Berliner Manager in New York

„Ich lese keine Trump-Tweets“

Von Roland Lindner, New York
Aktualisiert am 26.10.2020
 - 15:38
Andreas Fibig, deutscher Unternehmenschef in New York
Der gebürtige Berliner Andreas Fibig führt den New Yorker Aroma- und Duftstoffkonzern IFF. Er spricht über das Verhältnis zwischen Trump und der Wirtschaft, die Gefahr der gesellschaftlichen Spaltung in Amerika und die Fernsehdebatten.

Herr Fibig, wie haben Sie als deutscher Manager in Amerika die beiden Fernsehdebatten zwischen Donald Trump und Joe Biden erlebt?

Die zweite war besser als die erste, aber die Messlatte war ja niedrig. Trump war bei der ersten Debatte eine Katastrophe, aber ich fand es auch von Biden nicht in Ordnung, den amtierenden Präsidenten einen „Clown“ zu nennen, auch wenn ich ihn in gewisser Weise verstehen konnte. Die zweite Debatte war nicht nur von der Form besser, sondern auch vom Inhalt, aber unter dem Strich fand ich sie auch enttäuschend. Ich hätte mir bei wichtigen Themen mehr Substanz gewünscht. Zum Beispiel wie man die Wirtschaft wieder nach vorne bringt oder wie man die zweite Corona-Welle eindämmt. Mich stört es auch, wenn es so persönlich wird, also zum Beispiel Trumps Anschuldigungen zu Bidens Sohn. Die sollen über ihre Programme reden, aber das war eher dünn.

Hat die Debatte nach Ihrer Einschätzung noch Einfluss auf den Wahlausgang?

Ich denke nicht viel. Es haben ja auch schon um die 50 Millionen Amerikaner gewählt. Und die Positionen waren nach wie vor die gleichen. Trump ist Trump. Biden ist kein starker Kandidat, hat es aber geschafft, ohne Aussetzer durchzukommen.

Was glauben Sie heute, wie die Wahl ausgeht?

Da gebe ich lieber keine Prognose ab, wie viele andere bin ich ein gebranntes Kind. Ich denke, alles ist möglich, und wer weiß, was noch in den nächsten Tagen passiert.

Wie fällt ihre Bilanz von Trumps Amtszeit aus wirtschaftlicher Sicht aus?

Es gibt Gutes und Schlechtes. Negativ ist auf jeden Fall, dass Amerika den Konflikt mit Europa gesucht hat. Also zum Beispiel mit Importzöllen oder Restriktionen für Visa, die es schwieriger gemacht haben, Fachkräfte nach Amerika zu holen.

Und was sehen Sie positiv?

An erster Stelle die Steuerreform. Ich würde mir auch in Deutschland eine Unternehmenssteuerreform wünschen. Auch die Deregulierung unter Trump finde ich gut, wobei ich dabei ausdrücklich Umweltfragen ausklammere. Ich denke, man musste auch einmal anfangen, das Thema China zu adressieren, auch wenn ich nicht unbedingt damit einverstanden bin, wie Trump das gemacht hat.

Was hätte er im Umgang mit China anders machen sollen?

Wie immer bei ihm: Weniger erratisch, mehr mit klarer Strategie. Weniger in der Öffentlichkeit, mehr mit Verhandlungen. Wir sollten versuchen, ein Gleichgewicht zu finden, wie wir auf der einen Seite geistiges Eigentum in China verteidigen und das Land für ausländische Unternehmen öffnen können, dabei aber den hiesigen Markt nicht komplett mit Zöllen und Einfuhrrestriktionen zu versperren.

Stichwort China: Wie fanden Sie die Geschehnisse um die Smartphone-App Tiktok? Also erst das Androhen des Verbots und dann das Einfädeln einer Allianz mit amerikanischen Unternehmen?

Auch das war mir zu erratisch, und die Regierung hat zu viel Einfluss in den Übernahmeverhandlungen ausgeübt. Ich habe auch generell ein Problem damit, etwas einfach zu verbieten, und ich finde, man sollte die Dinge nicht zu sehr in der Öffentlichkeit austragen. Ich glaube, die Chinesen würden besser reagieren, wenn man das ohne öffentlichen Druck macht.

Wenn Sie sagen, es gibt aus wirtschaftlicher Sicht Positives und Negatives: Wie ist Ihre Bilanz unter dem Strich?

Bis zur Corona-Krise war sie positiv. Amerika hatte solides Wirtschaftswachstum, niedrige Arbeitslosenzahlen und eine gute Entwicklung am Aktienmarkt. Mit der Pandemie hat sich freilich alles relativiert. Es ist ja Allgemeingut, dass das hier nicht sonderlich gut gehandhabt worden ist.

Und die gute Entwicklung bis zur Corona-Krise würden Sie auch der Trump-Regierung zurechnen und nicht nur als Weiterführung des Erbes von Barack Obama verstehen?

