belastung der Materialien. Das Netzwerk hilft allen Seiten.

Wettbewerb bleibt Zuschussgeschäft

Für die Studenten lohnt sich das Engagement allemal, das ihnen kein Geld einbringt, sondern sie sogar Geld kostet. Sie haben Flugtickets und Übernachtungen in Los Angeles aus eigener Tasche gezahlt. Es ist der Spaß und der gewaltige Erfolg, der sie belohnt; etwas Sinnvolles machen – von dem man anfangs nicht weiß, was am Ende herauskommt.

Sie befinden sich in der realen Welt von Forschung und Entwicklung und schaffen es, aus einem scheinbaren Chaos heraus sich effizient zu organisieren. Und sie haben sich für ihre Karriere eine Referenz erarbeitet – nämlich eine Kapsel mit halber Schallgeschwindigkeit durch die Röhre zu jagen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Köhn, Rüdiger (kön.)
Rüdiger Köhn
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.
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