352 Prozent Zoll in Amerika

„Die Situation ist annähernd surreal“

Von Niklas Záboji
Aktualisiert am 15.10.2020
 - 16:08
Folienwalzanlage im Aluminiumwerk Grevenbroich des Unternehmens Hydro
Amerika hat Aluminium-Einfuhren aus 18 Ländern mit Zöllen belegt. Hydro aus Grevenbroich hat es am härtesten erwischt. Der Geschäftsführer ist fassungslos – und schließt politische Motive nicht aus.

Volker Backs ist immer noch fassungslos. Nachdem das amerikanische Handelsministerium Ende voriger Woche Aluminiumexporte aus 18 Ländern mit Zöllen belegt hatte, hat der Geschäftsführer von Hydro seinen Glauben an den fairen Welthandel ein Stück weit verloren.

„Für uns als Produzent fällt der nordamerikanische Markt damit weg“, sagt Backs, der der Walzsparte in Deutschland vorsteht. Zwar gingen weniger als 10 Prozent des Exports dorthin. Aber Nordamerika sei nicht zuletzt wegen seines Potentials ein nennenswerter Markt.

Die Hydro Aluminium Rolled Products GmbH mit Sitz im niederrheinischen Grevenbroich ist kein kleiner Betrieb. Auf der Welt arbeiten für den norwegischen Mutterkonzern Norsk Hydro 35.000 Mitarbeiter, davon rund 4000 in der Walzsparte in Deutschland. Der Jahresumsatz des Konzerns belief sich zuletzt auf 11 Milliarden Euro. Ein beträchtlicher Teil der in Europa gefertigten Walzprodukte von Hydro wird von Deutschland aus exportiert. Allein am Niederrhein stehen drei große Werke. Hydro beliefert Industrieunternehmen in aller Welt mit Aluminium.

Man habe vollständig kooperiert

„Die Situation ist annähernd surreal“, sagt Backs. Die Entscheidung aus Washington sei unverständlich – Hydro werde vorgeworfen, nicht ausreichend umfänglich kooperiert zu haben. „Dabei haben wir mehr als 3000 Seiten Daten zur Verfügung gestellt.“ Backs will nicht ausschließen, dass die verhängten Zölle politisch motiviert sind. Deshalb habe man sich an die Bundesregierung gewandet. Mehr kann er noch nicht sagen.

Die Vorgeschichte sieht aus Sicht von Hydro wie folgt aus: Anfang März habe es eine Anregung durch amerikanische Aluminiumhersteller gegeben, den Import aus 18 Ländern zu überprüfen. Dabei sei behauptet worden, dass ausländische Produzenten Dumping in Höhe von 16 bis 150 Prozent betrieben, durch Kampfpreise und Vergünstigungen in ihren Heimatländern also viel günstiger Aluminium herstellten; für Deutschland wurden 37 Prozent genannt.

Am folgenden Prozess des amerikanischen Handelsministeriums hat sich Hydro nach eigenem Bekunden beteiligt. Man habe umfangreich Daten geliefert und sei der Meinung, vollständig kooperiert zu haben, betont Backs.

„Wir haben bestehende Lieferbeziehungen“

Doch in Washington war man offenkundig anderer Auffassung. Nachdem zuvor schon importiertes Aluminium aus China verteuert worden war, wird nun auch die Einfuhr aus den betreffenden 18 Ländern mit einem Zoll versehen. Der Aufschlag variiert von Land zu Land. Die Spanne reicht von 0 bis 29 Prozent im Fall von Italien über 49 bis 137 Prozent im Fall von Brasilien hin zu 51 bis 352 Prozent im Fall von Deutschland.

Dabei erhält nur der Export eines einzelnen Unternehmens den, wie Backs sagt, „größtmöglichen Zoll“ – Hydro. Und obwohl die Beschlüsse vorläufig sind und die abschließende Entscheidung erst im April 2021 fällt, beginnt die Zollbehörde schon jetzt damit, die Zölle einzukassieren. Washington kalkuliert mit Einnahmen von 2 Milliarden Euro.

Ob die Motivlage wirklich politischer Natur ist, darüber kann der Hydro-Geschäftsführer nur rätseln. Anzeichen dafür, dass die Energiebelastungsbegrenzung eine Rolle gespielt haben könnte, sieht er keine. Klar müsse ohnehin sein: Die kostenlose Zuteilung von CO2-Zertifikaten im EU-Emissionshandel oder die Befreiung von der EEG-Umlage stelle eine Begrenzung von lokalen Sonderkosten dar, die dem Industriekonzern die Teilnahme am globalen Wettbewerb ermögliche. Von Subvention könne da keine Rede sein.

Doch wie es nun weitergeht, weiß man am Niederrhein selbst nicht. „Wir haben bestehende Lieferbeziehungen mit Amerika“, betont Backs. Die Lieferungen seien unterwegs, doch ein Zoll von 352 Prozent führe zu einer faktischen „Lieferunfähigkeit“. Und die wirtschaftlichen Konsequenzen seien nicht nur für Hydro signifikant: „Kunden benötigen unsere Lieferungen, vor allem die Autoindustrie und andere deutsche Konzerne, die in Amerika Wertschöpfung betreiben.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Zaboji, Niklas
Niklas Záboji
Redakteur in der Wirtschaft.
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