Standort Deutschland

In der Wissenschaft spitze – auf dem Markt oft nur Mittelmaß

Von Stephan Finsterbusch und Georg Giersberg
25.02.2021
, 13:19
Wie kommt Deutschland kommerziell voran, wenn es um Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz und Quantencomputing geht? Fachleute machen Vorschläge.

Die Regierung muss in der Wissenschaftspolitik der kommenden Jahre konkrete Vorgaben machen, um international vereinbarte Ziele wie etwa in der Klima-, CO2- oder Biodiversitätspolitik einzuhalten und hiesige Unternehmen im Innovationsrennen mit Amerika und Asien nicht ins Aus laufen zu lassen. So hat sie ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) zu forcieren, die Branche der Wagniskapitalgeber zu stärken und dem Unternehmertum in Gestalt des eingesessenen Mittelstandes und junger Start-up-Unternehmen unter die Arme zu greifen.

Dies sind Ergebnisse einer Untersuchung der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), die gerade ihr „Jahresgutachten 2021“ Bundeskanzlerin Angela Merkel übergeben hat. Das Gutachten gilt als Leitfaden für die Innovations- und Unternehmenspolitik. Darüber hinaus wirft es ein Schlaglicht auf die F&E-Aktivitäten in Deutschland. In Innovationen werden hierzulande im Jahr rund 100 Milliarden Euro gesteckt; 20 Prozent der Summe kommen vom Staat, 80 Prozent von Unternehmen.

Zwar gehören Konzerne wie VW, Daimler oder Bosch zu den forschungsaktivsten der Welt. Doch in vielversprechenden Feldern wie Halbleitern und IT, synthetischer Biologie und Nanotechnologie ist Deutschland nicht mehr in der Spitzengruppe auf der Welt.

Dabei liefern Forscher hierzulande erstklassige Arbeit ab. „Allein wenn es um marktfähige Produkte geht, haben wir Nachholbedarf“, sagt Uwe Cantner, Vorsitzender der Kommission und Professor für Wirtschaft an der Universität Jena.

Ziel einer sich neu orientierenden Politik müsse es sein, aus den Ergebnissen der Forschungsinstitute mehr erfolgreiche Produkte Made-in-Germany zu machen. Das brauche ein schlagkräftiges, risikobereites und gut ausgestattetes Unternehmertum. Andernfalls könnte Deutschland seine Rolle als einer der fünf führenden innovativsten Wirtschaftsstandorte in der Welt verlieren. Die Probleme seien seit Jahren bekannt; die Politik habe erste Wendemanöver eingeleitet, heißt es.

Mittelstand auf der Bremse

Im Jahr 2019 wurde nach Vorbild der amerikanischen Darpa die Agentur für Sprunginnovationen in Leipzig gegründet. 2020 trat das Gesetz zur steuerlichen Förderung von Forschung und Entwicklung in Kraft. 2021 wurde die Basis für einen 10 Milliarden Euro großen Zukunftsfonds geschaffen. So könne der Staat „Innovationsaktivitäten in gesellschaftlich verabredete Richtungen lenken, die privatwirtschaftliche Akteure nicht von sich aus einschlagen“, heißt es im Gutachten. Dann kam Corona.

Die Krise lässt Teile des Mittelstands bei den F&E-Ausgaben auf die Bremse treten. Das Mannheimer Innovationspanel zeigte schon zu Beginn der Pandemie, dass kleine Unternehmen im Corona-Jahr von Rückgängen ihrer F&E-Ausgaben um durchschnittlich 9 Prozent ausgingen. Konzerne hingegen rechnen mit stagnierenden Forschungsinvestitionen. Dabei wirkt die Pandemie wie ein Katalysator für radikal neue Technologien – von der Kommunikation bis zur Medizin.

Ein Unternehmen wie die Mainzer Biotechgesellschaft Biontech habe mit seinem binnen Monaten entwickelten Impfstoff gezeigt, wozu man hierzulande nach wie vor fähig sei, sagt Cantner. Dies müsse Schule machen. Die Expertenkommission begrüßt, dass die Bundesregierung 60 der 130 Milliarden Euro aus ihrem Konjunkturpaket zur Bekämpfung der Folgen von Corona investiv und innovationsorientiert einsetzt. So werden Forschungen zur Künstlichen Intelligenz, zum Quantencomputing sowie zur Brennstoffzelle angeschoben. Darüber hinaus werden über die kommenden Jahre eine nationale Forschungs-Daten-Infrastruktur aufgebaut und eine nationale Datenstrategie verfolgt.

