Berühmte Technikmesse

Leaving Las Vegas

Von Roland Lindner, New York
10.01.2021
, 15:03
Am Montag beginnt die Elektronikmesse Consumer Electronics Show. Diesmal aber nicht in der amerikanischen Casinostadt. Sondern rein digital.

Die Technologieindustrie startet üblicherweise mit der Consumer Electronics Show (CES) ins neue Jahr. Die Elektronikmesse in Las Vegas zählt zu den wichtigsten Branchentreffs, und sie beginnt wenige Tage nach dem Jahreswechsel. In diesem Jahr ist aber einiges anders, allein schon der Termin.

Die Messe startet eine Woche später als sonst, worüber ihr Veranstalter, der Branchenverband Consumer Technology Association, mittlerweile ganz froh ist. Andernfalls wäre sie von den gewalttätigen Protesten in Washington überschattet worden, sagt Verbandspräsident Gary Shapiro im Gespräch mit der F.A.Z.

Der Verband hat die Unruhen direkt zu spüren bekommen, wie Shapiro erzählt. Seine Zentrale liegt am Rande von Washington, und er hat sie am Donnerstag zwischenzeitlich geschlossen, weil in mehreren benachbarten Hotels Demonstranten übernachtet haben.

Niedrige Hotelpreise

Der größte Unterschied in diesem Jahr ist freilich das Format. Wegen der Corona-Pandemie wird die CES diesmal eine rein virtuelle Veranstaltung sein. Das Geschehen wird sich auf einer eigens aufgebauten Internetseite abspielen und nicht in Messehallen.

Für ein Mega-Spektakel, das sonst Las Vegas weitgehend in Beschlag nimmt und mehr als 250.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche besetzt, ist das eine dramatische Umstellung. Die amerikanische Glücksspielmetropole wird diesmal während der CES einen gespenstischen Eindruck machen, die Messe wird hier überhaupt nicht in Erscheinung treten.

Die Ödnis ist an den Preisen in den ohnehin schon von der Pandemie gebeutelten Hotels der Stadt abzulesen. Im schicken „Bellagio“ auf der Amüsiermeile Strip ist ein Zimmer in der nächsten Woche schon für 110 Dollar zu haben, vor einem Jahr waren es an den CES-Tagen mehr als 700 Dollar.

Auch Shapiro selbst wird nicht nach Las Vegas kommen. Er wird in der Zentrale von Microsoft in der Nähe von Seattle sein. Der Software-Konzern hat die Online-Plattform für die Messe entwickelt, der Verband hat sich das einen Millionenbetrag kosten lassen.

Vorbild Apple und Microsoft

Die CES-Veranstalter haben sich schon vor einem halben Jahr entschieden, die Messe ausschließlich digital stattfinden zu lassen. Sie sind damit einen anderen Weg gegangen als etwa die Berliner Funkausstellung, die Anfang September neben einem Online-Auftritt auch eine physische Präsenz hatte – wenngleich mit sehr wenigen Ausstellern und begrenztem Publikum. Shapiro sagt, die CES habe sich mit ihrem Konzept Produktpräsentationen von Technologiekonzernen wie Apple und Microsoft zum Vorbild genommen, die pandemiebedingt ebenfalls auf ein rein digitales Format gewechselt sind.

Die CES wird nicht nur virtuell sein, sondern sich auch in mancherlei Hinsicht in kleineren Dimensionen bewegen, was offenbar teils auch so gewollt ist. Im vergangenen Jahr gab es 4400 Aussteller, diesmal sind es etwas mehr als 1800, und die Veranstalter haben nach Shapiros Worten von einem gewissen Punkt an keine weiteren Anmeldungen mehr angenommen.

Einerseits um die Computerkapazitäten nicht zu überlasten. Andererseits, weil die von den Ausstellern zur Verfügung gestellten und dann auf der ganzen Welt abrufbaren Inhalte „wegen kultureller Sensibilitäten in verschiedenen Ländern“ geprüft werden müssten.

Auch die Zahl der Teilnehmer dürfte nicht an den Vorjahreswert von mehr als 170.000 heranreichen, wobei Shapiro sagt, es gebe bislang deutlich mehr als 100.000 Registrierungen. Nach seinen Worten wollte die CES auch die Besucherzahlen in Grenzen halten, was der wesentliche Grund sei, warum die Teilnahme im Gegensatz zu manch anderen rein digitalen Messen nicht kostenlos sei.

Wer sich früh angemeldet hat, zahlt 149 Dollar, mittlerweile schlagen die Tickets mit 499 Dollar zu Buche. Das ist mehr als im vergangenen Jahr, als für die Standardeintrittskarte zunächst 100 Dollar und später 300 Dollar verlangt wurden. Es gibt somit weiter Einnahmequellen für die CES-Veranstalter, trotzdem sind die Pandemie und die von ihr erzwungenen Veränderungen finanziell ein schwerer Schlag. Ein Fünftel der Stellen wurde gestrichen. „Das ist kein nachhaltiges Geschäftsmodell“, sagt Shapiro.

