<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Grenzen der Statistik

Was ist die Google-Suche wert?

Von Alexander Wulfers
 - 13:46
Laptops werden immer schneller und leichter, wir können überall online gehen, doch im Bruttoinlandsprodukt sieht man davon wenig.

Am Bruttoinlandsprodukt (BIP) lässt sich viel über die wirtschaftliche Lage in einem Land ablesen. Es misst den Wert aller Güter und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres in einer Volkswirtschaft produziert werden. Wächst das BIP, ist das in der Regel auch gut für Löhne, Aktienkurse und Beschäftigung.

Doch Ökonomen wissen schon lange, dass das BIP die tatsächliche Wirtschaftsleistung nur sehr ungenau widerspiegelt. Vom „Vater der modernen Volkswirtschaftslehre“, Paul Samuelson, ist die Aussage überliefert, wenn er seine Haushälterin heiratete, dann fiele dadurch das BIP. Denn die erledigte zwar nach der Hochzeit die gleiche Arbeit wie vorher, würde dafür aber nicht mehr bezahlt. Abgesehen vom angestaubten Frauenbild bringt er damit einen wichtigen Zusammenhang auf den Punkt: Nur was sich von der Buchführung erfassen lässt, taucht auch im BIP auf.

Die Digitalisierung führt nun dazu, dass diese Schere zwischen Statistik und Wirklichkeit eher noch weiter auseinander geht. Schon im Jahr 1987 stellte der spätere Nobelpreisträger Robert Solow fest: „Das Computer-Zeitalter kann man überall sehen – außer in der Produktivitätsstatistik“. Das versucht der Ökonom Erik Brynjolfsson mit seinen Kollegen Avinash Collis, W. Erwin Diewert, Felix Eggers und Kevin J. Fox zu ändern. Brynjolfsson ist Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Experte für den Zusammenhang von Ökonomie und Digitalisierung.

Video starten

Höchster Marktwert
Die wertvollsten Marken der Welt

Ein erstes Problem für das BIP ergibt sich daraus, dass die Qualität digitaler Technologien stark zugenommen hat, Preise aber nur langsam gestiegen oder sogar gefallen sind. Ein Beispiel dafür sind die Kameras in Mobiltelefonen. Der Verkauf von Digitalkameras ist im vergangenen Jahrzehnt eingebrochen, von jährlich 121 auf 24 Millionen Exemplare weltweit. Handykameras übertreffen diese inzwischen oft in Qualität, ohnehin in Praktikabilität. Nie wurden so viele Fotos in so hoher Qualität gemacht wie heute.

Das digitale BIP-Paradox

Das BIP spiegelt allerdings diesen Qualitätsanstieg nicht wider. Wenn der Nutzer auf den Kauf einer separaten Digitalkamera verzichtet, gibt er vielleicht sogar weniger Geld fürs Fotografieren aus als noch vor einigen Jahren. Im Vergleich zu analogen Kameras fallen auch noch die Kosten für das Entwickeln weg. Auf das BIP wirkt sich das negativ aus, obwohl die Verbraucher bessergestellt werden. Weil das Smartphone nicht nur die Kamera, sondern unter anderem auch das Navigationssystem, den MP3-Player, den Wecker, den Taschenrechner, das Diktiergerät und zunehmend sogar den Computer ersetzt, entsteht ein großes Ungleichgewicht zwischen fallender Produktion und tatsächlicher Wirtschaftsleistung.

Das zweite Problem für die BIP-Berechnung ist, dass das Geschäftsmodell der großen digitalen Plattformen sich heute stark von dem der alten Industrie unterscheidet. Wer Whatsapp, Google oder Wikipedia nutzt, der zahlt dafür: nichts. Finanziert werden die Angebote durch Werbung oder, im Falle von Wikipedia, durch Spenden.

Doch der subjektive Mehrwert, den die Nutzer daraus erzielen, ist extrem hoch. „Wenn doppelt so viele Leute Wikipedia lesen oder es doppelt so viele Artikel gibt, ändert sich am BIP überhaupt nichts“, sagte Brynjolfsson dem Online-Magazin „Quartz“. Die Musikindustrie sei sogar geschrumpft, obwohl mehr Musik in besserer Qualität gehört werde als je zuvor. Der Anteil sogenannter Informationsgüter in den amerikanischen Wirtschaftsstatistiken habe in den frühen achtziger Jahren bei 4,6 Prozent gelegen – und sich seitdem nicht verändert.

