Trump gegen China

Ein Alarmsignal für die Musikindustrie

Von Benjamin Fischer
11.08.2020
, 18:00
Amerika geht gegen die Tiktok-Muttergesellschaft Bytedance und den chinesischen Technologiekonzern Tencent vor. Das kann die Musikindustrie empfindlich treffen – und das gleich mehrfach.

Aus dem Schneider, zumindest vorerst: So umschreibt die Branchen-Website „Music Business Worldwide“ die Lage von Universal Music, Warner Music und Spotify, nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump ein Dekret gegen die chinesischen Unternehmen Bytedance und Tencent erlassen hat. Das Dekret verbietet amerikanischen Unternehmen nach einer Frist von 45 Tagen, mit Bytedance und dessen Gesellschaften Geschäfte zu machen. Im Fall von Tencent verhält es sich aber offenbar aktuell ein wenig anders.

Während der Text zu Bytedance auf jegliche Verbindungen zum Unternehmen als solches abzielt, ist hier zunächst gezielt von „Transaktionen in Verbindung mit Wechat“, der populären Tencent-App, die Rede. Dieser Punkt ist für die Musikindustrie von großer Bedeutung. Denn Tencent hält 10 Prozent der Anteile an Universal Music sowie 9 Prozent am Musik-Streamingdienst Spotify und hat nach der Börsenrückkehr im Juni auch Aktien von Warner Music erworben.

Laut der Vereinbarung mit Universals Muttergesellschaft, dem französischen Medienkonzern Vivendi, verfügt das von Tencent angeführte Käuferkonsortium zudem über eine Option zum Kauf weiterer 10 Prozent an dem amerikanischen Musikunternehmen zum selben Preis. Anfang des Jahres wurde Universal Music mit 30 Milliarden Euro bewertet.

Tencent als zentraler Partner

Gegenüber der „Los Angeles Times“ betonte ein Beamter des Weißen Hauses, dass das Dekret lediglich auf Wechat abziele und auch Videospiel-Unternehmen wie beispielsweise der „Fortnite“-Entwickler Epic Games von dem Dekret nicht betroffen seien. In dieser Branche ist Tencent ebenfalls breit investiert. Fraglich bleibt, wie weitreichend das teils vage formulierte Dekret nach Ablauf der 45 Tage letztlich angewandt wird und sich der Konflikt zwischen Amerika und China entwickelt. Alarmiert dürfte die Musikindustrie in jedem Fall sein.

Tencents globale Investmentstrategie im Bereich Unterhaltung könnte auf den Prüfstand gestellt werden, so der britische Branchenfachmann Mark Mulligan auf seinem Blog. Sollte Tencent seine Anteile an den Musikunternehmen abgeben müssen, könnte das schwerwiegende Folgen für die Branche haben. Schließlich habe der Konzern hohe Preise für seine Beteiligungen gezahlt und somit den Wert von Anlagen im Musikbereich generell gesteigert. Neben den Beteiligungen verbindet Tencent und die westlichen Musikriesen auch der börsennotierte Streamingdienst der Chinesen.

Die Tochtergesellschaft des Konzerns, Tencent Music Entertainment, beherrscht den chinesischen Streamingmarkt laut Mulligan mit einem Anteil von rund 78 Prozent. 651 Millionen monatlich aktive Nutzer vermeldete das Unternehmen am Dienstag. Darunter waren im zweiten Quartal 2020 demnach 47,1 Millionen zahlende Hörer – ein Wachstum von 51,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zum Vergleich: Spotify zählte jüngst 299 Millionen Nutzer, wovon 138 Millionen die Bezahlversion abonniert hatten.

Tiktok als Werkzeug zum Anbahnen von Superhits

Überdies ist Tencent der zentrale Partner für die drei großen Labels, Universal, Warner und Sony Music, um ihren Werkekatalog auf den hiesigen Diensten zugänglich zu machen. Die Konkurrenz von Tencent Music muss Sublizenzen über den Marktführer erwerben, um das Repertoire ebenfalls anzubieten. Ein umstrittenes Modell, das auch die chinesischen Kartellbehörden schon auf den Plan gerufen haben soll. Am Dienstag verkündete allerdings das größte der drei sogenannten Majors, Universal Music, erstmals eine direkte Lizenzvereinbarung mit Tencent-Wettbewerber Netease Cloud Music.