Ansätze für eine neue Forschungspolitik sieht die Kommission um Cantner in der „Hightech-Strategie 2025“, dem mittelfristig abgesteckten Rahmen der Innovationspolitik der Bundesregierung. Hier sind ein Dutzend Forschungsmissionen definiert – von der Krebsbekämpfung bis hin zur Batteriezellproduktion. Die Gutachter unterstreichen, „dass der Markt als Entdeckungsverfahren nicht ausgehebelt werden darf“. Denn er sei das alles entscheidende Bewährungsfeld.

Land der Forschung

In der Forschung arbeiten in Deutschland rund 400.000 Wissenschaftler, Ingenieure und Technologen. Das Land hat ein enges Netz von mehr als tausend Instituten, rund hundert Spitzenforschungseinrichtungen und steht mit den privat und öffentlich finanzierten F&E-Investitionen in Europa vorn.

China aber kommt mit umgerechnet 450 Milliarden Euro auf das Viereinhalbfache; Amerika mit 500 Milliarden Euro gar auf das Fünffache der hiesigen Ausgaben. Frankreich kündigte an, seine Forschungsinvestitionen binnen zehn Jahren um insgesamt 30 Prozent gesteigert zu haben. Israel und Korea stecken 5 und 4 Prozent ihres BIP in F&E, Deutschland 3 Prozent.

Und es gibt viel zu tun: Zwar baut die hiesige Autoindustrie nach wie vor die besten Verbrennungsmotoren der Welt; doch bei Elektromotoren fährt sie der Konkurrenz aus Amerika hinterher. Die deutsche Solarzellen-Branche war einst führend in der Welt, dann aber kamen die Chinesen. Zwar arbeiten Forscher wie die französische Nobelpreisträgerin Emmanuelle Charpentier, die die Editierung des Erbguts durch die Gen-Schere Crispr/Cas9 mitentwickelt hat, seit sechs Jahren in Berlin. Doch gegründet hatte sie mit Mitstreitern ihr Unternehmen Crispr Therapeutics zuvor schon in der Schweiz. 2016 wurde ein Teil der Aktien an der New Yorker Nasdaq-Börse verkauft.

Crispr/Cas ist für viele ein heikles Thema“, sagt Cantner: „Wir wollen da auch gar keine Handlungsempfehlungen geben. Wir schauen uns aber die Chancen der Technologie an – und da wird man schon stutzig.“ Deutschland sei in der Forschung gut, in der Patentierung mäßig und bei der Kommerzialisierung schlecht. Das sei kein Einzelfall.

Daher seien seitens der F&E-Politik neue Ansätze erforderlich. Cantner nennt es die „Neue Missions-Orientierung“. Sie orientiere sich an gesellschaftlichen Zielen wie Umwelt- und Klimaschutz, Erhalt der Biodiversität, Kampf gegen Volkskrankheiten oder saubere Mobilität.

„Sicher, man kann nicht alles fördern“, sagt er im Gespräch: „Aber Deutschland dürfte nicht auf allzu vielen Feldern in Rückstand geraten.“ Offenbar gebe es Schwierigkeiten in der Entwicklung, Markteinführung und Anwendung neuer Technologien. In der deutschen F&E-Politik müsse daher die Agilität steigen. Neue Entwicklungen müssten früher erkannt, Schlüsseltechnologien mehr gefördert, Rückstände rasch aufgeholt werden.

Damit greifen die Forscher einen Ansatz auf, den der Stanford-Ökonom und spätere Nobelpreisträger Kenneth Arrow angesichts der Entwicklung der Atom-, Computer- und Weltraumindustrie im Amerika der sechziger Jahren forciert hatte. Er war davon ausgegangen, dass Unternehmen nicht allein alle notwendigen Innovationen hervorbringen, die eine moderne Wirtschaft braucht.

Seitdem spielen in Amerika staatliche Institutionen wie die vom Militär geführte Innovationsagentur Darpa, das Energieministerium oder das National Institut of Health mit milliardenschweren Budgets und Zehntausenden Mitarbeitern zentrale Rollen in der Forschungs- und Industriepolitik.

Quelle: F.A.Z.
Stephan Finsterbusch  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Stephan Finsterbusch
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Autorenporträt / Giersberg, Georg
Georg Giersberg
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.
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