Zusammenhang zwischen Preis und Nutzen aus den Fugen

Brynjolfsson und seine Kollegen führten deshalb ein Experiment durch. Sie boten Facebook-Nutzern Geld dafür, dass sie einen Monat auf ihren Zugriff auf das soziale Netzwerk verzichten. Der Medianbetrag, ab dem mehr als die Hälfte der Befragten zum Verzicht bereit waren, lag im Jahr 2017 bei etwa 38 Dollar. Für ein Jahr Verzicht auf alle Suchmaschinen mussten sie den Befragten im Median über 17.000 Dollar bieten. Für E-Mails waren es mehr als 8000 Dollar, für Kartendienste wie Google Maps über 3000. Auch für den Verzicht auf die Nutzung ihrer Smartphone-Kamera boten die Forscher in einem separaten Experiment in den Niederlanden den Probanden Geld an. Hier lag der Medianwert bei 68 Euro für einen Monat. Das sind für jeden Nutzer über 800 Euro im Jahr, die im BIP fehlen.

Weil der Zusammenhang zwischen Preis und Nutzen für digitale Güter derart aus den Fugen geraten ist, schlagen Brynjolfsson und seine Kollegen eine neue Statistik namens GDP-B vor. GDP ist der englische Begriff für das BIP, das B steht für „benefits“, also Vorteile oder Nutzen. Im Gegensatz zum kostenbasierten Ansatz des BIPs soll das GDP-B Wirtschaftsleistung anhand des erzielten Nutzens messen und so die Vorteile der Digitalisierung akkurater abbilden.

Deren Effekt ist groß, schreiben die Ökonomen. Rechnet man die Umfrageergebnisse auf die Gesamtbevölkerung hoch, ergebe sich allein durch Facebook in den Vereinigten Staaten ein Wohlfahrtsgewinn von 16 Milliarden Dollar im Jahr. Der Beitrag von Smartphone-Kameras zum GDP-B-Wachstum liege in den Niederlanden bei 0.62 Prozentpunkten im Jahr. Die Zahlen seien zwar alle nicht sehr präzise gemessen, erklären die Forscher, sie gäben aber einen Hinweis auf die Unzulänglichkeit des herkömmlichen BIPs für die digitale Wirtschaft. Das GDP-B solle die Art, wie wir die Wirtschaft vermessen, bereit für das 21. Jahrhundert machen.

Mit der Frage, wie sich kostenlose digitale Dienstleistungen angemessen bewerten lassen, hatten sich im vergangenen Jahr auch schon Leonard Nakamura von der Federal Reserve Bank von Philadelphia und Jon Samuels und Rachel Soloveichik vom amerikanischen Bureau of Economic Analysis (BEA) beschäftigt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass unter Einberechnung solcher kostenlosen Dienste das Wirtschaftswachstum in den Jahren 1996 bis 2015 um jährlich etwa 0,1 Prozentpunkte höher als angenommen gewesen sei. Benjamin Bridgman, ebenfalls vom BEA, untersuchte im vergangenen Jahr, wie stark der Wert von Freizeit durch neue Beschäftigungen, zum Beispiel Videospiele, gestiegen ist. Tatsächlich fand er aber keinen nennenswerten Effekt. Der Anstieg der Freizeitqualität habe sich im digitalen Zeitalter eher verlangsamt.

Entwickelt hat das Konzept des Bruttoinlandsprodukts Simon Kuznets für die Regierung der Vereinigten Staaten im Jahre 1937, lange bevor der Aufstieg des Dienstleistungssektors und der Digitalisierung die Berechnung komplizierter machten. Schon Kuznets wies aber darauf hin, dass die Statistik nur eingeschränkt geeignet sei, um den Wohlstand eines Landes zu messen. In den ersten Anwendungsjahren wuchs das amerikanische BIP dann auch vor allem durch die Rüstungsausgaben im Zweiten Weltkrieg.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBruttoinlandsproduktWikipediaGDPFacebookDollarComputerMIT50 Cent