Boykottbewegung

Eine Front gegen Mark Zuckerberg & Co.

Von Roland Lindner, New York
Aktualisiert am 27.06.2020
 - 06:07
Die Boykottbewegung gegen social-media-Plattformen wächst.
Von Coca-Cola bis Unilever: Immer mehr große Werbekunden boykottieren Facebook und zum Teil auch andere Plattformen. Facebook reagiert – geht aber seinen Kritikern nicht weit genug.

Eine gute Woche ist es her, dass eine Gruppe bekannter Menschenrechtsgruppen einen Appell an Unternehmen gestartet hat, im Juli keine Anzeigen auf Facebook zu schalten. Es sollte eine Protestaktion sein, denn nach Auffassung der Organisationen tut das soziale Netzwerk auf seinen Diensten noch immer viel zu wenig gegen rechtsextreme Gruppen, Aufrufe zur Gewalt und Versuche, Wahlen zu manipulieren. Der Boykott sollte das soziale Netzwerk dort treffen, wo es ihm besonders weh tut, denn es macht fast seinen gesamten Umsatz mit Werbung. Die Aktion fand schnell Gehör, wobei sich ihr zunächst vor allem kleinere Unternehmen anschlossen, darunter North Face und Patagonia, zwei Hersteller von Outdoor-Bekleidung.

Nun aber folgen Großkonzerne. Am Donnerstag setzte der Telekommunikationskonzern Verizon Werbung auf Facebook auf unbestimmte Zeit aus. Am Freitag sorgte Unilever für einen noch größeren Paukenschlag und ging weit über die Forderung der Menschrechtsgruppen hinaus. Das Konsumgüterkonglomerat teilte mit, Werbung auf Facebook und zugehörigen Plattformen in den Vereinigten Staaten nicht nur im Juli, sondern mindestens bis zum Jahresende zu stoppen. Und dieser Boykott erstreckt sich nicht nur auf Facebook, sondern auch auf den Kurznachrichtendienst Twitter. Am Freitagabend folgte auch noch der Getränkegigant Coca-Cola und kündigte an, in den nächsten 30 Tagen Werbung in allen sozialen Netzwerken zu stoppen, und dies soll neben Facebook und Twitter auch für Youtube gelten, den zu Google gehörenden Videodienst.

Unilever teilte mit: „Weiter auf diesen Plattformen zu werben, würde keinen Wert für Menschen und für die Gesellschaft schaffen.“ Gerade was spalterische Äußerungen und Hasskommentare inmitten der gegenwärtigen polarisierten Zeit vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen betreffe, hätten diese Online-Dienste noch viel zu tun. Coca-Cola-Vorstandsvorsitzender James Quincey sagte in einer Stellungnahme, er erwarte mehr Verantwortung und Transparenz von sozialen Medien. Der zumindest vorläufige Verlust solcher großer Markenartikelkonzerne schmerzt. Unilever zum Beispiel hat im vergangenen Jahr nach Angaben der Marktforschungsgruppe Pathmatics in Amerika mehr als 42 Millionen Dollar für Facebook-Anzeigen ausgegeben. Der Konzern teilte mit, die von Facebook und Twitter abgezogenen Werbeausgaben auf andere Medien verlagern zu wollen.

Die immer größere Wucht der Boykotte hat sich am Freitag an der Börse niedergeschlagen. Der Aktienkurs von Facebook fiel um mehr acht Prozent, Twitter verlor mehr als sieben Prozent an Wert, und das war noch vor der Ankündigung von Coca-Cola. Insgesamt haben sich dem Aufruf nach Angaben einer der daran beteiligten Gruppen mittlerweile mehr als 120 Unternehmen angeschlossen.

Nur kurze Zeit nach der Mitteilung von Unilever hat sich Mark Zuckerberg zu Wort gemeldet. Ohne den Boykottaufruf direkt anzusprechen, kündigte der Mitgründer und Vorstandsvorsitzende von Facebook eine ganze Serie von Schritten an, und zwar auf solchen Gebieten, auf denen er nach Ansicht seiner Kritiker bislang nicht genug getan hat. Beispielsweise soll mehr gegen Inhalte getan werden, die Menschen vom Wählen abhalten könnten. So sollen Einträge verboten werden, in denen fälschlicherweise behauptet wird, in Wahllokalen würden Einwanderungsdokumente kontrolliert. Facebook will auch die Kategorien von Hassbotschaften erweitern, die in Anzeigen nicht erlaubt sind. Etwa dass Menschen einer bestimmten Rasse eine Bedrohung darstellen oder Flüchtlinge minderwertig oder verachtenswert sind.

