Internet der Dinge

Japan beginnt legalen Massen-Hack auf seine Bürger

Von Patrick Welter, Tokio
07.02.2019
, 06:38
Besitzt keinen Computer, ist aber für Cybersicherheit zuständig: der japanische Minister Yoshitaka Sakurada
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Von kommender Woche an versuchen japanische Experten, sich in die privaten Gerätschaften des Internets der Dinge im Land einzuloggen. Die Aktion soll die Internet-Sicherheit für die Bürger erhöhen, doch die Risiken liegen auf der Hand.
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Japan beginnt in diesen Tagen ein Großexperiment, das es in sich hat. Eine staatliches Institut wird versuchen, sich bei geschätzt 200 Millionen Gerätschaften des Internets der Dinge anzumelden, die in dem Land am Netz hängen. Es geht um private Netz-Router, Webkameras oder Maschinen, die Fitnessdaten der Nutzer aufzeichnen. Der gesetzlich genehmigte Massen-Hack soll nicht dazu dienen, die Bürger auszuspionieren. Vielmehr geht es offiziell darum, die Sicherheit des Internets zu erhöhen und Angriffe auf die Infrastruktur des Kommunikationszeitalters zu unterbinden.

Die Hack-Angriffe durch das Nationale Institut für Informations- und Kommunikationstechnologie spielen von der übernächsten Woche an mit Hilfe der Telekommunikationsanbieter an den Gerätschaften beliebte Passwörter wie „123456“ durch. Gelingt die Kontaktaufnahme, sollen die Nutzer über ihre Internetanbieter auf die Gefahren hingewiesen und zur Änderung ihres Passworts aufgefordert werden. Die Erlaubnis für den Massen-Hack hat das Parlament für fünf Jahre erteilt.

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Die Aktion entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Im hochgelobten Land des technischen Fortschritts hatte erst vergangenes Jahr der für die Cybersicherheit zuständige Minister Yoshitaka Sakurada erklärt, dass er keinen Computer benutze und mit Fragen der Cybersicherheit nur wenig vertraut sei. Nicht nur deshalb erregt der vom Parlament genehmigte Massen-Hack das Misstrauen der Japaner. Die Risiken für die Sicherheit privater Daten liegen auf der Hand, wenn staatliche Schnüffler sich mit Erlaubnis Einlass zu privaten Netzgeräten wie Routern verschaffen dürfen. Versprechen des Instituts, man werde erlangte Daten unter Verschluss halten, mindern das Misstrauen nicht.

Schwachpunkte bei der Ersteinrichtung von Geräten

Doch die Risiken des Internets der Dinge liegen nicht nur in Japan auf der Hand. Zumindest bei der Ersteinrichtung werden dem Nutzer standardisierte Passwörter angeboten, die vermutlich viele Nutzer aus Bequemlichkeit oder Unwissenheit nie mehr ändern. Das sind nicht nur Schwachpunkte, sondern offene Scheunentore für Datendiebe und andere böswillige Gesellen. Schon jetzt wird die Zahl der Geräte des Internets der Dinge global auf an die 30 Milliarden geschätzt, mit rasant steigender Tendenz. In Japan sind die Dinger nicht so weit verbreitet wie anderswo. Doch 54 Prozent der Cyber-Angriffe, die das Nationale Institut für Informations- und Kommunikationstechnologie 2017 feststellte, geschahen über das Internet der Dinge.

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Die Risiken werden zunehmen, wenn Japan sich zu den Olympischen Spielen in Tokio 2020 als Musterland der digital verbundenen Gesellschaft präsentieren will. Unter dem Schlagwort „Gesellschaft 5.0“ wirbt die Regierung für ein Leben, das zum Nutzen des Einzelnen in jeder Lebensphase am digitalen Netz hängt. Und natürlich begründet die Regierung den Internet-Großangriff auf ihre Bürger mit der Gefahrenabwehr vor und während der Olympischen Spiele. Als Beispiel wird gerne der mutmaßliche Angriff russischer Hacker angeführt, die während der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele im koreanischen Pyeongchang 2018 das Internet im Stadion lahmlegten.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Welter, Patrick
Patrick Welter
Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.
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