Bosch und Daimler sind dabei

Was das Programm betrifft, unterscheidet sich die diesjährige CES im Kern nicht allzu sehr von der gewohnten Struktur. Es wird wieder Keynotes geben, also Reden von prominenten Managern, zum Beispiel Mary Barra, der Vorstandsvorsitzenden des Autoherstellers General Motors, und Podiumsdiskussionen, diesmal etwa eine Veranstaltung darüber, was die Technologiebranche unter dem künftigen amerikanischen Präsidenten Joe Biden zu erwarten hat.

Die Liste der Aussteller und Unternehmen, die sich auf Pressekonferenzen präsentieren, enthält viele gewohnte Namen, darunter der Elektronikkonzern Sony, der Grafik- und Chipkartenspezialist Nvidia und auch ein paar Dutzend deutsche Vertreter wie der Autozulieferer Bosch und der Autohersteller Daimler. Manche Unternehmen, die in den vergangenen Jahren in Las Vegas waren, etwa der Internetkonzern Google, fehlen diesmal aber.

Die Pandemie dürfte auch die großen Themen und Produkttrends beeinflussen. Zum Beispiel mit Neuheiten, die dem Umstand Rechnung tragen, dass die Menschen vermehrt zu Hause sind und von dort aus arbeiten.

Der koreanische Samsung-Konzern, ohnehin stets einer der größten Aussteller auf der CES, nutzt die gegenwärtigen Umstände, um sich besonders prominent in Szene zu setzen. Er hat schon vor ein paar Tagen virtuell einige Neuheiten enthüllt, darunter einige Fernsehmodelle, zum Messebeginn am Montag gibt es eine weitere Präsentation, und am Schlusstag der CES wird die mit Spannung erwartete neue Smartphone-Reihe Galaxy S21 gezeigt. Üblicherweise stellt der Konzern seine Flaggschiff-Handys immer erst einige Wochen später vor.

Auch wenn sich Samsung mit den Gegebenheiten arrangiert hat, sagt Leif-Erik Lindner, der für die Koreaner das Geschäft mit Unterhaltungselektronik in Deutschland verantwortet, er werde die physische Messe in diesem Jahr vermissen. „Wir müssen ja Begeisterung verkaufen, und wir können Händler am besten begeistern, wenn sie unser Produkt vor Ort sehen und anfassen können.“

Für neue Produktkategorien sei das besonders wichtig: „Es gibt ja doch den einen oder anderen Zweifler, der vielleicht nicht glaubt, dass das Bild noch einmal brillanter ist.“ Vieles sei zwar digital zu vermitteln, aber für „den letzten Schliff und die letzte Motivation“ helfe der persönliche Kontakt.

Lindner sagt, seine Kunden aus dem Fachhandel sähen das ähnlich. Einige von ihnen hätten ihn im vergangenen Jahr „positiv genervt“ mit dem Wunsch, neue Geräte persönlich in Augenschein nehmen zu können. Der Manager weist auch darauf hin, dass eine rein digitale Veranstaltung für Hersteller trotz wegfallender Kosten für Hotels und andere Dinge nicht zwangsweise billiger sei, weil umso mehr in die Online-Präsentation investiert werden müsse. Es sei noch wichtiger, auf den Punkt zu kommen, um die Aufmerksamkeit des Publikums nicht zu verlieren.

Hoffen auf 2022

Auch CES-Chef Shapiro gibt zu, dass er das digitale Format für „zwar notwendig, aber nicht ideal“ hält. Dabei verweist er auf einige gute Seiten. Etwa dass die Messe diesmal ein viel globaleres Publikum erreiche als sonst. Der Anteil der Registrierungen aus dem Ausland erreiche 45 Prozent, sonst sei es ein Drittel. Die CES versuche auch, Teilnehmern auf der Online-Plattform das Entdecken von Dingen zu erleichtern, zum Beispiel mit Suchfunktionen und Moderatoren in einem Studio, die rund um die Uhr auf Neuheiten hinweisen.

Für das Jahr 2022 plant Shapiro aber fest mit einer Rückkehr nach Las Vegas, er erwartet eine Hybrid-Messe mit physischer Präsenz und digitalen Elementen. Er sagt, schon jetzt hätten sich Hunderte von Ausstellern für nächstes Jahr angemeldet, und eine Halle sei ausverkauft. Welche Form der persönliche Kontakt dann annimmt, müsse sich noch zeigen: „Ich weiß nicht, ob wir uns bis dahin schon die Hände geben oder umarmen, und vielleicht werden wir noch immer Masken tragen.“

In jedem Fall werde Hygiene das Geschehen noch immer bestimmen, beispielsweise werde es in den Hallen breitere Laufwege als früher geben. Für CES-Besucher, die in der Vergangenheit oft durch chronisch verstopfte Gänge navigieren mussten, dürfte das ganz unabhängig von der Pandemie eine gute Nachricht sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Lindner, Roland
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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