Zukunftstechnik in Deutschland

Eine neue Hoffnung

Von Alexander Armbruster und Carsten Knop
06.10.2019
, 14:21
Findet Deutschland seinen Platz auf der digitalen Erdkugel?
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Deutschland droht den Anschluss zu verlieren in zentralen Technologien wie der Künstlichen Intelligenz. Chancenlos ist der Standort aber noch lange nicht. Das muss nun geschehen.
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Suchmaschine? Betreibt Google. Soziales Netzwerk? Bietet Facebook. Online-Handel? Dominiert Amazon. Supercomputer? Konstruiert IBM. Spitzenhandys? Bauen Apple und Huawei. Jedermann-Software? Programmiert Microsoft. Sprachassistenten, Allzweck-Clouds, Künstliche Intelligenzen (KI), Quantencomputer? Erdenken sie an der amerikanischen Westküste und in Fernost. In der digitalen Transformation spielen andere die Musik, die dann auch die Deutschen hören, geben die Vereinigten Staaten auf der einen Seite und China auf der anderen Seite den Ton an. Die Bundesrepublik mit ihren bislang so erfolgreichen Unternehmen und unzähligen Hochqualifizierten tritt nicht als Gestalter auf, sondern wird gestaltet. Deutsche Ingenieurkunst mit ihrem Hang zum Perfektionistischen hat es schwer gegen experimentierfreudige IT-Entwickler, die wissen, dass Software nie fertig auf den Markt kommt, sondern immer im Praxistest erprobt und vollendet wird – und auch das nur, bis jemand die nächste Lücke entdeckt.

Deutsche Firmen, große wie kleine, wirken als Rekordweltmeister der inkrementellen Verbesserungen immer wieder regelrecht träge angesichts agiler amerikanischer Abenteurerunternehmer, die traditionelle Branchen mit ganz neuen Ideen und Konzepten entern. Ein echtes Problem. „Wir müssen vor allem technologisch wieder in allen Bereichen auf die Höhe der Zeit, auf das, was Weltmaßstab ist, kommen“, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) unlängst während ihrer Haushaltsrede. Und sie fügte hinzu: „Wir sind das nicht mehr.“

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Chipindustrie als Chance

Diese Diagnose teilen viele. Ja, in Deutschland entstehen gegenwärtig (immer noch) die besten Autos und Maschinen der Welt, die Menschen und Unternehmen rund um den Globus gerne kaufen. In wichtigen Zukunftsbranchen sind die Bundesrepublik und das übrige Europa indessen ins Hintertreffen geraten. Angst hat sich in Teilen der Bevölkerung breitgemacht. Und doch: So richtig vernünftige Warnungen und Mahnungen sind, so unnötig scheint schwermütige Schwarzmalerei. Denn Deutschland bekommt in der Informationstechnologie gerade drei neue Chancen. Die Stichworte lauten Blockchain, Computerchips aus Europa und Open Source. Sie verknüpfen sich im Internet der Dinge mit den immer besseren Möglichkeiten der KI, und schon lockt die Champions League der Digitalisierung – jedenfalls dann, wenn die Politik die Weichen richtig stellt und die Unternehmen ihre Prozesse und die Qualifikationen der Mitarbeiter neu justieren.

In der Chipindustrie hat sich so viel verändert, dass es für Deutschland und Europa sinnvoll sein könnte, wieder größeres Augenmerk auf eine Technologie zu lenken, von der viele glaubten, dass die Region dort nichts mehr mitzureden habe. Tatsächlich bekommt der Kontinent hier womöglich eine neue Chance, die in der öffentlichen Diskussion eine erheblich größere Aufmerksamkeit verdient. Dass der jüngste Milliarden-Zukauf des amerikanischen Tech-Konzerns Apple im Kern ausgerechnet einen ehemaligen Chip-Standort des deutschen Herstellers Infineon in Neubiberg nahe München betrifft, der für ein knappes Jahrzehnt etwas glücklos zu Intel gehörte, das wissen nur noch Eingeweihte.

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Ähnliches gilt für den etwas genaueren Blick auf die Geschäftszahlen des schwäbischen Maschinenbauers Trumpf, eines deutschen Vorzeigeunternehmens: An den niederländischen Kunden ASML, einen Ausrüster von Fabriken zur Herstellung von Computerchips, liefert Trumpf spezielle Laser, die mit Hilfe extrem ultravioletter Strahlung (EUV) Oberflächen von Chips belichten. Der bekannte Traditionskonzern Bosch spürt, dass im Stammgeschäft mit der Autozulieferung Computerchips immer wichtiger werden – das ist der Grund dafür, dass das Unternehmen einschließlich öffentlicher Fördermittel ungefähr eine Milliarde Euro in einen neuen Fertigungsstandort in Dresden steckt. Es ist auch hier die größte Einzelinvestition in der hundertdreißigjährigen Unternehmensgeschichte. Dresden zeichne sich durch eine gute Infrastruktur mit kurzen Wegen und guten Anbindungen aus. Es umfasse Unternehmen der Zulieferer-, Dienstleistungs- und Anwenderindustrie sowie Universitäten mit entsprechender technologischer Expertise.

Worum geht es genau?

