Teststrecke eröffnet

Wo Daimlers Roboterautos fahren lernen

Von Susanne Preuß, Immendingen
19.09.2018
, 18:09
Im Bild noch auf einer Computersimulation, heute Realität: Die Daimler-Teststrecke in Immendingen.
Auf einem ehemaligen Militärstützpunkt in der baden-württembergischen Provinz will Daimler seinen künftigen autonomen Autos das Fahren beibringen. Zur Eröffnung kommt sogar die Kanzlerin.
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Die Kanzlerin ist angereist, in die Provinz, nach Immendingen. CDU-Fraktionschef Volker Kauder hat seinen Wahlkreis hier, zwischen Stuttgart und dem Bodensee. Kauder ist auch anwesend, aber Angela Merkel ist nicht seinetwegen gekommen, sie ist den Roboterautos auf der Spur. Diese sollen hier das Fahren lernen, auf einer Teststrecke, die Daimler in Immendingen auf einem ehemaligen Militärgelände gebaut hat, mit 68 Kilometern Fahrwegen auf 520 Hektar Fläche. 3,4 Millionen Kubikmeter Erdmaterial sind bewegt worden, 200 Millionen Euro wurden investiert.

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Das „Stadtquartier“, das hier auch entstanden ist, kommt zwar ohne Häuser aus, hat aber Ampeln und Verkehrszeichen und eine Menge Sensoren, so dass die autonom fahrenden Fahrzeuge, die Daimler bald auf die Straße bringen will, für den echten Verkehr gründlich üben können. Außerdem gibt es dafür die „Bertha-Fläche“, fast einen Kilometer lang und 650 Meter breit, groß genug fürs Üben von allerlei Überhol- und Einfädel-Aktionen. Auch die Kanzlerin bekommt an diesem Mittwochnachmittag anlässlich der Eröffnung der Teststrecke einen Fast-Crash zu sehen. Ganz allein hat das selbstfahrende Auto bei voller Fahrt eine Vollbremsung hingelegt, den Unfall somit zu vermeiden gewusst.

Prominenz zur Eröffnung: Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU), Daimler-Chef Dieter Zetsche, Kanzlerin Merkel und Volker Kauder (von links).
Prominenz zur Eröffnung: Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU), Daimler-Chef Dieter Zetsche, Kanzlerin Merkel und Volker Kauder (von links). Bild: dpa

Benannt ist die Versuchsfläche nach Bertha Benz, die für den Stuttgarter Auto-Hersteller eine so maßgebliche Rolle spielt. Hätte sie, die Ehefrau des Erfinders Carl Benz, sich dereinst nicht getraut, eine Testfahrt von Mannheim nach Pforzheim zu machen, dann hätte die Geschichte vielleicht eine ganz andere Wendung genommen. „Die Männer hatten Angst, dass es explodiert oder umkippt“, erinnert Baden-Württembergs stellvertretender Ministerpräsident Thomas Strobl an jene Zeit, und leitet damit elegant zur Festansprache der Kanzlerin über: „Im entscheidenden Punkt setzen wir auf Frauen.“

Merkel verteilt Komplimente – und mahnt zu Anstrengungen

Angela Merkel verteilt ihrerseits Komplimente an alle möglichen Beteiligten des Projekts, mahnt aber auch zu Anstrengungen: „Wie die Verkehrswende gelingen kann, ist eine zentrale Frage.“ Die Mobilität für den Einzelnen werde wichtig bleiben, müsse aber auf eine völlig neue Grundlage gestellt werden. Das Kabinett habe just am Vormittag die Plattform „Zukunft der Mobilität“ beschlossen, um die Wettbewerbsfähigkeit dieser deutschen Schlüsselindustrie zu gewährleisten, so Merkels Hinweis dazu. Dann fordert sie die Lokal- und Regionalpolitiker im Saal auf, ihre Expertise konkret einzubringen. „Ich komme gern wieder vorbei, wenn alles E-mobilitätsfähig gemacht ist“, stellt sie in Aussicht.

Für Immendingen ist die Teststrecke eine Art Konjunkturprogramm. Früher waren hier Soldaten untergebracht, zuletzt die deutsch-französische Brigade mit bis zu 1500 Mann. Dann kam Daimler. „Das Gelände ist für uns wie ein Sechser im Lotto“, erklärt Daimler-Chef Dieter Zetsche – immerhin hat der Stuttgarter Autohersteller mehr als 120 potentielle Flächen für eine Teststrecke in Baden-Württemberg untersucht. In einer Rekordzeit von drei Jahren sei die Teststrecke genehmigt gewesen, berichtet Zetsche – angesichts der Komplexität des Vorhabens sei das wirklich erstaunlich schnell.

Bis zu 80 Prozent der Testfahrten wolle Daimler auf dieses Gelände verlagern, kündigt Zetsche an. Damit wird es wieder lebendig in Immendingen. Obwohl Daimler direkt auf der Teststrecke nur 300 Mitarbeiter beschäftigt, wird es wohl eine Sogwirkung geben, erwartet genau wie Zetsche auch Markus Hugger, Bürgermeister der 6400 Einwohner-Gemeinde. Die Werksfeuerwehr, die Kantine, Servicebetriebe und Zulieferer ziehen noch mehr Mitarbeiter an. Schon jetzt haben neue Einzelhändler geöffnet, Bauplätze gibt es gerade keine mehr. Aber das, so vermeldet man aus der Provinz, ist ein lösbares Problem.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Preuss, Susanne
Susanne Preuß
Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.
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