Eine andere von Zuckerbergs Ankündigungen zielt auf ein Gebiet, auf dem es in jüngster Zeit besonders viele Kontroversen gab. Nach seinen Worten will Facebook künftig manche der Inhalte, die gegen Richtlinien verstoßen, aber als nachrichtenwürdig erachtet und deshalb nicht ganz entfernt werden, mit Warnhinweisen versehen. Er bezieht sich damit auf Inhalte, die von Politikern kommen, die Neuregelung würde somit Einträge des amerikanischen Präsidenten Donald Trump umfassen.

Unterschiedlicher Umgang mit Tweets von Trump

Der Umgang von Online-Plattformen mit provozierenden Aussagen von Trump hat zuletzt für einige Aufregung gesorgt, und die Unternehmen haben dabei unterschiedliche Positionen bezogen. Twitter zum Beispiel hat in den vergangenen Wochen mehrere Tweets von Trump mit Warnhinweisen versehen, während Facebook die gleichen Äußerungen unberührt stehen ließ. Unter anderem ging es um einen Eintrag von Trump zu den jüngsten Protesten gegen Rassendiskriminierung in Amerika, der von Twitter als Gewaltverherrlichung gewertet wurde. Twitter erlaubt auch seit geraumer Zeit keine politischen Anzeigen mehr, Facebook dagegen schon, selbst wenn sie Lügen enthalten. Zuckerberg hat zur Begründung gesagt, er wolle freie Meinungsäußerung fördern.

Allerdings hat Facebook kürzlich angekündigt, seinen Nutzern fortan die Option zu geben, politische Anzeigen auszublenden. Und vor wenigen Tagen hat das Unternehmen auch bei einer Anzeige von Trumps Wahlkampagne durchgegriffen und sie entfernt. In dieser Anzeige war ein umgedrehtes rotes Dreieck zu sehen, das an die Aufnäher auf der Bekleidung von Gefangenen in Konzentrationslagern der Nazis erinnerte. Trumps Kampagne argumentierte, dies sei ein Symbol der Antifa, der Bewegung, die vom Präsidenten für Ausschreitungen im Zuge der jüngsten Demonstrationen verantwortlich gemacht wurde. Facebook wertete das Symbol dagegen als Verletzung seiner Richtlinie gegen „organisierten Hass“.

Facebook weist oft auf Fortschritte im Kampf gegen fragwürdige Inhalte hin, und Zuckerberg schrieb am Freitag, sein Unternehmen sei heute in der Lage, fast 90 Prozent aller Hasskommentare zu erkennen und zu entfernen, bevor sie von einem Nutzer gemeldet werden. Davon zeigen sich Kritiker aber wenig beeindruckt. Die „Anti-Defamation League“, eine der Organisatoren des Boykottaufrufs, schrieb vor wenigen Tagen in einem offenen Brief an Facebooks Werbekunden, der Internetkonzern tue noch immer nicht genug. „Wir sehen jeden Tag Anzeigen von Unternehmen, die neben Hasskommentaren platziert werden.“ Zuckerberg konnte auch mit seinen Ankündigungen am Freitag seine Kritiker nicht besänftigen. „Die Veränderungen gehen nicht annähernd weit genug,“ twitterte zum Beispiel Rashad Robinson, der Präsident der Organisation „Color of Change“, die ebenfalls an der Boykott-Aktion beteiligt ist.

Welche Spuren die Boykotte letztlich bei Facebook und auch bei Twitter und Youtube hinterlassen, muss sich zeigen. Vergleichbare Aktionen in der Vergangenheit hatten keinen nachhaltigen Effekt. Beispielsweise sah sich Google vor drei Jahren auf Youtube schon einmal einem größeren Werbeboykott gegenüber, nachdem dort Anzeigen neben antisemitischen und anderen extremistischen Inhalten aufgetaucht waren. Google hat aber gesagt, keine dauerhaften Auswirkungen auf das Geschäft gespürt zu haben. Angesichts der immer größer werdenden Front namhafter Unternehmen, die sich nun gegen die Online-Plattformen bildet, könnte es diesmal freilich anders sein.

Quelle: FAZ.NET
Autorenportät / Lindner, Roland
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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