Kündigungen im Abgasbetrug

Brüchige Legende

EIN KOMMENTAR Von Marcus Jung
21.04.2021
, 11:05
Im Abgasskandal ist von einem kleinen Kreis an Verantwortlichen die Rede. Nachdem sich wieder ein geschasster Ingenieur erfolgreich zurück ins Unternehmen klagt, bleibt die Frage: Wie lang will Volkswagen noch an der Geschichte festhalten?

Es fällt Menschen leicht, in Krisen mit dem Finger schnell auf andere zu zeigen. In Wolfsburg bildete man die Legende, der Dieselskandal sei das Werk einiger weniger Ingenieure gewesen. Schon 2015 legte sich Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch fest, dass nur eine überschaubare Zahl von Mitarbeitern aktiv zu den Manipulationen beigetragen habe. Volkswagen jedenfalls gelobte Besserung, durchlief über Jahre ein strenges Programm seines amerikanischen Aufpassers Larry Thompson – zweifelsohne hat Compliance dadurch im Konzern einen völligen anderen Stellenwert als vor wenigen Jahren.

Auf Thompsons Drängen, flankiert von den Eindrücken aus deutschen Ermittlungsakten, kündigte VW den vermeintlichen Drahtziehern im Konzern. Teilweise waren es aber Sündenböcke, der Eindruck bestätigt sich nun immer mehr. Denn binnen weniger Wochen kassiert VW eine zweite bittere Niederlage vor dem Landesarbeitsgericht Niedersachsen.

Die Kündigung eines Hauptabteilungsleiters in der Aggregate-Entwicklung ist unwirksam: Der Ingenieur, von dem sich VW unbedingt trennen wollte, muss nun weiterbeschäftigt werden. Für jedes Unternehmen ist das eine schwere Situation. Im Fall von VW kommt hinzu, dass ein Festhalten an der Legende nicht mehr glaubwürdig ist.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Marcus Jung
Marcus Jung
Redakteur in der Wirtschaft.
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