Zum Thema Open Source wiederum hat der Digitalverband Bitkom jüngst einige neue Zahlen veröffentlicht. Die Lizenz von Open-Source-Software erlaubt es, die Programme frei auszuführen, den Quellcode zu analysieren und anzupassen sowie die Software auch in modifizierten Varianten weiterzugeben. Eine Voraussetzung dafür ist, dass der Quellcode der Software offen zugänglich ist. Immerhin drei Viertel jüngst vom Bitkom dazu befragter Unternehmen bezeichnen sich selbst als an Open Source interessiert und dem Thema gegenüber aufgeschlossen. Nur vier Prozent gaben an, dass sie Open Source grundsätzlich kritisch sehen oder ablehnen. Und schon heute gibt nur jedes vierte Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten an, Open Source nicht zu nutzen. Mehr als zwei Drittel setzen dagegen bewusst Open-Source-Software ein. „Vermutlich nutzen sogar noch viel mehr Unternehmen Open-Source-Lösungen, ohne es zu wissen – sei es als Smartphone-Betriebssystem oder als Softwarebasis für Webserver“, sagte Bitkom-Präsident Achim Berg dazu. Und er erklärte auch: „Open Source kommt vor allem in neuen Technologien wie Künstlicher Intelligenz oder Blockchain eine entscheidende Bedeutung zu, weil dort das Entwicklungstempo besonders hoch ist.“ Das ist wahr, auch wenn in Deutschland nicht jeder Branchenfachmann sicher ist, dass der Bitkom, der auch noch vielen anderen Interessen dienen muss, für Open Source der richtige Ansprechpartner ist.

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Worum geht es genau? Für die künftige Entwicklung Deutschlands sensibel ist vor allem der Datenverkehr in und zwischen Unternehmen und Behörden bis hin zum Innenministerium und Verteidigungsministerium. Geht es dabei zum Beispiel um Daten, die über Microsoft Exchange und Sharepoint Server übertragen werden, gibt es für diese Programme derzeit nur bis Juli 2026 die Garantie, dass man sie „on premise“, also auf eigenen Netzwerkrechnern (Servern), betreiben kann. Der danach theoretisch mögliche Verlust der direkten Zugriffskontrolle zu diesen brisanten Daten bereitet in Berlin Politikern schon heute Kopfzerbrechen – auch deshalb suchen sie nach Antworten mit Blick auf die Innovations- und Zukunftsfähigkeit der deutschen Industrie, die mit Quellcode-offener Software zu tun haben. In diesem Kontext muss auch der Wunsch des Wirtschaftsministers Peter Altmaier (CDU) verstanden werden, ein europäisches Betriebssystem samt Verwaltung für die Datenspeicherung auf Cloud-Servern aufzubauen. Der Arbeitstitel für das in der F.A.Z. erstmals öffentlich erwähnte Projekt heißt „GAIA-X“. Entscheidend ist aus der Sicht von Fachleuten, gerade hierfür Open-Source-Software einzusetzen, deren Quellcode von jedermann eingesehen werden kann. Proprietärer Code enthalte hingegen möglicherweise Hintertüren, von denen im schlimmsten Fall selbst die Anbieter nichts wüssten – eine Chance für Deutschland und für Europa.

„Man muss darauf achten, nicht selbstgefällig werden, um zu gewinnen.“

Mit der Blockchain wiederum haben sich jüngst sogar Fachleute des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) befasst, was schon zeigt, welche Hoffnung darauf ruht. Sie biete Transparenz und Vertrauen und könne dadurch unternehmensübergreifende Zusammenarbeit abbilden, schreiben sie in einer Analyse. Ihre spannendste Feststellung lautet allerdings wie folgt: „Die Blockchain stellt eine Ergänzung und gegebenenfalls sogar Alternative zur heutigen digitalen Plattform-Ökonomie dar. Wenn heute beispielsweise das Geschäftsmodell darin liegt, zentrale Plattformen beziehungsweise Intermediäre wie Facebook, Uber und Amazon zu benutzen, dann können sich künftig die Akteure direkt über dezentrale Plattformen beziehungsweise Netzwerke wie die Blockchain verbinden. Dadurch werden die Marktmacht beziehungsweise das Monopol der zentralen Plattform angegriffen oder reduziert.“ Das Rennen jedenfalls ist offen. Noch.

Daneben sollte schließlich nicht vergessen werden, dass Deutschland auch in der Künstlichen Intelligenz oder der allgemeineren Informatik nie Niemandsland war und es auch jetzt nicht ist. Informatik-Fachbereiche an deutschen Universitäten müssen sich nicht verstecken, zumindest wenn es um den akademischen Werdegang bis zur Promotion geht. Die amerikanischen Tech-Unternehmen werben gezielt um die aufstrebenden Talente – bieten ihnen attraktive Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten, aber auch in den wachsenden Entwicklungslaboren und Datenzentren hierzulande oder in anderen europäischen Staaten. Zigtausende finden dort gutbezahlte Stellen. Amazon konstruiert Künstliche Intelligenzen beispielsweise in Berlin und Tübingen, Facebook in Paris, Microsoft im britischen Cambridge, Google in Zürich. Wichtiges Wissen, Erfahrung und Infrastruktur entstehen hierdurch in Deutschland und Europa. Das ist gut für den Standort.

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Schlussendlich hilft besonders der deutschen Industrie, dass sie international nach wie vor in wichtigen Bereichen erfolgreicher ist als ihre ausländischen Konkurrenten. Das ist zumindest keine schlechte Basis, wenn die Strategie darin besteht, etablierte Produkte etwa mittels KI quasi zu veredeln – und so die eigenen Erfolge zu verteidigen. Das gilt etwa für die Automobilindustrie. „Ihre heute führende Marktstellung ist dafür natürlich ein sehr guter Ausgangspunkt“, erkennt der frühere Google-Manager und Wagniskapitalgeber Kai-Fu Lee denn auch an, ein Fachmann für Künstliche Intelligenz. Mahnende Worte schickt er allerdings gleich hinterher: „Man muss darauf achten, nicht selbstgefällig werden, um zu gewinnen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Armbruster, Alexander (ala.)
Alexander Armbruster
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.
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Carsten Knop
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