<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Die Woche der Wahrheit

Facebook zeigt sein wahres Gesicht

Von Hendrik Ankenbrand
 - 19:01
Ein steifer Kerl in Badelatschen: Mark Zuckerberg ist kein guter Geschichtenerzähler, er ist ein Nerd

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wohnt in einem schönen Haus. Es steht im kalifornischen Palo Alto, misst 800 Quadratmeter und hat sechs Millionen Dollar gekostet. Jüngst hat Zuckerberg eine Hypothek auf sein Haus genommen. Laufzeit: 30 Jahre. Zinssatz: unglaublich niedrige 1,05 Prozent.

Zuckerberg ist Multimilliardär, er könnte sein Haus bar bezahlen. Aber warum? Finanziell holt der Facebook-Chef alles raus, was geht, immer und überall. In den Flitterwochen in Rom sparte er das Trinkgeld. Beim Facebook-Börsengang Mitte Mai verlangte er 38 Dollar pro Anteilsschein - 10 Dollar mehr als erwartet. Der heftige Aufschlag machte Facebook auf dem Papier zu einem Konzern, der über 100 Milliarden Dollar wert war, viel mehr als etwa Siemens. Mittlerweile ist Facebook wieder geschrumpft. An der Börse ist sein Wert in 80 Tagen um die Hälfte gefallen, die Aktie entwickelt sich zu einem der größten Misserfolge in der Geschichte des Kapitalmarkts. Erst gab es enttäuschende Zahlen für das zweite Quartal, diese Woche droht der Kurs nun vollends abzustürzen. Schon haben die Preise für Finanzprodukte, mit denen Zocker auf ein Fallen der Aktie wetten können, sich vervielfacht. Denn für Facebook beginnt die Woche der Wahrheit.

Der Offenbarungseid steht an

421 Millionen Facebook-Aktien wurden bisher an der Börse gehandelt, doch das ist nur ein kleiner Teil der tatsächlichen Anteile. Ab Donnerstag dürfen nun die Facebook-Angestellten ihre Aktien verkaufen, in einem ersten Schritt 271 Millionen Stück. Den Angestellten war ein Verkauf bisher verboten, weil sie Insider sind und Wissen haben, das normale Aktionäre nicht haben können. Sie sind live dabei, wenn Mark Zuckerberg in den Teamkonferenzen erklärt, mit welcher Technik er Unternehmen dazu kriegen will, lukrative Werbung auf Facebook zu schalten, damit das Netzwerk endlich Geld verdient. Die Angestellten wissen, was die werbetreibenden Unternehmen am Telefon sagen, wenn sie von Zuckerbergs Plänen hören. Die Angestellten kennen die Tücken der Technik, die Zuckerbergs Visionen umsetzen soll. Kurzum: Während die Welt den Versprechen Zuckerbergs auf eine goldene Zukunft geglaubt hat, wissen die Insider genau, was Facebook in Wahrheit wert ist.

Als die Mitarbeiter der Webfirmen Groupon, einem Schnäppchenverkäufer mit wackelndem Geschäftsmodell, und von Zynga, einem Spieleanbieter mit miesen Zahlen, ihre Aktien jüngst nach der Haltefrist verkaufen durften, ging der Kurs der Aktien in den Keller. Am Donnerstag steht dann für Facebook der Offenbarungseid an: Wenn die Angestellten massenhaft verkaufen, scheinen auch sie nicht unbedingt daran zu glauben, dass Facebook künftig Milliarden scheffelt. Und in diesem Fall ist Facebook nicht viel wert.

Wie konnte das passieren? Wie konnte Zuckerberg die Welt glauben machen, über eine Gelddruckmaschine zu verfügen?

Zuckerberg brauchte die Masse

Das erste Quartal des Jahres 2012 hatte Facebook mäßig abgeschlossen. Immer mehr Mitglieder klickten sich nicht mehr vom heimischen Computer auf die Seite, sondern vom Handy aus - dort schaltet Facebook keine Werbung. Schlecht für den Umsatz. Und weil Zuckerberg keine Idee hatte, wie man die Misere behebt, rechneten die Facebook-Betriebswirte auch mit einem miesen zweiten Quartal. Doch der Börsengang stand kurz bevor. Facebook entschuldigte die Schwäche mit „saisonalen Trends“. Und strickte lieber an der Legende von der Geldmaschine.