Soweit man sagen kann, dass Politik die Wirtschaft beeinflusst, hat Trump schon einige gute Dinge gemacht. Gerade die Steuerreform. Es hat vielen Unternehmen in Amerika sehr geholfen, dass damit der Höchststeuersatz von 35 auf 21 Prozent gesunken ist.

Glauben Sie, Donald Trump hat wirtschaftlichen Sachverstand?

Die Frage will ich lieber nicht beantworten.

Anders gefragt: Meinen Sie, die Dinge, die aus Sicht der Wirtschaft unter Trump gut verlaufen sind, sind ihm zu verdanken oder seinem Umfeld?

Ich denke, ein Teil davon stand auf der Agenda der Republikaner, und das war ihm sympathisch, und er hat es weiter vorangetrieben. Das ist ja relativ eindeutig und nicht so superkomplex.

Das Zusammenspiel zwischen Trump und der Wirtschaft ist ja manchmal etwas kurios. Mal sucht er die Nähe zu Vorstandschefs, dann attackiert er sie wieder auf Twitter…

Mir ist das zu sehr von Emotionen getrieben. Aber allgemein finde ich die Wirtschaftsorientierung der Trump-Regierung schon positiv, und ich würde mir das auch anderswo auf der Welt wünschen.

Angenommen, Sie würden nicht IFF führen, sondern den Autoreifenhersteller Goodyear oder eines der anderen Unternehmen, zu deren Boykott Trump über Twitter aufgerufen hat. Wie hätten Sie auf so etwas reagiert?

Ich denke, grundsätzlich tut man gut daran, seinen Kurs weiterzufahren und auch Position zu beziehen. Als zum Beispiel Trump den Rückzug aus dem Pariser Klimaabkommen angekündigt hat, haben wir bei IFF uns genauso wie einige andere Unternehmen öffentlich davon abgegrenzt.

Aber in dem Punkt waren sich ja tatsächlich viele Unternehmen einig. Was würden Sie tun, wenn Sie direkt ins Visier genommen werden?

Es kommt auf den Fall an. Wenn es ein Thema ist, das ein unverrückbarer Eckpfeiler des Unternehmens ist – wie eben zum Beispiel Nachhaltigkeit – muss man sich verteidigen. Wobei es ja auch so ist, dass diese Tweets mit einer ziemlich hohen Frequenz kommen, es wird also gewissermaßen ständig eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Deshalb muss man vielleicht gar nicht immer so stark öffentlich Stellung beziehen, wenn das Thema morgen sowieso vergessen ist. Aber man muss gegenüber seiner Belegschaft und anderen Interessengruppen wie Kunden klarmachen, wo man steht. Nebenbei bemerkt: Ich lese keine Trump-Tweets. Das Leben ist so komplex, dass ein Tweet das in der Regel schlecht abbildet.

Speziell von der amerikanischen Technologiebranche, die ja traditionell eher als linksliberal gilt, hat man den Eindruck gewonnen, dass sie sich im Laufe der Zeit mit Trump arrangiert hat…

Das geht nicht anders. Wenn aus dem Weißen Haus so stark Politik gemacht wird und man Verantwortung für ein Unternehmen hat, dann muss man sich arrangieren. So wie wir uns auch alle mit einer chinesischen Regierung arrangieren, wenn wir dort Geschäfte machen. Das ist nun einmal so.

Was würde ein Wahlsieg von Joe Biden für die Wirtschaft bedeuten?

Biden sendet jedenfalls keine sehr positiven Signale, zum Beispiel wenn er ankündigt, die Steuern wieder zu erhöhen und damit Trumps Reform ein Stück weit zurückzudrehen. Das heißt aber nicht, dass mir die Aussicht auf einen Präsidenten Biden Sorgen macht. Unternehmen können flexibel reagieren, je nachdem wer an der Macht ist. In der Vergangenheit haben sich auch die Aktienmärkte ziemlich ähnlich entwickelt, egal ob jetzt ein Demokrat oder ein Republikaner im Weißen Haus war. Ganz abgesehen davon hängt ja auch viel davon ab, wie die Mehrheiten im Kongress nach der Wahl aussehen.

Ist die Wirtschaft allgemein eher für Trump oder für Biden?

Ich denke, die Wirtschaft könnte sich schon gut eine zweite Trump-Amtszeit vorstellen, weil das Kontinuität bei Themen wie Steuern und Deregulierung verspricht. Aber jeder von uns muss das auch mit anderen Dingen abwägen, etwa der Spaltung im Land. Die amerikanische Gesellschaft ist wegen Trump noch gespaltener als sie das vorher schon war. Und das hat irgendwann auch Auswirkungen auf die Wirtschaft. Amerika ist nach wie vor wirtschaftlich das stärkste Land der Welt, und keiner kann ein Interesse haben, dass dieses Land sich weiter auseinanderentwickelt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Lindner, Roland
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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