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Der neue Puls der Städte

Von BASTIAN BENRATH

02.12.2018 · 1,2 Millionen Fahrräder sind weltweit als Leihräder unterwegs. Doch ist Bikesharing ein Modell der Zukunft? Ein Multimedia-Dossier.

Gelb, grün, blau und rot: Leihräder haben Deutschlands Städte bunter gemacht. Wer kein eigenes Fahrrad hat, nach Ankunft mit der S-Bahn nicht laufen will oder spontan ein Verkehrsmittel für den Heimweg sucht, greift gerne auf die farbenfrohen Räder der verschiedenen Anbieter zurück. Doch wie nutzen Menschen in Deutschlands Städten die Räder? Von wo nach wo fahren sie? Und wie ernst zu nehmen ist das „Bikesharing“ als Teil einer Mobilität der Zukunft? Für dieses Dossier haben wir von FAZ.NET uns exemplarisch die Leihrad-Nutzung in Frankfurt und Hamburg angesehen – und versuchen so, diesen Fragen auf die Spur zu kommen.

Leihräder verschiedenster Anbieter reihen sich vor dem Frankfurter Hauptbahnhof eineinander. Foto: Martin Ly

Mehr als 1,2 Millionen Fahrräder sind weltweit als Teil von Bikesharing-Systemen unterwegs. Die Spezialart des Fahrradverleihs wurde zwar in Europa erfunden, doch wie eine Roland-Berger-Studie zeigt, ist auf einem anderen Kontinent dem Modell der Durchbruch gelungen: Asien. Dort sind es vor allem die chinesischen Megacities, die ihr Antlitz in den vergangenen Jahren durch die Leihräder verändert haben.

Während Paris mit 24.200 Rädern das größte Bikesharing-System Europas betreibt, ist das der zentralchinesischen Metropole Wuhan mit 90.000 Rädern fast viermal so groß. Und das, obwohl beide Städte eine ähnlich große Einwohnerzahl haben: In Wuhans Ballungsraum leben knapp 11 Millionen, in Paris etwa 12,5 Millionen Menschen.

Der Leihfahrrad-Boom hat in China deutlich stärker eingeschlagen, als in Europa. Einer weltweiten Befragung des Statistik-Portals Statista zufolge haben in China 37,4 Prozent der Internetnutzer schon einmal einen Bikesharing-Dienst genutzt. In Deutschland sind es bislang nur 2,5 Prozent.

Der Hauptunterschied zu einem herkömmlichen Fahrradverleih liegt beim Bikesharing im Entleihprozess. Während der Nutzer beim Verleih in einen Laden gehen muss, stehen Bikesharing-Räder einfach auf der Straße. Nutzer müssen sich einmalig im Internet registrieren und identifizieren sich dann über eine App auf ihren Handys. Auf diese Weise entriegeln sie die Schlösser an den Rädern und können losfahren. Die Abrechnung erfolgt über eine hinterlegte Kreditkartennummer oder eine andere Art des Online-Bezahlens.


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Zwei große Anbieter in Deutschland



Zwei große Anbieter in Deutschland

Die Farben der beiden größten Bikesharing-Anbieter in Deutschland sind blau und rot. Die silber-blauen Räder gehören zu Nextbike, einem Leipziger Unternehmen, die silber-roten zu Call a Bike der Deutschen Bahn. Call a Bike legte im Jahr 2000 den Grundstein, Nextbike kam vier Jahre später auf den Markt. Interessant dabei: Die Deutsche Bahn wollte eigentlich gar kein alleinstehendes Leihrad-System etablieren. Call a Bike entstand ursprünglich aus der Problematik, dass Fernverkehrszüge in Deutschland lange Zeit keine Möglichkeit boten, Fahrräder mitzunehmen.

Björn Bender Foto: Björn Bender

„Anfang der Nullerjahre gab es eine große Diskussion um Fahrrad-Mitnahme in Fernverkehrszügen“, erzählt Björn Bender, Vertriebsleiter des Bahn-Tochterunternehmens DB Connect, das Call a Bike betreibt. „Da haben wir als Deutsche Bahn gesagt: Für alle, die Fahrrad-Mobilität nutzen möchten, aber ihr eigenes Fahrrad nicht mitbringen können oder wollen, bieten wir Fahrräder an den Bahnhöfen an.“

Von diesem System eines Angebots für velophile Zugreisende hat sich Call a Bike inzwischen fortentwickelt. Immer noch sind die Bahnhöfe oder die Nahverkehrs-Knotenpunkte einer Stadt Orte, an denen viele Räder entliehen werden, doch sie sind nicht mehr alleine und nicht mehr alle Leihfahrrad-Fahrer sind vorher Zug gefahren. „In vielen Fällen schließen die Räder die Reisekette auf der letzten Meile“, sagt Bender. „Das ist aber nicht nur so: Das Fahrrad ist auch ein für sich allein stehendes Verkehrsmittel der urbanen Individualmobilität.“

Von 2014 bis 2017 stieg die Nutzerzahl von Call a Bike um mehr als 40 Prozent. Egal ob dort oder bei anderen Anbietern, für das Klima ist der Siegeszug der Fahrräder gut. Eine Berufspendlerin, die werktags insgesamt 10 Kilometer zur Arbeit fährt, spart im Jahr rund 350 Kilogramm CO2 ein, wenn sie das Rad statt des Autos nimmt. Das entspricht in etwa den CO2-Emissionen eines Hin- und Rückflugs von Frankfurt nach Wien, die auf eine Person entfallen.


