Tech-Konferenz DLD

Ein Neues Europäisches Bauhaus

Von Ursula von der Leyen
21.02.2021
, 15:37
Wir wollen lebenswerten und bezahlbaren Wohnraum schaffen für immer mehr Menschen – und zugleich Klima und Umwelt schützen. Ein Gastbeitrag.

Wie wichtig das Zusammenspiel von Politik und Kultur, Kreativität und Technologie, Wirtschaft und Kunst ist, hat schon einer der Gründungsväter unserer Europäischen Union gewusst. Im Jahr 1954 schrieb der damalige französische Außenminister Robert Schuman: „Europa. Sicher, es ist essentiell, am wirtschaftlichen Wiederaufbau zu arbeiten, militärische Sicherheit zu garantieren und es politisch zu organisieren, damit wir abermalige blutige Konflikte verhindern. Aber was würden all unsere Anstrengungen wert sein, wenn wir nicht gleichzeitig in der Lage sind, eine solide und tiefe Basis in den kulturellen Beziehungen zwischen den europäischen Ländern zu schaffen? Hier formt sich der europäische Geist, und der Geist wird alles andere formen.“

Schöner kann ich es nicht sagen. Schuman wusste, wie wichtig es ist, Wachstum und harte Wirtschaftsfaktoren mit Kultur und Emotion zu verbinden. Und genau das wollen wir mit unserem Projekt, dem Neuen Europäischen Bauhaus, erreichen.

Einmal mehr stehen wir vor grundlegenden Fragen unserer Zeit. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sind heute kaum abzuschätzen. Aber schon jetzt hat sie unsere Sicht auf viele Dinge des alltäglichen Lebens verändert. Dazu gehören in jedem Fall auch die Fragen nach gutem Wohnen, besserem Zusammenleben und der Stadt oder des Dorfes der Zukunft. Diese Pandemie ist auch eine Chance umzudenken, wie wir künftig zusammenleben und mit der Natur umgehen wollen.

Neue Gesetzesvorschläge im Sommer

Schon vor der Pandemie trieb die Sorge um unsere Umwelt und den Klimawandel viele Menschen um. Den meisten ist klar, dass wir die Grenzen unseres Planeten besser respektieren müssen. Und dass auch wir unsere persönliche Lebensweise überdenken müssen. Aus diesem Grund hat die Europäische Union dem Europäischen Green Deal Priorität eingeräumt. Europa soll bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent werden. Um das zu erreichen, müssen wir schon jetzt ehrgeiziger werden.

Deshalb haben wir vorgeschlagen, die Klimaziele schon für 2030 erheblich zu verschärfen – von 40 auf 55 Prozent. Und in diesem Sommer legen wir eine ganze Reihe an Gesetzesvorschlägen auf den Tisch, um die Versprechen einzuhalten.

Wir haben gute Voraussetzungen, um das zu schaffen: Unsere europäische Wirtschaft ist schon jetzt Weltmarktführer in zahlreichen nachhaltigen Technologien, mit weiteren Investitionen in Innovation und Forschung werden wir das in den kommenden Jahren stärken. Und mit den massiven Aufbauhilfen haben wir erstmals auch die Mittel, um vehement in den grünen Wandel zu investieren. Der Europäische Green Deal öffnet einen breiten Fächer an Möglichkeiten. Er ist unsere neue Wachstumsstrategie.

Deshalb ist gerade jetzt die richtige Zeit für eine neue europäische Bauhaus-Bewegung, die sich diesen Herausforderungen stellt und hilft, kluge und attraktive Antworten zu entwickeln. Das Neue Europäische Bauhaus soll eine Brücke sein. Eine Brücke zwischen der Welt der Wissenschaft und Technologie und der Welt der Kunst und Kultur.

Die historische Bauhaus-Bewegung hat vorgemacht, wie das gehen kann. Es ist beeindruckend, wie es die Bauhaus-Künstlerinnen, -Architekten und -Designerinnen innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit geschafft haben, unsere Welt nachhaltig zu verändern. Ihre Spuren ziehen sich bis heute über den Globus – sei es im Stadtzentrum von Tel Aviv, wo sich in manchen Straßen ein im Bauhausstil entworfenes Gebäude ans nächste reiht, sei es in Stoffen und Textilien, die nach Bauhaus-Mustern gewebt sind, sei es in zahlreichen Kunstwerken und Gemälden, die unsere Museen schmücken. Das Bauhaus, das seine Wurzeln in Weimar und Dessau hatte, prägte den sozialen und wirtschaftlichen Übergang zur Industriegesellschaft und ins 20. Jahrhundert. