Wettstreit mit China

Biden macht Mikrochips jetzt zur Chefsache

Von Winand von Petersdorff, Washington
12.04.2021
, 20:46
Amerika fürchtet um seine Dominanz in der Chip-Industrie. Sogar die nationale Sicherheit sieht das Weiße Haus in Gefahr. Kurzfristig drohen Produktionsausfälle in Schlüsselindustrien.

Die Bestrebungen der chinesischen Regierung, langfristig die Fertigung von Mikrochips zu dominieren, gefährden nach Einschätzung des Weißen Hauses die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten. Das spiegelt sich in dem virtuellen Halbleiter-Gipfeltreffen, das auf Einladung Jake Sullivans, Präsident Joe Bidens Nationalen Sicherheitsberaters, am Montag Vorstandschefs der Chipproduzenten und von deren wichtigsten Abnehmern zusammengebracht hat.

Neben strategischen Perspektiven sucht das Weiße Haus auch schnell wirkende Lösungen für den akuten Mangel an Mikrochips, der vor allem die Autoindustrie trifft. Ford und General Motors hatten jeweils in der vergangenen Woche angekündigt, weniger Autos zu bauen, weil sie nicht über genügend Halbleiter verfügten. Eine amerikanische Autolobby, die fast alle Produzenten in den Vereinigten Staaten vertritt, erschreckte die Regierung mit der Kalkulation, dass in den Vereinigten Staaten 1,3 Millionen Autos weniger produziert werden könnten, weil ihnen die Mikrochips fehlten.

Neben den Vorständen der Autoindustrie und der großen Informationstechnik-Konzerne waren die Spitzenvertreter der Auftragsfertiger geladen, die im Auftrag von Konzernen wie General Motors, Apple oder auch Intel die Chips fertigen. Der akute Mangel in der Autoindustrie ist hausgemacht: Viele Hersteller hatten wegen der Pandemie ihre Bestellungen bei den zumeist in Taiwan produzierenden Auftragsfertigern zurückgefahren und dabei unterschätzt, wie stark sich die Nachfrage wiederbelebte.

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Eine der wenigen Ausnahmen stellt Toyota dar: Der japanische Konzern hatte so viele Mikrochips auf Lager genommen, dass der Vorrat für vier Monate reichen würde. Auch Mitsubishi hatte sich nach eigenen Angaben genügend Halbleiter gesichert, so dass die Produktion nicht gedrosselt wurde.

Teurer als China

In den Vereinigten Staaten wurde aufmerksam registriert, dass Deutschlands Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) Kontakt zur Regierung in Taiwan aufgenommen hat, um Lieferungen an Halbleitern für die deutsche Autoindustrie zu sichern. Vertreter der amerikanischen Autokonzerne verlangten danach ebenfalls eine Vorzugsbehandlung.

Die amerikanische Regierung ist vor allem wegen sicherheitspolitischer Implikationen technologischer Trends besorgt. Die zunehmende Wichtigkeit von Halbleitern zeigt sich unter anderem bei Autos: Nach Darstellung des Technologie-Denkfabrik ITIF verfügen durchschnittliche Autos heute über 50 bis 150 Halbleiter, während moderne Elektrofahrzeuge von bis zu 3000 Halbleitern gesteuert werden. Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass für Autos in der Regel Mikrochips der älteren Generation verwenden, weil diese als besonders robust und verlässlich gelten. Die Auftragsfertiger haben stattdessen aber vor allem in die Chip-Fertigung der neuen Generation investiert, um vor allem die IT- und Telekom-Konzerne beliefern zu können.

Das Weiße Haus ist besorgt über den fallenden Anteil der Vereinigten Staaten am globalen Produktionsvolumen: Es schrumpfte von 37 Prozent im Jahr 1990 auf 12 Prozent mit absteigender Tendenz, während sich die Nachfrage nach Industrieanalysen deutlich ausweiten wird. Taiwan nimmt eine Führungsposition ein, die Hersteller dort hätten einen Vorsprung in der Produktionstechnologie von zehn Jahren, schätzt das Weiße Haus.

Unfaire Handelspraktiken und aggressive Anreiz- und Subventionsprogramme zur Förderung der Industrie erklären nach Ansicht des ITIF-Experten Stephen Ezell die schrumpfende Bedeutung amerikanischer Hersteller und den Aufstieg von Taiwan, Südkorea, Singapur und nicht zuletzt China. Eine Studie von Boston Consulting kommt zum Ergebnis, dass die Halbleiterproduktion in den Vereinigten Staaten um 50 Prozent teurer ausfällt als in China. Rund die Hälfte der Differenz ist der Analyse zufolge staatlichen Zuwendungen zu verdanken.

Vor diesem Hintergrund will auch die amerikanische Regierung nicht untätig bleiben. Im 2,2 Billionen Dollar schweren Infrastrukturprogramm des Landes sind für einen Zeitraum von über zehn Jahren immerhin 100 Milliarden Dollar für sogenannte kritische Güter reserviert, deren heimische Produktion die Biden-Regierung hochfahren möchte. Die Hälfte davon soll der Produktionsförderung, der Forschung und der Entwicklung neuer Chipdesigns zugutekommen. Das Paket muss allerdings noch den Kongress passieren. Allerdings fand die Förderung solcher Ziele bisher immer Unterstützung beider Parteien. Den kurzfristigen Chipmangel löst das Programm nach Einschätzung von Experten allerdings nicht.

Quelle: F.A.Z.
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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