Flugobjekt als Lebensretter

Volkswagen und Münchner Studentenprojekt wollen kooperieren

Von Rüdiger Köhn, München
24.08.2021
, 12:41
Die elektrisch angetriebene Drohne von Horyzn soll für medizinische Zwecke eingesetzt werden.
VW plant eine Zusammenarbeit mit Studenten der TU München, die eine Rettungsdrohne entwickeln. Die Idee der medizinischen Mission besteht darin, in fünf Minuten in einem Umkreis von sechs Kilometern zu einem Einsatzort zu fliegen.
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Das Projekt einer Drohne für den medizinischen Noteinsatz, das 58 Studenten der Technischen Universität München (TUM) im Frühjahr vorgestellt haben, stößt auf prominentes Interesse: Der Volkswagen-Konzern hat ein Auge auf „Mission Pulse“ geworfen, die die TUM-Initiative Horyzn als Rettungsdrohne zum Transport eines Defibrillators entwickeln will. Konkret beteiligt sich auch das Bayerische Rote Kreuz (BRK) an den Entwicklungsarbeiten und unterstützt mit seiner Infrastruktur Simulationen sowie Tests unter Realbedingungen etwa mit dem Einsatz von der Leitzen­trale bis hin zu Rettungswagen.

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Für die Studenten bestätigt sich mit dem Interesse ihre These, dass der Einsatz eines unbemannten, elektrisch betriebenen und senkrecht startenden Flugobjekts als Lebensretter ein realistisches Szenario darstellt. „Wir sind derzeit in Gesprächen mit Volkswagen und bereiten eine Kooperation im Zusammenhang mit unserer Mission Pulse vor“, sagt Balázs Nagy, Student der Luft- und Raumfahrttechnik, Initiator sowie Leiter von Horyzn. Zum Zeitpunkt des Abschlusses einer Vereinbarung sagt er nichts; doch dürfte sie kurz bevorstehen.

In fünf Minuten zum Einsatzort fliegen

Das Interesse komme aus den oberen Etagen der Konzernzentrale in Wolfsburg, deutet Nagy nur an, ohne Details zu nennen. Abwegig ist eine Verbindung zwischen Auto und Drohne nicht. Das Horyzn-Projekt enthält Elemente für das Konzept eines autonom fahrenden und komplett vernetzten Autos, an dem der VW-Konzern und seine Marken wie VW, Audi, Škoda und Porsche arbeitet. Zu Gesamtlösungen eines digitalen, später einmal selbständig fahrenden Fahrzeugs gehören schließlich auch Verkehrssicherheit sowie Hilfen im Notfall oder bei Unfällen.

Horyzn hatte im Frühjahr den Plan vorgestellt, eine Drohne zu entwickeln, die lebensrettende Aufgaben übernimmt. Die Idee der medizinischen Mission besteht darin, dass ein „eVTOL“ (electric Vertical Take-off and Landing) in fünf Minuten in einem Umkreis von sechs Kilometern zu einem Einsatzort fliegen soll, über ihm schwebt und einen Defibrillator herablässt. Gesteuert wird das unbemannte Luftfahrzeug von einem Piloten aus der Ferne. Der ein halbes Kilogramm schwere Defibrillator, wie man ihn heute schon an öffentlichen Plätzen oder in Supermärkten findet, ist quasi von jedem zu bedienen und könnte einem Kranken mit Herzproblemen oder -infarkt helfen, noch bevor Sanitäter mit einem Rettungswagen eintreffen. Dessen Anfahrt dauere vom Notruf bis zum Eintreffen im Schnitt neun Minuten, sagt Nagy. „Verkürzt man die Zeit auf fünf Minuten, verdreifacht sich die Überlebenschance.“

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Rotes Kreuz beteiligt sich

Die Beteiligung des Bayerischen Roten Kreuzes an dem Projekt zeigt, dass es sich bei dem Konzept nicht um Fantasien handelt. Der Prototyp wird gerade gebaut und soll im Dezember offiziell im Beisein von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der bereits seine Teilnahme zugesagt habe, vorgestellt werden. Söder unterstützt derartige Ini­tiativprojekte von Studentengruppen der Universitäten München – wie auch das von TUM Hyperloop, das vom Freistaat gefördert wird. Viermal hintereinander hatten die 35 Studenten mit ihrer Kabine (Pod) den internationalen Wettbewerb um das Tunnel-Transportsystem namens Hyperloop gewonnen. Elon Musk, Gründer von Tesla und dem Raumfahrtunternehmen Space X, hat die Wettbewerbe ausgeschrieben.

Nach der schon 2016 gegründeten Initiative TUM Hyperloop fanden sich im November 2019 Studenten aus 21 Nationen von acht Fakultäten zusammen und entwickelten die Drohne „Silencio Gamma“. Mit einer Länge von 1,95 Meter und einer Spannweite von 3,60 Meter ist diese 13 Kilogramm leicht, da sie weitgehend aus Carbon besteht. Ausgestattet ist sie mit vier Vertikalrotoren und zwei Horizontalpropellern.

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Mission Pulse wird etwas größer und mit acht Vertikalrotoren sowie zwei Propellern für den Reiseflug ausgestattet sein. Statt 72 Kilometer Geschwindigkeit in der Stunde des ersten Modells und 50 Kilometer Reichweite wird die Defibrillator-Drohne gar bis zu 125 Kilometer je Stunde schnell sein. Sie soll eine Reichweite von etwa 15 Kilometern haben. Der Unterschied zu anderen Drohnenkonzepten besteht in der Trennung der Antriebe für den Senkrechtstart und den Reiseflug. In der Regel sind senkrecht startende Drohnen mit drehbaren Antrieben ausgestattet, die wesentlich komplizierter und schwerer sind.

Interesse an Horyzn wächst

Wenn alles nach Plan läuft, könnten für den Herbst 2022 die Fluggenehmigung für Mission Pulse erteilt und erste simulierte Einsätze gestartet werden. Auch für andere Rettungsaufgaben ist ein solches Modell denkbar, wenn es beispielsweise um den Transport von Organen von einem zum anderen Krankenhaus geht. Das Interesse für Horyzn wächst auch über VW und BRK hinaus. Der britische Triebwerkshersteller Rolls-Royce ist neuer Sponsor, weitere sollen folgen, kündigt Nagy an. Zu den bisherigen Unterstützern gehören Camilo Dornier als einer der Erben der Flugzeugbauer-Dynastie, das Senkrechtstarter-Jet-Projekt Lilium, Drohnenentwickler Quantum-Systems, der Sensor- und Radartechnikhersteller Hensoldt, der Triebwerksbauer MTU, das Gründernetzwerk UnternehmerTUM oder der Autovermieter Hertz.

Das Finden von Sponsoren ist ein Grund, warum sich die eine Studenteninitiative jetzt mit der anderen zusammengeschlossen hat, damit das Netzwerk an der TU München wächst und ein Stück professioneller wird: Denn Horyzn hat sich TUM Hyperloop, die sich vor zwei Jahren als Verein Next Prototype gründete, angeschlossen und ist Teil des Vereins geworden. Die Interessen sind gleich ausgerichtet, weshalb in vielen Bereichen Verbundvorteile (Synergien) genutzt werden können. So wird die Finanzierung gebündelt, zumal die Sponsoren beider Projekte ähnliche Interessen verfolgen, wie die Hyperloop-Unterstützer Airbus, Infineon, Siemens, Panasonic zeigen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Köhn, Rüdiger (kön.)
Rüdiger Köhn
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.
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