Neue Zusammenarbeit

Boehringer Ingelheim rechnet jetzt mit Google-Quanten

Von Stephan Finsterbusch
12.01.2021
, 09:23
Die Welt der Computer steht vor einer völlig neuen Ära. Und deutsche Unternehmen mischen ganz vorn mit.

Wir haben die Moleküle, Google hat die Maschine. Da ist es doch naheliegend, dass wir gemeinsame Sache machen.“ Mit diesen Worten umreißt Clemens Utschig, Chief Technology Officer (CTO) des deutschen Pharma-Unternehmens Boehringer Ingelheim, die am Montag bekanntgegebene Zusammenarbeit mit dem Technologiekonzern aus dem Silicon Valley.

Dabei geht es um die kleinen Teile der Natur und um völlig neuartige Computer; es geht um riesige Rechenleistungen und eine Welt, die dem menschlichen Auge eigentlich verborgen ist; es geht um Grundlagen- und Anwendungsforschung; um Physik und Mathematik, Biologie und Chemie; es geht um neue Medikamente für bislang unheilbare Krankheiten, neue wirtschaftliche Möglichkeiten und um eine neue technische Revolution.

Über die kommenden drei Jahre werden Boehringer Ingelheim und Google in einer der vielversprechenden Zukunftstechnologien gemeinsame Sache machen: dem Quantencomputing – einer neuen Form der Rechentechnik, die um ein Vielfaches leistungsfähiger sein soll als alle bisherigen Computer. So sollen mit dieser Technik Aufgaben und Probleme geknackt werden, die heute noch unlösbar sind: Warum breiten sich Krebszellen aus? Was sind eigentlich diese Schwarzen Löcher im All? Was hält die Welt im Innersten zusammen?

Berlin legt nach

Die Kooperation stellt Boehringer Ingelheim in eine Reihe mit Konzernen wie VW oder der französischen IT-Gruppe Atos, die Europa bisher eine Spitzenposition bei der Entwicklung und Anwendung der Computer der Zukunft gesichert haben. Amerikaner und Chinesen sind zwar mit milliardenschweren Investitionen und Subventionen bereits am Thema dran. Die Europäische Union aber hob schon 2018 das sogenannte Flagship-Projekt „Quantum“ aus der Taufe und unterfütterte es mit einer Milliarde Euro an Fördermitteln. Die Bundesregierung beschloss 2020, die Entwicklung dieser neuen Technologie mit 2,5 Milliarden Euro zu fördern.

So baut der amerikanische Technologieriese IBM an seiner Deutschland-Zentrale in Ehningen bei Stuttgart gerade den ersten Quantencomputer in Europa auf. Im Februar soll er in Betrieb gehen. Die Pariser Atos-Gruppe stellte im Dezember ein Verfahren zur Bewertung der Leistung eines Quantencomputers vor. „Das ist bahnbrechend“, sagt Elie Girard, CEO von Atos, im Gespräch. „Denn es etabliert erstmals einen branchenweiten Standard, und wir liefern ihn.“

Seit drei Jahren bereits mischt der deutsche Autobauer Volkswagen bei der Entwicklung von Anwendungmöglichkeiten für die neuartigen Quantencomputer mit. So analysierten die Wolfsburger im Herbst 2019 während einer mehrtägigen Technologiemesse mit einem Quantenrechner den gesamten Straßenverkehr in Lissabon. „Dabei ging es weniger um das Ergebnis als vielmehr um erste Erfahrungen mit der bahnbrechenden Technik“, sagte Florian Neukart, Direktor des VW Data Lab. Die Erfahrungen seien gut gewesen; so gut, dass VW ein eigenes Quanten-Team bildete.

Wie Volkswagen hat nun auch Boehringer eine Abteilung von Mathematikern und Physikern gegründet, die dem Unternehmen die Horizonte der Quantenwelt erschließen sollen. Computer seien für die Entwicklung von Medikamenten schon lange unerlässlich, sagt CTO Utschig. Das Feld der Quantencomputer aber habe bislang kaum ein Pharma-Unternehmen betreten. Dabei werden heutige Rechner kaum den komplexen Herausforderungen gerecht, die sich in den Frühphasen der Erforschung einer Krankheit und der Entwicklung eines entsprechenden Medikaments eröffnen. Dazu zählen Simulationen und Analysen einzelner Moleküle.

Große Ziele

„Unser Ziel ist es, gemeinsam mit Google und Quantum Computing in der biopharmazeutischen Forschung, neue Möglichkeiten zur Entdeckung neuer Medikamente zu finden und so auch in Zukunft zum weltweiten medizinischen Fortschritt beizutragen“, erklärte Michel Pairet, Innovationschef von Boehringer. „Die äußerst präzise Modellierung molekularer Systeme gilt weithin als die natürlichste Anwendung von Quantumcomputing und hat das Potential, Arbeitsprozesse grundlegend zu verändern“, erklärte Ryan Babbush, Leiter von Quantum Algorithms bei Google.

Technisch gesehen arbeiten Boehringer und Google so zusammen, wie der Nutzer und der Anbieter eines Datenzentrums. Googles Quantencomputer steht in Amerika, die Wissenschaftler von Boehringer greifen auf ihn via Datennetz und eigenen herkömmlichen Computern zu. IBM bietet eine solche Quantencloud schon seit drei Jahren an. Wie Google und IBM sind auch Microsoft, die kanadische D-Wave-Gruppe, mehrere chinesische und japanische Technologiekonzerne sowie Hunderte Spitzenforschungsinstitute in aller Welt an der Erforschung der Grundlagen sowie an der Entwicklung möglicher Anwendungen für Quantentechnik tätig.

Noch allerdings stecken diese Arbeiten in den Kinderschuhen. Sie basieren zwar auf Forschungen, die schon vor hundert Jahren begonnen hatten, jedoch längst nicht abgeschlossen sind. Mit „Quant“ beschreibt die Wissenschaft den kleinstmöglichen Wert einer physikalischen Größe. So ist etwa ein Teilchen wie ein Photon nicht teilbar.

Darüber hinaus scheinen bei den Quanten etwas andere Gesetze zu gelten, als wir sie aus unserem Alltag kennen. Gibt es in der Welt der kleinsten Dinge doch keine stabilen Zustände. So ist alles ständig in Bewegung, und alles sieht aus, als betrachte man es durch eine unscharfe Brille. Bis heute ist unklar, was genau da passiert. Selbst Genies wie Einstein gestanden, diesen Teil der Welt nicht so richtig zu verstehen.

Quelle: F.A.Z.
Stephan Finsterbusch  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Stephan Finsterbusch
Redakteur in der Wirtschaft.
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