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Foto: Picture Alliance / Illustration: Jens Giesel
Schneller Schlau

Die hohen Kosten der Verschwörungstheorien

Von GUSTAV THEILE, Grafiken: JENS GIESEL · 13. Juli 2020

Im Internet wuchern Verschwörungstheorien, seit der Corona-Krise noch wilder als zuvor. Die kruden Thesen richten volkswirtschaftlichen Schaden an – leider aber verdienen einige damit auch viel Geld.

Bill Gates ist schon sehr lange ein bekannter Mann: Der Microsoft-Gründer galt über Jahre hinweg als reichster Mensch der Welt. Zwischendurch wurde es ruhiger um ihn, weil er sich für wohltätige Zwecke engagierte und man mit Spenden weniger Schlagzeilen macht als mit besonders großem Wohlstand. Doch in den vergangenen Monaten stand Gates wieder verstärkt im Rampenlicht: Einerseits warnte er schon im Jahr 2015 in einer Rede, die sich auf Youtube 30 Millionen Menschen ansahen, dass die Welt nicht auf eine neue Pandemie vorbereitet sei. Anderseits kursieren die kuriosesten Verschwörungstheorien über Gates: Er wolle Menschen mit Hilfe von Impfungen Mikrochips implantieren und so die Menschheit kontrollieren, heißt es etwa in vielen Online-Foren. 

Dass es sich bei diesen Thesen nicht um ein Nischenphänomen handelt, zeigen Umfragen immer wieder. Laut einer Yougov-Befragung glauben 44 Prozent der Republikaner in Amerika an die Gates-Mikrochip-Verschwörung. Jeder zweite Brite neigt einer Studie der Universität Oxford zufolge zu Verschwörungstheorien. Doch nicht nur Umfragen, die schließlich die Schwäche haben, dass die Angaben der Befragten von allerlei Verzerrungen betroffen sein können, legen nahe, dass sich die kruden Thesen in den vergangenen Monaten stark verbreitet haben.  

Eindrücklich zeigen das die Google-Trends, die einen Einblick in das Suchverhalten der Menschen bieten. Google veröffentlicht zwar keine absoluten Zahlen, aber doch relative. Und so zeigt sich: Global war das Interesse an Bill Gates im April dieses Jahres mehr als doppelt so hoch wie am bisherigen Maximum, dem Juni 2006. Besonders in vielen afrikanischen Ländern wie Uganda und Ghana scheint die Theorie zu verfangen, dort war das Suchaufkommen am größten. Auch in Deutschland hat sich das Interesse an Bill Gates im Verlauf der Corona-Krise versechsfacht. 

Hierzulande scheint der Glaube an die Gates-Verschwörung dabei mehr Anhänger zu haben als die Angst vor dem neuen Mobilfunkstandard 5G: Diese weitere beliebte, wenn auch abwegige These besagt, dass die 5G-Technologie den Ausbruch von Corona begünstigt oder überhaupt erst ausgelöst hat. Auch die Suchanfragen danach schossen im April und Mai in die Höhe, insgesamt wurde jedoch nur etwa halb so oft nach 5G gegoogelt wie nach Bill Gates. Warum sich Verschwörungen, die angeblich streng geheim sind, durch einfaches Googeln enttarnen lassen sollten, ist freilich nicht geklärt. 

Die amerikanischen Tech-Plattformen gehen seit der Corona-Krise deutlich stärker gegen Falschnachrichten vor. In den Google-Suchen und auf Youtube erscheinen Warnhinweise, Informationen von Behörden und etablierten Nachrichtenseiten werden prominent plaziert, Facebook hat ein Informationszentrum eingerichtet. Die Digitalkonzerne argumentieren dabei, dass sie ihre Nutzer so vor direkten gesundheitlichen Gefahren schützen – deshalb würden sie offensiver regulieren als in normalen Wahlkampfzeiten. Gleichzeitig schütten die Tech-Konzerne aber auch eine Menge Geld an die Verbreiter von Verschwörungstheorien aus: 25 Millionen Dollar werden die Betreiber von entsprechenden Websites in diesem Jahr dank Google, Amazon und anderen an Werbeeinnahmen erhalten, rechnet eine Forschergruppe aus Großbritannien im Global Disinformation Index vor.

Wirklich erfolgreich scheinen die Maßnahmen der Konzerne gegen Falschinformationen zudem nicht zu sein. In einer Umfrage des Reuters-Instituts gaben im April zwei Drittel der Menschen an, in den sozialen Medien in der Woche zuvor mindestens ein paar „falsche oder irreführende Informationen über das Coronavirus“ gesehen zu haben. Nur 15 Prozent sagten, sie hätten „wenig bis gar keine“ Falschinformationen dort gesehen. Auf Videoportalen wie Youtube und Chatdiensten wie Whatsapp sahen drei von fünf Befragten solche Desinformationen, auf Suchmaschinen wie Google war es immer noch fast jeder zweite Befragte. Insgesamt wurden für die Untersuchung 8500 Menschen in Amerika, Argentinien, Deutschland, Großbritannien, Spanien und Südkorea befragt.

Falschinformationen können auch hohe volkswirtschaftliche Kosten zur Folge haben. Forscher der Universität in Baltimore kommen in einem Bericht für das Cyber-Sicherheitsunternehmen Cheq auf globale Kosten von 78 Milliarden Euro im Jahr. Dort wurden beispielsweise Auswirkungen auf Börsenkurse und Reputationsverluste eingerechnet, Gesundheitskosten dagegen nicht. Wie teuer jedoch die Angst vor Impfungen werden kann, zeigt eine Untersuchung, die in der führenden Fachzeitschrift „Health Affairs“ veröffentlicht wurde: Demnach haben die Impfbemühungen der Gates-Stiftung von 2011 bis ins laufende Jahr Produktivitätsverluste von bis zu 145 Milliarden Dollar verhindert.

Gleichzeitig machen andere die Verschwörungstheorien zum Geschäftsmodell. In Deutschland hat sich etwa das Portal Ken-FM, das seit Jahren krude Thesen verbreitet,  im Verlauf der Corona-Krise zu einer der umsatzstärksten Nachrichtenapps des Landes entwickelt. Das blieb auch nach dem Abflauen der akuten Krise so: Vergangene Woche rangierte Ken-FM in Googles „Play“ genanntem App-Store immer noch auf Rang 10.

Etablierte Medien sahen in der Corona-Krise allerdings ebenso ein deutlich gewachsenes Informationsbedürfnis der Bevölkerung. Das ist häufig in Krisensituationen so, die Einschaltquoten von Nachrichtensendungen und die Klickzahlen der Websites von Zeitungen stiegen rasant. Die WHO hat das, in Anlehnung an die Pandemie, als „Infodemie“, „ein Überangebot an Informationen, einige davon richtig, andere nicht“, bezeichnet. Dass darin auch eine Chance für seriöse Berichterstattung liegt, zeigt beispielsweise eine Umfrage der PR-Agentur Edelman.  Demnach hat das Vertrauen in klassische Medien von Januar bis Mai 2020 um fast 10 Prozentpunkte zugelegt.  

Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt.
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13.07.2020
Quelle: F.A.Z.

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