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Frankfurt am Main



Frankfurt am Main

Der Ratgeberautor Alexander Eser vom Portal kaufberater.io hat die Nutzung der Leihräder des Bahn-Angebots Call a Bike untersucht und grafisch abgebildet. Entstanden ist das Abbild eines neuen Pulsschlags urbaner Mobilität in Deutschlands Großstädten. Am Morgen erblühen zahlreiche Kreise in den stadtnahen Wohngebieten und an den wichtigen Bahnhöfen – dort werden Räder entliehen. Kurz darauf schlagen meist etwas weniger und dafür größere Kreise in der Innenstadt aus, wo sie zurückgegeben werden. Am Nachmittag rollt die Welle umgekehrt.

Mehr Fahrräder ausgeliehen
Mehr Fahrräder zurückgegeben

Wie die Bewegung zeigt, ist das Leihfahrrad insbesondere auf dem Arbeitsweg für viele Stadtbewohner zur Alternative geworden. In der Stunde zwischen 8 und 9 Uhr morgens finden rund doppelt so viele Fahrten statt wie zwischen 10 und 11 Uhr. Die meisten Fahrten des Tages gibt es zum Feierabend, zwischen 17 und 18 Uhr. Doch es ist auch nicht nur der Arbeitsweg, den die Menschen mit den Leihrädern zurücklegen: „Bikesharing wird zu den unterschiedlichsten Zwecken genutzt – ein einziges ‚typisches Nutzerverhalten‘ können wir nicht entdecken“, sagt Call a Bike-Vertriebschef Bender. „Wo sich Räder ansammeln, hängt von Wochentag und Tageszeit ab. Unter der Woche abends sind es eher die Stadtränder, am Samstagmittag ist es eher die Innenstadt.“

Frankfurt am Morgen

Ausgeliehene und zurückgegebene Fahrräder in Frankfurt zwischen 9.00 und 10.00 Uhr morgens. Die Ausleihzahlen sind über dreieinhalb Jahre aufsummiert. Quelle: kaufberater.io

Mehr Fahrräder ausgeliehen
Mehr Fahrräder zurückgegeben

Durch Frankfurt fahren derzeit rund 6500 Leihfahrräder. Neben Call a Bike und Nextbike bieten auch die drei Anbieter O-Bike (silber-gelb), Byke (blau-gelb) und Limebike (grün-gelb) Fahrräder an. Alle Anbieter arbeiten eigenwirtschaftlich, ein von der Stadt subventioniertes Leihsystem gibt es, anders als in Hamburg, Berlin oder Köln, nicht. Warum nicht? Weil das Angebot ausreichend ist und funktioniert, sagt Henning Beppler vom Magistrat der Stadt. „Aufgrund der bestehenden privatwirtschaftlichen Angebote wurde nicht in ein städtisches Fahrradverleihsystem investiert.“

Frankfurt am Abend

Ausgeliehene und zurückgegebene Fahrräder in Frankfurt zwischen 18.00 und 19.00 Uhr abends. Die Leihvorgänge wurden zwischen Januar 2014 und Mai 2017 erhoben. Quelle: kaufberater.io

Mehr Fahrräder ausgeliehen
Mehr Fahrräder zurückgegeben

Ist Bikesharing für Frankfurt ein Modell mit Zukunft? „Ja“, sagt der Beamte. „Dies zeigt bereits die sichtbar hohe Nutzerfrequentierung im Stadtbild.“


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Hamburg



Hamburg

Anders als in Frankfurt gibt es in Hamburg ein städtisches Ausleihsystem. Unter dem Namen „Stadt-Rad Hamburg“ können Bewohner und Gäste seit 2009 rote Räder mit dem Wappen der Hansestadt auf dem Heck nutzen. Die Farbe ist Programm, denn auch hinter Stadt-Rad Hamburg steht die Deutsche Bahn. Dass Rot auch die Wappenfarbe Hamburgs ist, passt dabei ganz gut.

Mehr Fahrräder ausgeliehen
Mehr Fahrräder zurückgegeben

Die Stadt hat mit DB Connect einen Vertrag geschlossen, dafür können die Hamburger alle Räder die erste halbe Stunde kostenlos nutzen. 90 Prozent aller Fahrten werden in diesem Freitarif gemacht, rechnet die Stadt vor. Zuletzt 2,6 Millionen Euro im Jahr lässt sie sich das kosten. „Wir definieren das Fahrrad als eines der relevanten Verkehrsmittel der Zukunft“, sagt Christian Füldner von der Hamburger Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation.

