Europäische Trägerrakete

Corona bremst Ariane 6

Von Christian Schubert, Paris
26.10.2020
, 10:15
Eine Computeranimation der neuen Trägerrakete
Die Trägerrakete Ariane 6 soll ein europäisches Vorzeigeprojekt sein. Doch der Start wird sich verzögern. Neben technischen Problemen verhindert auch die Pandemie einen reibungslosen Ablauf.

Es ist eines der wichtigsten Vorzeigeprojekte der europäischen Raumfahrt, mit dem Europa den Konkurrenten wie SpaceX aus den Vereinigten Staaten die Stirn bieten will: Die Trägerrakete Ariane 6 soll Satelliten sicher und kostengünstig ins All transportieren. Doch die Corona-Krise macht einen Strich durch den Zeitplan. Schon im Juli hatte die Europäische Raumfahrtagentur ESA bekanntgegeben, dass der Erststart von Ende dieses Jahres auf die zweite Jahreshälfte 2021 verschoben werde. Jetzt sind in Frankreich Spekulationen über eine weitere Verschiebung aufgetaucht. Die Tageszeitung „Le Figaro“ schreibt von einem Erststart in der zweiten Hälfte 2022 und bezieht sich dabei auf eine Meldung der Fachpublikation „Aerospatium“. Bestätigt wurde keiner der Berichte.

Dennoch können sie nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Industrievertreter beklagen seit mehreren Monaten, wie die Corona-Krise das Programm durcheinanderbringt. Der Start soll vom europäischen Weltraumbahnhof in Kourou in der Übersee-Region Französisch-Guayana erfolgen. Sie ist von der Pandemie stark betroffen, nicht zuletzt weil sie an Brasilien grenzt.

Hinzu kommen technische Probleme: So hat die ESA kürzlich berichtet, dass Tests der neuen Startrampe für die Ariane6 in Kourou, die unter der Verantwortung der französischen Raumfahrtbehörde Cnes stehen, nicht wie geplant liefen. Wichtige Triebwerkstests mussten auf den August verschoben werden. Immerhin meldete die Ariane-Gruppe jedoch in der vergangenen Woche, dass nun „alle drei Triebwerke der Ariane 6 einsatzbereit sind“. Zuletzt waren die Versuche mit einem Feststofftriebwerk in Kourou erfolgreich verlaufen.

Tests in Baden-Württemberg stehen an

Doch weiterhin gibt es viel zu tun: Als Nächstes stehen Tests mit der Oberstufe samt Triebwerk am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) im baden-württembergischen Lampoldshausen an. Die Oberstufe, die von der Ariane-Gruppe in Bremen gebaut wird, soll voraussichtlich Ende des Jahres dort hingebracht werden, damit die Versuche dann Anfang 2021 vorgenommen werden können. Zudem muss ein Modell zusammen mit der Startrampe und der Bodenanlage in Kourou getestet werden. Bei diesen beiden Tests handelt es sich um Arbeiten an Modellen, die nicht ins All fliegen werden. Parallel dazu müssen noch umfassende Tests am eigentlichen Flugmodell stattfinden, das dann seinen Weg in den Weltraum machen soll.

Dass die Spekulationen über eine Verschiebung des Starts jetzt aufkommen, ist nicht überraschend. Am kommenden Mittwoch tritt der ESA-Rat mit den höchsten Vertretern seiner 17 Mitgliedsländer zusammen. Sie werden über einen neuen Zeitplan für die Ariane6 im Zeichen der Corona-Krise beraten. Nicht auszuschließen ist, dass zu den technischen Schwierigkeiten im einen oder anderen Land auch finanzielle Probleme hinzukommen, die eine Aufschiebung erzwingen könnten, heißt es in Raumfahrtkreisen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, welcher Anteil der Verzögerungen allein auf die Corona-Krise zurückgeht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schubert, Christian
Christian Schubert
Wirtschaftskorrespondent in Paris.
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