Es ist zum Haare raufen

Von STEFANIE DIEMAND und SARAH OBERTREIS, Fotos von FINN WINKLER

16. Februar 2021 · Die Friseurbranche hatte schon lange vor Corona Probleme. Schwarzarbeit und Überangebot haben Preise und Löhne auf ein Minimum gedrückt. Gibt es noch Hoffnung?

Sie könnte jetzt auch anfangen zu weinen. Jetzt, wo sie in ihrem Salon sitzt, in dem eigentlich noch zwei Stunden Leben herrschen müsste. In dem heute aber absolut gar nichts passieren wird, in dem seit Wochen absolut gar nichts passiert.

Julia Rohrer ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, aber vor allem ist sie Friseurmeisterin. Rumsitzen ist nicht ihr natürlicher Zustand, eigentlich steht sie in ihrem Laden, oft sechzig Stunden in der Woche. Rohrer hat einen Lehrling und fünf Mitarbeiterinnen. Wie lange sie ihre Angestellten noch bezahlen kann, weiß sie nicht. Sie weiß gerade ja nicht mal, wie sie für Miete und Essen aufkommen soll.

Den mehr als 80000 Friseursalons im Land geht es schlecht. Wenn sie am ersten März wieder öffnen dürfen, liegen mehr als zehn Wochen ohne Arbeit hinter ihnen. Wie prekär die Lage ist, zeigt eine Umfrage des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks: Siebzig Prozent der Ladengeschäfte haben im vergangenen Jahr mindestens dreißig Prozent weniger Umsatz gemacht als zuvor. Viele Salonbetreiber und -betreiberinnen haben noch gar keine Hilfen bekommen oder müssen Zuschüsse aus dem Frühjahr zurückzahlen.

Frühestens Anfang März kommen diese Utensilien zum Frisieren wieder zum Einsatz.



Auf Julia Rohrers Konto stand im Dezember noch ein fünfstelliger Betrag. Zehn Jahre Selbstständigkeit, nie konnte sie eine Rechnung nicht begleichen. Auf das Konto traut sie sich schon seit Wochen nicht mehr zu schauen.

„Das Geld rinnt uns zwischen den Händen“, sagt Ralf Steinhoff, ein Salonbetreiber aus Reutlingen, der eigentlich gerne erklärt, dass sich das Friseursein und erfolgreiches Wirtschaften nicht kategorisch ausschließen. Hätten die Fitnessstudios noch auf, könnte Steinhoff seine Wut an der Hantelbank ausschwitzen. Stattdessen sitzen die Sorgen und der Frust nun neben ihm auf dem Sofa. „Dreißig Prozent Umsatzrückgang – das ist für eine Branche wie die der Friseure tödlich“, sagt er. In seiner Branche sind die Margen so niedrig und ist die Zersplitterung so hoch, dass es in ihr schon lange vor der Pandemie Probleme gab. Probleme, angesichts derer erfahrene Friseure und Experten in einen zuweilen hoffnungslosen Pessimismus verfallen.

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10.02.2021
Quelle: F.A.Z.