Hamburg am Morgen

Ausgeliehene und zurückgegebene Fahrräder in Hamburg zwischen 9.00 und 10.00 Uhr morgens. Die Ausleihzahlen sind über dreieinhalb Jahre aufsummiert. Quelle: kaufberater.io

Mehr Fahrräder ausgeliehen
Mehr Fahrräder zurückgegeben

Stadt-Rad Hamburg startete im Jahr 2009 mit 800 Leihrädern an 68 Stationen. Inzwischen sind es 2450 Räder an 212 Stationen – der Kreis der registrierten Kunden wuchs auf fast eine halbe Million Menschen. Durchschnittlich 8300 Mal am Tag wird eines der Stadträder entliehen. Regelmäßig seien es aber auch mehr als 10.000 Leihvorgänge, sagt Füldner.

Hamburg am Abend

Ausgeliehene und zurückgegebene Fahrräder in Frankfurt zwischen 18.00 und 19.00 Uhr abends. Die Leihvorgänge wurden zwischen Januar 2014 und Mai 2017 erhoben. Quelle: kaufberater.io

Mehr Fahrräder ausgeliehen
Mehr Fahrräder zurückgegeben

„In Hamburg ist ein stark frequentierter Zielort die Hafencity“, sagt Björn Bender von DB Connect, der die Nutzungsmuster der Räder kennt. „Dort sammeln sich vormittags viele Räder an, die dann entweder von uns wieder weggebracht werden oder von Nutzern zurück in die Stadt gefahren werden.“ Entliehen würden viele Räder hingegen in Altona. „In 80 Prozent der Fälle stellen wir dort nur Räder hin, die dann von Nutzern ins System gefahren werden.“ In dem westlichen Stadtteil liegt unter anderem Hamburgs zweitgrößter Fernbahnhof.


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Die urbane Mobilität der Zukunft?



Die urbane Mobilität der Zukunft?

Die Unternehmensberater von Roland Berger rechnen mit einem jährlichen Wachstum des Bikesharing-Marktes um 20 Prozent bis 2020. Dann soll der weltweite Umsatz mit Leihrädern zwischen 3,6 und 5,3 Milliarden Euro jährlich betragen. An einem in diesem Tempo wachsenden Markt wollen viele Firmen teilhaben – teils auch, ohne sich groß um die Konsequenzen ihres Tuns zu kümmern.

Obike-Rad Foto: Martin Ly

Das prominenteste Beispiel für einen Fehlschlag aus jüngerer Zeit ist Obike. Der Anbieter aus Singapur begann im vergangenen Jahr, seine silber-gelben Leihräder in zahlreichen europäischen Städten aufzustellen – in Rotterdam, Wien und Zürich ebenso wie in Hamburg, München, Berlin, Frankfurt und noch mehreren weiteren in Deutschland. Im Juli diesen Jahres rutschte der Anbieter dann in die Insolvenz. Und seitdem versuchen die deutschen Städte vergeblich, jemanden zu finden, der sich um die übrig gebliebenen Obike-Räder kümmert.

Obike geht einfach nicht mehr ans Telefon: „Wir versuchen seit Wochen und Monaten bei Obike jemanden zu erreichen, der sich um die Entfernung der Räder kümmert“, hieß es im Juli beim Fahrradbeauftragten der Stadt München. Frankfurt beispielsweise schleppte die Räder schließlich ab und drohte Obike, sie zu versteigern oder zu verschenken, wenn der Dienst sich weiter nicht kümmere.

Noch dramatischer ist die Lage in einigen asiatischen Städten. Dort gibt es Bilder von bergeweise buntem Schrott – der ehemals die Form von Leihfahrrädern hatte. Produziert haben ihn Anbieter, die im rasanten Wachstum pleitegingen, oder so billige Räder auf die Straßen schickten, dass diese der Belastung nicht gewachsen waren.

Auf einem Parkplatz in Schanghai stapeln sich mehr als 30.000 Mietfahrräder. Nutzer haben sie einfach achtlos in den Straßen liegengelassen, die Behörden sie hier zusammengetragen (Foto aus dem August 2017). Foto: dpa

So schlimm sieht es zwar in Deutschland noch nicht aus. Trotzdem mehren sich die Beschwerden über auf Gehwegen oder in Grünanlagen abgestellte Räder. Deshalb hat die Bahn für ihre Räder zum 1. September die Regeln zu den Orten verschärft, an denen Leihräder abgestellt werden dürfen. Ausdrücklich untersagt ist bei Call a Bike nun, die Räder in Parks, in Innen- und Hinterhöfen, an Briefkästen, Verteilerkästen und Bushaltestellen zu parken.

Auch an Fahrradständern ist es verboten – diese seien für private Radbesitzer gedacht. Ziel sei es „Bikesharing als stadtverträgliches System zu etablieren, das dauerhaft Bestand hat“, sagte ein Bahnsprecher. Die Verantwortung dafür liege bei den Anbietern selbst: „Wenn Politik und Verwaltung das chaotische Abstellen kritisieren, müssen sich die dafür verantwortlichen Anbieter schon aus eigenem Interesse heraus damit auseinandersetzen und gemeinsam mit den Kommunen nach Lösungen suchen.“

Quelle: FAZ.NET