Mark Zuckerberg ist kein guter Geschichtenerzähler, er ist ein Nerd. Ein steifer Kerl in Badelatschen. Chris Cox ist das Gegenteil eines Nerds. Cox sieht aus wie der junge George Clooney. Der 29-jährige Cox arbeitet auch bei Facebook. Er ist nicht besonders wichtig, weil bei Facebook Mark Zuckerberg alles allein entscheidet, aber im Investorenfilm, in dem Facebook für den Kauf der Aktie warb und der bei Youtube von Zehntausenden angeguckt wurde, ist Cox fast die Hälfte der dreißig Minuten mit locker aufgeknöpftem Hemd im Bild und erzählt, wie Facebook die Menschheit miteinander verbandelt und zu idealen Zielen für die Werbeindustrie macht. „Facebooks neuer Star!“, jubelte CNN. Die „New York Times“ berichtete von Facebooks Güte, aus Verbundenheit zu den Mitgliedern des Netzwerks auch ganz normalen Privatpersonen Aktien zuzuteilen: eine bodenständige Firma!

Zuckerberg brauchte die Masse für den Hype um die Aktie, denn aus dem Datenraum des Firmensitzes am Menlo Park hatte er längst Bescheid bekommen, dass auch das zweite Quartal mies lief. Das Handy-Problem war größer geworden. Schon die Börsenaufsicht hatte Zuckerbergs Anwälte in scharfen Worten dazu drängen müssen, im Börsenprospekt Facebooks Handy-Schwäche nicht mit dem Halbsatz abzutun, dies könnte das Ergebnis „negativ beeinflussen“. Die Anwälte wollten nicht recht, machten ihrerseits der Aufsichtsbehörde Druck. Der Börsengang musste her, und zwar schnell.

Investoren zocken gerne

Als Mark Zuckerberg im Kapuzenpulli kurz vor dem Börsengang in New York vor potentielle Investoren tritt, gehen warnende Stimmen unter. Mit Facebook sei kein Geld zu machen, schrieb die „Chicago Sun Times“ - und porträtiert am Folgetag den süßen Firmen-Star Chris Cox. Währenddessen unterrichten die Facebook-Manager ihre Konsortialbanken von den schwächeren Umsatzzahlen. Die Analysten von Morgan Stanley, Goldman Sachs und J.P. Morgan fahren ihre Prognosen herunter und warnen ausgewählte Kunden. Den Rest ermutigen sie, fleißig Aktien zu ordern - und legen später den Preis am maximal oberen Ende der Spanne fest: 38 Euro.

Am Tag des Börsengangs kauft die Masse. Die Insider hingegen, frühe Investoren wie Pay-Pal-Gründer Peter Thiel, die im Aufsichtsrat von Facebook saßen und am Börsengang beteiligte Banken, die interne Zahlen von Facebook gesehen hatten, verkaufen. Der russische Internet-Investor Yuri Milner schlägt drei Viertel mehr Aktien los als ursprünglich geplant und kassiert 2,4 Milliarden Dollar. Der gebürtige Frankfurter Thiel, der 2004 für 10 Prozent an Facebook eine halbe Million Dollar zahlte, geht mit gut 600 Millionen nach Hause. Die Investmentbank Goldman Sachs, die den hohen Börsenpreis mit festgelegt hatte, verkauft doppelt so viele Anteile wie angekündigt und holt für ihre wohlhabende Klientel 1,1 Milliarden raus. Zuckerberg selbst macht 1,2 Milliarden Dollar. Keiner fuhr seinen Anteil auf null. Investoren zocken gerne. Und Facebook, das war ihnen klar, ist eine Zocker-Aktie.

Wie weit der Absturz noch geht, wird sich nun zeigen. Facebooks Designchef, Ben Blumenfeld, gab seine persönliche Antwort darauf schon Ende vergangener Woche. Er kündigte. Es war die siebte Kündigung eines Top-Managers seit Facebooks Börsengang.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Ankenbrand, Hendrik
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBörsengangBörseDollarFacebookJ. P. MorganMark ZuckerbergSiemensRom