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Handelskonflikt mit Amerika

Waffenruhe im Jahr der Ratte

Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai
Aktualisiert am 14.01.2020
 - 12:51
Nach fast zwei Jahren voller Strafzollsalven im Streit der Supermächte gibt es nun Frieden – zumindest vorläufig.
China ist kein Währungsmanipulator mehr und kauft in Amerika groß ein: Nach fast zwei Jahren voller Strafzollsalven im Streit der Supermächte gibt es nun Frieden – zumindest vorläufig.

Immer leerer wird es in Peking, Schanghai, Shenzhen. In Chinas Millionenstädten machen sich die Wanderarbeiter, ob sie nun auf dem Bau arbeiten oder im Büro, in diesen Tagen auf den Weg in ihre Heimatdörfer. Drei Milliarden Reisen verwandeln die Volksrepublik in den kommenden Wochen in den Ort der größten Völkerwanderung der Menschheit. Denn am 25. Januar ist der höchste chinesische Feiertag: der Beginn des Jahrs der Ratte.

Im chinesischen Tierkreis kommt die Ratte an erster Stelle. Der Nager steht für Wohlstand und Fruchtbarkeit. Menschen, die im Jahr der Ratte geboren werden, gelten als schlau, immer auf der Suche nach einer gewinnbringenden Möglichkeit. Das passt. Im Jahr der Ratte sieht es gut aus für China und seine Wirtschaft: der fast zwei Jahre währende Zollstreit mit den Vereinigten Staaten neigt sich einem Ende zu – oder vielmehr einer vorläufigen Waffenruhe.

Am Mittwoch wollen der amerikanische Präsident Donald Trump und Chinas Chefunterhändler Liu He in Washington den „Phase 1“ genannten Vertragsschluss der beiden größten Wirtschaftsmächte der Welt besiegeln. Nachdem im Januar 2018 Amerika ankündigte, Strafzölle auf chinesische Solarzellen und Waschmaschinen zu erheben, wurden Hunderte Millionen Güter aus beiden Ländern bis heute verteuert. Nun verpflichtet sich China offensichtlich, in den kommenden zwei Jahren amerikanische Waren aus vier Industriezweigen, der Hauptteil davon aus der Verarbeitenden Industrie, im Wert von insgesamt 200 Milliarden Dollar zu kaufen. 40 Milliarden Dollar davon soll China für landwirtschaftliche Erzeugnisse ausgeben, was eine Verdoppelung dessen wäre, was das Land derzeit aus Amerika an Agrarprodukten bezieht.

Im Gegenzug hat Amerika China am Montag von der Liste genommen, die in der Welt Staaten als Währungsmanipulatoren anprangert. Zudem führt Washington für schon Mitte Dezember angedrohte zusätzliche Strafzölle nicht ein und senkt bestehende Strafzölle in Höhe von 15 Prozent auf Waren im Wert von 120 Milliarden Dollar um die Hälfte. Ein Strafzoll in Höhe von 25 Prozent auf chinesische Güter im Wert von 250 Milliarden Dollar allerdings bleibt bestehen.

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Gute Laune bei Investoren
Amerikas Anleger fiebern China-Deal entgegen

Beide Seiten wollen Ruhe in ihre Wirtschaftsbeziehungen bekommen

Der „Deal“ in Washington ist eine Waffenruhe, kein endgültiger Friedensschluss. Beide Seiten sind daran interessiert, wieder Ruhe in die schwer beschädigten Wirtschaftsbeziehungen zu bekommen. Berichten in amerikanischen Medien zufolge wollte Trump angeblich schon im vergangenen Jahr eine Einigung mit seinem Gegenspieler Xi Jinping. Doch Chinas Präsident soll sich geweigert haben. Nun allerdings war auch Xi offensichtlich dazu bereit, Zugeständnisse zu machen, um der chinesischen Wirtschaft mit einer weiteren Eskalation nicht noch weiter zu schaden.

