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Spahn-Vorstoß

Was Sie zur Organspende wissen müssen

 - 12:34

Niere, Leber oder Herz: Mehr als zehntausend Menschen in Deutschland brauchen ein lebensrettendes Spenderorgan. Sie warten oft jahrelang - viele vergeblich. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will nun eine Debatte über eine Widerspruchslösung bei Organspenden anstoßen. In den europäischen Staaten gibt es unterschiedliche Verfahren, wie Bürger ihr Ja oder Nein zu einer Organspende äußern können.

Was ist die (erweiterte) Zustimmungslösung?

Organe und Gewebe können nur dann entnommen werden, wenn die verstorbene Person zu Lebzeiten einer Organspende zugestimmt hat. Liegt keine Zustimmung vor, dürfen keine Organe oder Gewebe entnommen werden.

Bei der erweiterten Zustimmungslösung müssen die Angehörigen stellvertretend für die verstorbene Person entscheiden, falls diese zu Lebzeiten keine Entscheidung dokumentiert hat. Die erweiterte Zustimmungslösung gilt zum Beispiel in Dänemark, Griechenland, Großbritannien, Litauen, Rumänien und der Schweiz.

Was ist die Entscheidungslösung?

Sie ist eine Unterform der Zustimmungslösung; sie ist in Deutschland in Kraft. Für sie gilt ebenfalls, dass eine Organentnahme nur zulässig ist, wenn eine Zustimmung vorliegt. Alle Bürger sollen sich auf der Grundlage fundierter Informationen mit der eigenen Spendenbereitschaft auseinandersetzen. In Deutschland erhalten Krankenversicherte regelmäßig Informationsmaterialien und einen Organspendeausweis von den Krankenkassen und Versicherungsunternehmen.

Was ist die Widerspruchslösung?

Hat die verstorbene Person einer Organspende zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen, zum Beispiel in einem Widerspruchsregister, können Organe zur Transplantation entnommen werden. Die Widerspruchslösung gilt in Bulgarien, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Liechtenstein, Luxemburg, den Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, der Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, der Türkei, Ungarn und Zypern. Kürzlich hatten auch die Niederlande diese Lösung beschlossen. Allerdings gibt es heftigen Widerspruch und Bestrebungen, dazu eine Volksabstimmung durchführen zu lassen.

In einigen Ländern haben die Angehörigen das Recht einer Organentnahme bei der verstorbenen Person zu widersprechen, sollte keine Entscheidung der verstorbenen Person vorliegen. Die Widerspruchsregelung mit Einspruchsrecht der Angehörigen gilt in Belgien, Estland, Finnland, Litauen und Norwegen.

Wie viele Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan?

Bundesweit stehen nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) etwa zehntausend schwer kranke Menschen auf der Warteliste. Täglich sterben im Schnitt drei davon, weil nicht rechtzeitig ein passendes Organ zur Verfügung steht. Allein 8000 Menschen brauchen eine neue Niere. Das sind etwa viermal so viele, wie derzeit Transplantate vermittelt werden können. 2017 sanken die Organspendezahlen auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren.

Wo wird die Spendenbereitschaft dokumentiert?

Das passiert im Organspendeausweis. Nach einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung haben 36 Prozent der Deutschen solch ein Dokument.

Welche Organe können gespendet werden?

Das sind Niere, Leber, Herz, Lunge, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm. Außerdem lassen sich Gewebe wie zum Beispiel Hornhaut oder Knochen verpflanzen. Im Spenderausweis können aber auch einzelne Organe ausgeschlossen werden.

Wie viele Spender gibt es?

Als 2012 bekannt wurde, dass Ärzte an mehreren deutschen Universitätskliniken offenbar Patientendaten manipulierten und so die Vergabe von Spenderlebern beeinflussten, brachen die Spenderzahlen massiv ein. 2017 wurden 797 Verstorbenen Organe entnommen, im Vorjahr waren es noch 857. Die Zahl der gespendeten und der europäischen Vermittlungsstelle Eurotransplant gemeldeten Organe sank auf 2594.

Das liegt nicht unbedingt an einer abnehmenden Spendebereitschaft der Bevölkerung. 84 Prozent stehen der Organspende positiv gegenüber. Die Fachleute sehen aber strukturelle und organisatorische Schwachstellen in den Kliniken. So gab es von dort weniger Meldungen von möglichen Organspendern. Auch die Vergütung ist ein Hemmnis, Spahn will an dieser Stelle nachbessern. Eine Organspende kann aber auch durch unklare Formulierungen in Patientenverfügungen verhindert werden.

Welche Voraussetzungen gelten für eine Organspende?

Der Verstorbene muss entweder zu Lebzeiten in die Organspende einwilligen, oder seine Angehörigen stimmen zu. Zudem muss der Hirntod von zwei Ärzten unabhängig voneinander festgestellt werden. Infrage kommen nur jene Menschen, bei denen der Hirntod vor dem Herzstillstand eintritt. Bei den meisten tritt zuerst ein Herzstillstand ein, weshalb nur wenige Verstorbene überhaupt für die Organspende in Betracht kommen. Durch künstliche Beatmung wird der Kreislauf aufrecht erhalten, so dass Organe und Gewebe weiter durchblutet werden.

Können auch ältere Menschen spenden?

Sofern die Organe gesund und bestimmte Infektionskrankheiten ausgeschlossen sind, können sie dies tun. Es gibt immer mehr Organspender über 65 Jahre. Da aber die Wahrscheinlichkeit für Begleiterkrankungen steigt, sind bei älteren Spendern häufig weniger Organe für eine Transplantation geeignet.

Was sind die größten Ängste?

Viele Menschen scheuen sich schlichtweg vor der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Andere hält die diffuse Angst vor möglichem Missbrauch oder Organhandel ab - oder sie fürchten, dass im Ernstfall nicht mehr alles medizinisch Notwendige für sie getan wird. Für Laien ist vor allem der Hirntod als Voraussetzung für die Organentnahme oft schwer nachvollziehbar, weil der Verstorbene zumeist keines der allgemein bekannten Todeszeichen aufweist. Mit Hilfe von Maschinen und Medikamenten schlägt sein Herz, und er scheint noch selbst zu atmen.

Quelle: hade./KNA/AFP
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