Digitalgipfel

Merkel warnt Autoindustrie davor, „verlängerte Werkbank“ zu werden

18.05.2021
, 13:43
Die Kanzlerin mahnt, nicht den Anschluss an die führenden IT-Konzerne zu verlieren. Der Umstieg auf das digitale Arbeiten in der Pandemie habe hingegen besser geklappt als gedacht.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Wirtschaft und Politik davor gewarnt, den nächsten Trend der Digitalisierung zu verschlafen. Die Verschmelzung von Hard- und Software schreite so schnell voran, dass man aufpassen müsse, nicht den Anschluss zu verpassen, sagte Merkel in Berlin. Ausdrücklich warnte sie etwa die Autoindustrie davor, nur noch „verlängerte Werkbank“ von IT-Unternehmen zu werden. Das Auto der Zukunft werde mehr ein digitales Objekt „mit guter Fahrmöglichkeit sein als ein Auto mit ein paar Chips drin“, sagte sie beim 15. Digital-Gipfel der Bundesregierung .

Deutschland und die EU müssten sich anschauen, über welche Fähigkeiten sie verfügen müssten, um in der Konkurrenz etwa mit großen amerikanischen IT-Konzernen noch bestehen zu können. „Da sind wir im Wettlauf mit denen, die ganz aus der digitalen Welt kommen“, fügte sie hinzu: „Den können wir noch gewinnen.“ Aber in Europa fehle es an guten Softwareunternehmen, die man entwickeln müsse, so die Kanzlerin weiter. Das EU-Wettbewerbsrecht erschwere zudem, dass Weltmarktfirmen mit einer ausreichenden Kapitalausstattung entstehen könnten, kritisierte sie.

„Keine Schnittstellen-Republik“

Merkel forderte zugleich Länder und Kommunen auf, ihre Vorbehalte gegen IT-Initiativen des Bundes fallen zu lassen. „Wir dürfen keine Schnittstellen-Republik werden“, sagte sie etwa mit Blick auf die nötige Vernetzung lokaler Gesundheitsämter, die verschiedene Software benutzen. Es sei falsch, einen „Zentralisierungswahn“ des Bundes zu kritisieren. Dieser müsse vielmehr auf die vom Bürger erwartete digitale Harmonisierung angesichts der föderalen Struktur pochen.

Tatsächlich hat der Umstieg zum digitalen Arbeiten in der Corona-Pandemie in Deutschland nach ihrer Einschätzung sogar besser geklappt als gedacht. „Wir haben immer noch große Schwächen im Ausbau der Hardware, aber wir haben immerhin so viele Zoom-Konferenzen und Webex-Konferenzen und sonstige Konferenzen geschafft, die man unserem Netz gar nicht zugetraut hätte“, sagte Merkel.

Kritik vom Bitkom

Es sei in den vergangenen Monaten an manchen Stellen endlich Tempo gemacht worden - etwa bei der Digitalisierung an Schulen, sagte die Bundeskanzlerin. „Da ist noch viel zu tun, aber der Einstieg ist geschafft.“ Die Pandemie habe gezeigt, dass viele digitale Prozesse noch zunehmen müssten. Merkel sprach sich aber gleichzeitig dagegen aus, die Digitalisierung vor allem mit Großprojekten voranzutreiben. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass ein schrittweises, agiles Vorgehen sinnvoller sei.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte zu dem Gipfel „Ausblick: Wirtschaft digital 2030“ mit Vorsitzenden der großen Digital-Plattformen eingeladen. Altmaier konnte sein einstiges Versprechen nicht einhalten, bis 2021 die Verwaltungen komplett zu digitalisieren. „Wir wissen alle, dass wir Ende dieses Jahres nicht alle Verwaltungen digitalisiert haben werden“, kritisierte Achim Berg, der Vorsitzende des Digitalverbandes Bitkom. Man habe diskutiert, ob ambitionsloses Handeln, der Föderalismus, mangelnde Risikofreude oder zersplitterte Verantwortlichkeiten dafür ursächlich seien. Vor allem „viele Verantwortlichkeiten“ bremsten die Prozesse, sagte Berg.

Im Mittelpunkt des Gipfels standen zudem die Künstliche Intelligenz (KI), die laut Altmaier ein zentrales Element in der Zukunft sein werde. Damit die realisiert werden könne, müssten die Bürger ihnen aber auch vertrauen. Oft blickten die Deutschen zu sorgenvoll auf neue Technologien: „Wir haben es damit zu tun, dass viele Innovationen bei uns eher skeptisch beäugt werden, dass wir die Risiken in den Vordergrund stellen“, sagte Altmaier.

Quelle: FAZ.NET/Reuters/dpa
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