Denn diese sendet schon deutliche Schwächezeichen. Die Exporte Chinas wuchsen in Dollar gerechnet im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2018 nur minimal um 0,5 Prozent. Im Vorjahr waren sie noch um fast 10 Prozent gewachsen. Die Importe sanken 2019 im Jahresvergleich um 2,8 Prozent. Besonders hart erwischte es die Ausfuhren zu Chinas größtem Handelspartner Amerika.

Dass es nun in Washington zu einem Vertragsschluss kommt, findet auf beiden Seiten des Pazifiks großen Zuspruch. Chinas Staatsmedien halten sich mit Kritik an den Vereinigten Staaten derzeit ungewohnt vornehm zurück. Vom „Kampf“, den das chinesische Volk gegen den Erzfeind „bis zum Ende“ ausfechten werde, wie es in früheren Leitartikeln der Parteipresse hieß, ist nun keine Rede mehr.

Viele Beobachter finden, dazu bestehe auch kein Anlass, habe sich China im Handelsstreit doch wacker geschlagen. In der Tat enthält der „Phase 1“-Abschluss neben den versprochenen zusätzlichen Käufen amerikanischer Produkte wenig von dem, was Washington einst gefordert hatte. Dass Peking nach dem „Deal“ seine Staatswirtschaft privatisieren oder zumindest die milliardenschweren Subventionen für Chinas Konzerne aufgeben müsste, muss Xi Jinping nicht befürchten. Dies werde er den Chinesen in „Phase 2“ der Verhandlungen abringen, hat Trump angekündigt. Kenner der chinesischen Politik und Wirtschaft wie der Präsident der Europäischen Handelskammer in China, Jörg Wuttke, haben dazu in den vergangenen Wochen angemerkt, dass sie nicht damit rechneten, einen solchen Deal noch in diesem Leben beiwohnen zu können.

Wer hat also die erste Schlacht im Streit gewonnen?

Trump reklamiert den Sieg selbstredend für sich. In China jedoch zeigen sich die Beobachter alles andere als unzufrieden mit dem Abschluss: eine „Win-Win-Situation“ nennt diesen etwa Liu Yuan Ju vom Shanghai Institute of Finance of Law im Gespräch mit der F.A.Z: dass China sich jetzt ein bisschen stärker öffne, sei nicht schlecht für das Land. Im Gegenzug müsse es nach dem „Deal“ nicht mehr befürchten, dass amerikanische Unternehmen im großen Stil abwandern.

Genau dies war zu befürchten gewesen, als im vergangenen August der Streit seinen Höhepunkt erreichte: Er „befehle hiermit“ den amerikanischen Unternehmen, sich aus China zurückzuziehen, hatte Trump in seiner Wut darüber getwittert, dass im Xi Jinping nicht genug entgegen gekommen war. Tatsächlich haben seitdem nicht nur amerikanische Unternehmen begonnen, sich in Asien nach möglichen anderen Produktionsstandorten umzusehen. Doch die Amerikaner würden weiter in den größten Markt der Welt investieren, glaubt Jean-Marc Blanchard, Direktor des Wong-Centers for the Study of Multinational Corporations, einer Denkfabrik aus Kalifornien, die auch mit der Standford-Universität zusammenarbeitet. Ein „Zurück zum Normalzustand“ werde es jedoch in den chinesisch-amerikanischen Beziehungen nicht geben: „Was nach dem „Phase 1“-Deal im Jahr 2020 als normal angesehen wird, war vor vier Jahren gar nicht denkbar.“

Dass die Beziehungen beider Länder beschädigt bleiben werden, dieser Ansicht ist auch Shen Dingli, einem Fachmann für die Beziehungen zu Amerika von der Schanghaier Fudan-Universität, der jahrelang einer der engsten Berater des damaligen Generalsekretärs der Vereinten Nationen Kofi Annan war. Zwar sei die „schlimmste Zeit“ im Streit der Wirtschaftsmächte vorüber und der „Phase 1“-Deal zu begrüßen. Trump jedoch sei nicht zu trauen. „Wie sich die Beziehungen zwischen China und den Vereinigten Staaten entwickeln, werden wir frühestens in einem halben Jahr sagen können.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ankenbrand, Hendrik
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
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