Deutsche Industrie unter Druck

Größer. Lauter. Digitaler.

Von Ulrich Dietz
Aktualisiert am 07.08.2020
 - 13:14
Tesla ist im Kern ein Softwareunternehmen.
Ein Betriebssystem zu erdenken, unterscheidet sich fundamental von der Entwicklung eines neuen Motors. Deutschland muss das endlich begreifen. Ein Gastbeitrag.

5000 neue IT-Stellen zum Ersten, 11.000 zum Zweiten und 17.000 zum Dritten. Bisweilen reibt man sich verwundert die Augen. Die neuen Softwarehäuser der deutschen Industrie kleckern nicht, sie klotzen. Schließlich geht es um die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands.

Verstehen Sie mich nicht falsch, die Strategie, eine sehr hardwareorientierte deutsche Industrie zu digitalisieren, ist absolut folgerichtig und selbstredend längst überfällig. Und sollte dies gelingen, wäre das auch ein großer Erfolg.

Doch schiere Größe bedeutet keinen Erfolg, denn: „Software sells Hardware“ – das hat der Wettbewerb aus dem Ausland längst verstanden.

Tesla hat das verstanden

So ist es auch nicht überraschend, dass der aktuell heißeste Konkurrent für die deutsche Automobilindustrie, Tesla, im Kern ein Software-Unternehmen ist. Tesla hat früh verinnerlicht, dass die Geschäftsmodelle der Zukunft nicht mehr „nur“ der Verkauf des Automobils mit anschließender Wartung und ein paar Fußmatten sind.

Vielmehr sind es die unendlich vielen digitalen Lösungen, die den Profit einbringen. Sich als Kunde mal eben, völlig unkompliziert, ein paar PS mehr dazu zu buchen, ist heute schon nur eine von vielen Möglichkeiten, Geld zu verdienen.

Dabei war den Automobil-Managern schon sehr früh klar, dass sie um das für viele leidliche Thema Digitalisierung nicht mehr herumkommen werden. Dass in Zukunft Daten die Währung sein sollten, welche die Gewinne in die Konzernkassen spült, hat man zwar interessiert bei Google und Co. zur Kenntnis genommen.

Lange zu bequem

Dass dies jedoch auch die deutsche Industrie mit ihren Ikonen der Wirtschaft tangieren wird, konnte bislang jedem erfolgsverwöhnten Industriemanager nur ein müdes Stirnrunzeln entlocken. Man machte es sich stattdessen noch einmal bequem, beließ es bei einigen überschaubaren Initiativen – und ließ die richtigen Ingenieuren ihren Job machen. Das lief lange hervorragend, ein Rekord jagte den nächsten, die Kassen war prall gefüllt, und diese paar Digital-Exoten durften ein bisschen rumspielen.

Natürlich standen auch regelmäßige, obligatorische Reisen ins Silicon Valley für das Top-Management auf der Agenda. Man schaute, hörte zu, nickte wissend, flog wieder nach Hause – und hatte sogar noch einige Anekdoten für die Townhalls sowie Bereichsversammlungen im Gepäck.

Dabei haben laut einer Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie im Jahr 2018 schon 28 Prozent der gewerblichen Wirtschaft in Deutschland die Digitalisierung strategisch in ihre Planung eingebunden. Rund 39 Prozent nutzen laut Selbstauskunft sogar das Internet der Dinge (IoT). Das ist ein sehr guter Anfang, jedoch nicht mehr.

Verschiedene Kulturen

Hier ein Büro in Berlin, dort eins in Lissabon und Tel Aviv soll ja auch sehr digital sein. Mit überdurchschnittlichen Gehältern, einem kostenlosen Obstkorb und ein paar Tischtennisplatten wurden junge Software-Entwickler angelockt. Viele deutsche Unternehmen, ob Großkonzern oder Mittelstand, sprangen auf den Zug aus Nullen und Einsen auf. Doch schnell wurde klar, dass es in der operativen Zusammenarbeit heftig knirschte.

Das lag an der Tatsache, dass die meisten dieser neuen, digitalen Einheiten reflexartig an den jeweiligen Forschungs- und Entwicklungsbereich der Unternehmen angedockt wurden. Diese bestehen nun einmal, bis heute, in den Schlüsselpositionen im Kern aus Fahrzeugentwicklern, Maschinenbauern und Elektroingenieuren.

Ein Betriebssystem zu entwickeln erfordert allerdings eine komplett andere Arbeits- und Denkweisen und unterscheidet sich beispielsweise fundamental von der Entwicklung eines neuen Motors. Man sprach einfach eine andere Sprache und schnell wurde den jungen IT-Experten klar, wer im Entwicklungsprozess das letzte Wort hatte.