Mit Bytedance gibt es keine Verflechtung über Beteiligungen, und der noch junge Streamingdienst Resso ist bislang nur in Indien verfügbar. Dort steht Resso allerdings auf einer Liste von Apps, die von der Regierung geprüft werden. Bytedances bekannteste App, Tiktok, wurde schon Ende Juni in Indien verboten. Für die Musikbranche ist Tiktok ein mächtiges Marketinginstrument und obendrein Scouting-Fläche für potentielle neue Popstars. Gut 800 Millionen Nutzer verzeichnet die App mittlerweile monatlich – 100 Millionen davon in den Vereinigten Staaten, dem größten Musikmarkt der Welt. Entsprechend gespannt dürften in der Branche die Verhandlungen über die Zukunft der App in den Vereinigten Staaten verfolgt werden: Microsoft führt derzeit Gespräche über eine Übernahme unter anderem des Amerika-Geschäfts. Der Kurznachrichtendienst Twitter soll ebenfalls interessiert sein.

Tatsächlich sind die Vergütungsmodelle über die Nutzung von Musik mit Tiktok noch „verbesserungswürdig“, wie es Fred Casimir, ein Manager der Bertelsmann-Musiksparte BMG, jüngst in der F.A.Z. ausdrückte. Doch hat sich die App als exzellentes Werkzeug zum Anbahnen von Superhits etabliert. Das Kalkül ist simpel: Wird ein Song oder nur Teile davon in den Kurzvideos auf Tiktok massenweise genutzt, explodieren im Idealfall in diesem Zuge die Abrufe auf Spotify & Co. Schließlich gilt die junge Zielgruppe auf Tiktok auch als äußerst streamingaffin, und über die Dienste verdienen Labels wie Verlage gut.

Vom Tiktok-Star zum Musiker?

Der zuvor weitestgehend unbekannte amerikanische Rapper Lil Nas X etwa wurde durch Tiktok mit seinem Lied „Old Town Road“ zum Star und ist mittlerweile beim Sony-Label Columbia Records unter Vertrag. Wie weitreichend die Promo-Möglichkeiten der App sind, zeigte mit Drake im Frühjahr dieses Jahres auch ein anderer Künstler. Bevor der Song „Toosie Slide“ überhaupt fertig war, ließ der Musiker einen Ausschnitt dem kanadischen Tänzer Toosie zukommen.

Dieser dachte sich mit Freunden eine Choreographie zu Drakes leicht verständlichem Songtext aus, die wenig später auf Tiktok rundging. Da die Videos nur bis zu 60 Sekunden lang sein können, muss natürlich auch die Musik entsprechend eingängig sein und die Nutzer möglichst schnell packen. Hip-hop- oder poppige Elektro-Stücke, zu denen sich einfach tanzen lässt, eignen sich da meist gut.

Mit Falco Punch, einem der bekanntesten deutschen Tiktok-Nutzer, will Universal Music die Plattform derweil auch auf die umgekehrte Weise nutzen und ihn als Musiker vermarkten. Der gelernte Tischler hat jüngst seine erste Single veröffentlicht. Über ausreichend Follower, um sie direkt zu bewerben, verfügte er mit fast 9 Millionen schon vorher.

Auf dem zu Facebook gehörenden Netzwerk Instagram, das vergangene Woche seine an Tiktok erinnernde Funktion Reels eingeführt hat, sind es nur rund 283.000. Sollte Tiktok im Zuge von Trumps Vorgehen auch international zunehmend unter Druck geraten, könnten Instagram und andere Konkurrenten profitieren. Für die Musikbranche dürfte es freilich deutlich aufwendiger werden, potentielle Hörer zu erreichen, wenn diese sich auf verschiedene Plattformen verteilen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
Redakteur in der Wirtschaft.
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