FAZ plus ArtikelAutonomes Fahren

Die Hacker fahren schon mit

Von Jonas Jansen
15.01.2019
, 06:22
Hände weg vom Steuer: Moderne Technik macht selbstfahrende Autos möglich – und bietet Angreifern über das Netz viele Einfallstore.
Die Autobranche berauscht sich derzeit an den Chancen, die das autonome Fahren für die Gesellschaft bietet. Doch die Lücken für Hackerangriffe sind groß – und die Scheu vor Investitionen in die Sicherheit ebenso.

Ein Tag in der Zukunft, auf der Autobahn. Bei Tempo 150 auf der linken Spur, das Fahrzeug rollt von allein, blinkt in der Mittelkonsole eine Nachricht auf: „Wir haben die Kontrolle über Gas und Bremse erlangt – wie viel ist dir dein Leben wert? Mit 5000 Euro kommst du günstig davon, schick das Geld an diese verschlüsselte Adresse...“. 400 Kilometer entfernt klingelt das Telefon eines Managers, der die Geschäfte eines Logistikers leitet. Die IT-Abteilung ist in der Leitung, und sie ist ratlos. Die autonom fahrende Lastwagen-Flotte wurde umgeleitet, in den IT-Systemen ist nicht nachprüfbar, wohin. Auch die Kameras, die den Verkehr überwachen, würden zwischenzeitlich abgeschaltet. Die Laster mitsamt der Ladung: wie vom Erdboden verschluckt.

Das ist eine sehr pessimistische Vorstellung davon, wie Hackerangriffe auf autonom fahrende Fahrzeuge aussehen könnten. Doch es ist keine Panikmache, denn die Bedrohung ist real. Sowohl die europäische Cybersicherheitsagentur Enisa als auch die Wirtschaftskommission für Europa UNECE haben unlängst in Forschungspapieren Angriffsszenarien und mögliche Schwachstellen von vernetzten Fahrzeugen analysiert. Bald will die Enisa ihren Leitfaden für die Automobilindustrie und die Regulatoren auch auf autonom fahrende Fahrzeuge erweitern.

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Cyberkriminalität wird zur größten Bedrohung

Die immer stärkere Digitalisierung ist der wichtigste Trend in der Unternehmenswelt. Das spiegelt sich in der Bedeutung, die Unternehmen der Cyberkriminalität beimessen. Erstmals haben Kunden des Versicherers Allianz diese in einer jährlichen Umfrage als größte Bedrohung eingestuft. Mit 37 Prozent der Antworten wurde dieses Risiko genauso oft genannt wie die Betriebsunterbrechung, die auch schon in den vergangenen sieben Jahren als bedeutsamste Gefahr eingeschätzt wurde. Das spiegelt die starke Vernetzung der Unternehmen in der internationalen Wertschöpfungskette wider, in der schon der Ausfall eines einzelnen Lieferanten hohe finanzielle Lasten auslösen kann. „Weil Cyberangriffe immer häufiger die Ursache von Betriebsunterbrechungen sind, haben sich diese beiden Risiken stärker verflochten“, kommentierte Chris Fischer Hirs, Vorstandsvorsitzender der Allianz-Industrieversicherungsgesellschaft AGCS, die Zahlen. Diese beruhen auf der Befragung von 2415 Risikofachleuten aus 86 Ländern in der ganzen Welt. Noch vor fünf Jahren haben nur 17 Prozent der Experten die Cyberkriminalität als wichtigstes Thema genannt, damals war das die fünfthäufigste Nennung. In der Zwischenzeit ist auch der Schadenaufwand dieses Risikos mit der wachsenden Bedeutung digitaler Interaktion erheblich gestiegen. Laut dem Center for Strategic and International Studies haben sich die Kosten durch Cyberkriminalität auf der Welt seit dem Jahr 2014 von 445 Milliarden auf 600 Milliarden Dollar erhöht. Naturkatastrophen haben im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre dagegen nur Schäden von 200 Milliarden Dollar bewirkt – also ein Drittel. „Wir haben inzwischen einen wichtigen Punkt erreicht, an dem Cyber für unsere Kunden gleichbedeutend mit ihren traditionellen Risiken geworden ist“, sagte Marek Stanislawski, stellvertretender Chef der Cybereinheit der AGCS. „Das bedeutet, dass Einheiten in allen Branchen und Geschäftsfeldern dieses Risiko jetzt ernsthaft auf dem Radar haben.“ Wie verflochten verschiedene Risiken sind, zeigt eine weitere Auswertung der AGCS: Fast alle größeren Schäden durch Feuer oder Naturkatastrophen beinhalteten auch einen Betriebsunterbrechungsschaden, weil die Produktion teilweise stillgelegt werden musste. Die Hälfte dieser Unterbrechungen wurden durch Cyberattacken ausgelöst, 40 Prozent entstanden durch Feuer oder Explosionen und 38 Prozent durch Naturkatastrophen. Im Vergleich zur globalen Befragung wurden Betriebsunterbrechungen (48 Prozent) und Cyberkriminalität (44 Prozent) unter deutschen Unternehmen sogar noch etwas häufiger genannt. Rechtliche Veränderungen (35 Prozent) wie durch Handelskriege, den Brexit, Zölle oder Sanktionen wurden erstmals am dritthäufigsten genannt. Erst danach folgen Naturkatastrophen (28 Prozent). Risiken aus neuen Technologien wie Künstlicher Intelligenz und Autonomem Fahren stiegen von Platz 7 auf 5.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jansen Jonas
Jonas Jansen
Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
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