Die Frustration stieg stetig. Da half irgendwann auch das gute Gehalt und der Obstkorb nicht mehr.

Die Brücken brannten nieder

Zum anderen gab es ein kulturelles Problem. Diese neuen Digitaleinheiten waren meist räumlich so weit von der Zentrale entfernt, dass eine gemeinsame Kultur und eine gemeinsame Vision mit dem Mutterkonzern nicht möglich war. Für das Headquarter waren es die Querulanten aus den hippen Spots wie Berlin, die einfach nicht verstehen wollten, wie der Laden nun einmal tickt. Auf der anderen Seite waren die Kolleginnen und Kollegen aus der Zentrale die „Verhinderer“ und Ewiggestrigen.

Die Brücken zwischen diesen beiden Welten brannten nach und nach nieder und beide arbeiteten aneinander vorbei. Das spiegelte sich auch in den überschaubaren Erfolgen.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass heute der Eigenanteil an der Softwareentwicklung in der Automobilindustrie gerade einmal zehn Prozent betrgät. Die restlichen 90 Prozent kommen von Zulieferern und externen Softwareunternehmen.

Aus dem Menetekel Digitalisierung ist im Jahr 2020 längst ernste Realität geworden. Nun setzt der Aktionismus ein. Fieberhaft überbieten sich die deutschen Industriegrößen damit, sogenannte „Softwarehäuser“ aus dem Boden zu stampfen. Volkswagen hat alle Kräfte in der sehr digital anmutenden Car.Software.Org zusammengesammelt. Bis zum Jahr 2025 sollen dort bis zu 11.000 Mitarbeiter arbeiten. Bosch hat jetzt eine Schippe draufgelegt – 17.000 sollen es dort werden.

Wie sieht zeitgemäße Software-Entwicklung aus?

Was im Kleinen schon kaum funktioniert hat, soll nun also im Großen umgesetzt werden. Gerade bei der hohen Anzahl der Mitarbeiter ist umso wichtiger, wie digital ein Konzern insgesamt aufgestellt ist.

Bei einem Blick auf die Führungsstruktur dieser neuen Einheiten wird schnell klar, dass auch hier wieder fast ausschließlich auf Konzernmitarbeiter gesetzt wird. Man kann es ihnen noch nicht einmal zum Vorwurf machen, dass diese ihre Software-Bereiche so planen wie eine neue Fabrik. Denn ihnen fehlt schlichtweg das notwendige Wissen darüber, wie eine zeitgemäße, internationale Software-Entwicklung aufgebaut werden muss.

Handwerker ist nicht gleich Handwerker. Niemand würde im Traum daran denken, einen Maler sein Bad fließen zu lassen. Man will ja Profis.

Warum werden die Positionen in Software-Bereichen dann nicht mit gestandenen Managern von Technologie-Unternehmen besetzt? Mit Top-Softwareingenieuren aus der Branche, die verstehen, welche Strukturen und Methoden notwendig sind, um ein nachhaltiges sowie effizientes Softwarehaus aufzubauen? Manager, für die beispielsweise auch eine hohe Fluktuation in der IT-Branche völlig normal ist und adäquat darauf reagieren können?

Mehr Wertschätzung für IT-Experten

Es ist eben auch eine Frage des Selbstwertgefühls von Softwareingenieuren bei einem Maschinenbau-, Automobil- oder Zulieferer-Unternehmen. Die internen IT Abteilungen werden seit Jahren einzig als Kostenfaktor gesehen mit dem Drang, möglichst viel einsparen zu können. IT-Spezialisten in den Fachabteilungen werden immer noch als Nerds belächelt und in den Medien auch so dargestellt – quasi die Jungs mit den Cola-Dosen und Pizza-Boxen.

So lange sich grundsätzlich an dieser Wahrnehmung und Wertschätzung in den Konzernen nichts ändert, werden die Leistungsträger im Software Umfeld auch weiterhin ihr Glück bei den Technologie Unternehmen suchen. Oder im Start-up Bereich.

Entwickler-Netzwerke sind unverzichtbar

Das kann sich die deutsche Industrie aber nicht leisten. Denn Jahr für Jahr verlassen in Deutschland gerade einmal knapp 50.000 Ingenieure der Informationstechnologie die Universitäten. Um den rasant steigenden Bedarf zu decken, sind zusätzlich internationale Entwickler-Netzwerke unverzichtbar.

Die große Herausforderung im Industrie-Umfeld ist es, nicht nur die richtigen Spezialisten für sich zu gewinnen, sondern die zunehmend hohe Komplexität der verschiedenen Technologien zu bewältigen. Die Synchronisation von Themen wie Künstlicher Intelligenz, Blockchain, Cloud oder verschiedener Betriebssysteme ist alles andere als trivial und erfordert eine tiefgreifende Expertise.

