Tarifpolitik in Zwickmühlen

Der Abschluss taugt nicht als Vorbild

EIN KOMMENTAR Von Dietrich Creutzburg, Berlin
05.08.2022
, 18:29
Das Bodenpersonal der Lufthansa wird erst einmal nicht wieder streiken.
Lohnerhöhungen klar oberhalb der Inflation und eine starke „soziale Komponente“: Worauf sich Verdi und die Lufthansa geeinigt haben, wird nachhallen.
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Für Flugreisende ist die wichtigste Botschaft der Tarifeinigung zwischen Lufthansa und der Ge­werkschaft Verdi: Zumindest das Bodenpersonal der Fluggesellschaft wird vorerst nicht mehr streiken. Es bleibt allerdings das Risiko, dass bald Piloten ihre Reisepläne durchkreuzen. Oder demnächst doch wieder Verdi – mit Streiks der kommunalen Flughafenbeschäftigten in der anstehenden Tarifrunde des öffentlichen Dienstes.

Der neue Lufthansa-Abschluss sendet aber auch eine inhaltliche Botschaft mit grundsätzlichem Diskussionsstoff für die Welt der Lohnpolitik: Zum einen geht er teils weit über die Teuerungsraten hinaus: plus 19,2 Prozent bei 2000 Euro Grundvergütung im Monat; plus 8,3 Prozent bei 6500 Euro. Zum anderen, die Prozentwerte zeigen es, ist das Paket steil nach Gehaltsklassen gestaffelt. Der Gewerkschaftssprech nennt dies eine „starke soziale Komponente“.

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Auf den ersten Blick mag vor allem die schiere Höhe diskussionswürdig erscheinen. Gedanken an eine Entgrenzung in Richtung der gefürchteten Lohn-Preis-Spirale liegen nahe.

Der Kostendruck bleibt

Diese werden allerdings dadurch relativiert, dass Lufthansa-Tarifpakete an sich kei­ne makroökonomisch relevante Größe sind. Und es gibt ja eine plausible Begründung dafür, die Entgelte nun im Luftverkehr überdurchschnittlich zu erhöhen – eine unerwartet ho­he Nachfrage nach Flügen hat dort ge­rade zu akuter Personalnot geführt.

Eine Grundsatzfrage steht aber hinter der neuen, auch inflationsgetriebenen Beliebtheit „sozialer Komponenten“: Die Gewerkschaften mögen sie seit jeher, weil in ihrer Mitgliedschaft die unteren Lohngruppen am stärksten vertreten sind. Dass die Inflation sie besonders trifft, verstärkt nun ihre Position.

Allerdings: Ist es bei weiterhin zunehmendem Mangel an Fachkräften wirklich ratsam, deren Arbeit ta­rifpolitisch weniger zu honorieren als die von Hilfskräften? Arbeitgeber, denen das widerstrebt, sehen sich derzeit unter dem Kostendruck im Zweifel schlicht dazu genötigt – sonst würden die Tarifabschlüsse noch teurer.

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Es ist gewiss nicht falsch, wenn in diesen Zeiten neben dem Staat auch die Tarifpolitik ein Stück sozialpoli­tische Verantwortung übernimmt. Die Verantwortung für eine zukunftsfeste Personalpolitik, zu der auch attraktive Qualifikationsrenditen gehören, sollte sie darüber aber nicht vergessen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Wirtschaftskorrespondent in Berlin.
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