Selbst wenn es gelingen würde, hier die richtigen Weichen zu stellen, dauert es, im besten Fall noch Jahre, bevor diese neuen Einheiten voll einsatzfähig sowie effizient sind. Versäumnisse kann man nicht mit der Devise „viel hilft viel“ kompensieren.

Aufgrund des akuten Handlungsbedarfs ist es notwendig, gezielte Partnerschaften einzugehen. Wir können es uns nicht mehr leisten, mit gigantischen Aktionismus und großem PR-Aufwand die digitale Revolution zu verkünden. Es liest sich zwar toll in den Medien und beruhigt die Shareholder, wird jedoch den Bedarf nicht decken.

Das kann nur mit Hilfe von technischen Partnerschaften gelöst werden. Diese haben heute schon die notwendige Expertise, das technologische Wissen sowie eben diese internationalen Entwickler-Netzwerke. Die Partnerschaften müssen aber weise und bedarfsorientiert erfolgen – und vor allem auch auf Augenhöhe.

Nicht den Tech-Giganten an den Hals werfen

Es ist jedoch gleichermaßen auch nicht zielführend, sich den Tech-Giganten aus Amerika an den Hals zu werfen. Volkswagen arbeitet beispielsweise mit Amazon an einer Industrial Cloud. Es sollen dort künftig die Daten aller Maschinen, Anlagen und Systeme aus sämtlichen Fabriken des Volkswagen-Konzerns zusammengeführt werden.

Die Produktion ist neben der Fahrzeugentwicklung seit mehr als 100 Jahren das Herzstück der deutschen Automobilindustrie. Die hohe Qualität der Produkte ist ein Alleinstellungsmerkmal, worum Volkswagen die ganze Welt beneidet. Selbst der Überflieger Tesla musste das zähneknirschend einsehen.

Volkswagen übergibt die Geheimnisse dieses heiligen Grals nun freiwillig, in voller Transparenz und bis ins letzte Detail an Amazon – eine Firma, deren Geschäftsmodell darauf basiert, mit möglichst viel Druck jeden Markt zu dominieren, in dem es agiert. Damit begibt sich Volkswagen in eine Abhängigkeit, die den Kern ihres bisherigen Erfolges tangiert. Es bleibt abzuwarten, wer hier den größeren Vorteil daraus ziehen wird.

Ein weiteres Beispiel für diese Art der Kooperation wurde vor wenigen Wochen bekanntgegeben. Mercedes-Benz und Nvidia wollen eine softwaredefinierte Fahrzeugarchitektur für die künftige Fahrzeugflotte aufbauen. Hinter vorgehaltener Hand waren einige Daimler-Manager düpiert über den Ton des amerikanischen Partners. Von einem Mercedes-Benz-Juniorpartner soll die Rede gewesen sein.

Nvidia ist sich seiner Position in dieser Partnerschaft sehr wohl bewusst. Der deutsche Traditions-Automobilhersteller benötigt den Chip-Giganten mehr als anders herum. Und das bekommen sie ganz unmissverständlich zu spüren.

Das muss gelebt werden

Um den digitalen Wandel für die Wirtschaftsnation Deutschland mit ihrem industriellen Kern erfolgreich gestalten zu können, ist es wichtig, Industrie übergreifende Kooperationen auf Augenhöhe einzugehen und sich parallel das notwendige Wissen intern anzueignen. Dafür bedarf es den Mut, das Selbstbewusstsein, die notwendige Einstellung sowie die richtigen, vertrauenswürdigen Partner, um das auch umsetzen zu können.

Allen pessimistischen Äußerungen zum Trotz gibt es diese Technik-Partner auch in Europa. Etwas mehr europäisches Selbstbewusstsein wäre hierbei angebracht.

Für essentielle Themen darf es keine Insellösungen mehr geben. Und schon gar nicht die Option, sich in eine Abhängigkeit zu begeben. Doch mehr noch ist es wichtig, jetzt mutig zu sein.

Ein Industrieunternehmen fit für die digitale Zukunft zu machen, das ist ein Prozess, der kulturell von den Führungsmannschaften über das mittlere Management bis in die Belegschaft hinein und wieder zurück erfolgen muss. Dieser Prozess tut weh und ist dennoch unverzichtbar – gerade in den Branchen, die einer großen Transformation unterliegen. An Investitionen für die Zukunft zu sparen, das halte ich für fatal.

Was viel wichtiger ist: Ein gemeinsames Verständnis und eine Vision, um die alte und neue Welt miteinander zu verknüpfen.

Der Autor ist Vorsitzender des Verwaltungsrats GFT Technologies AG.

Quelle: FAZ.NET
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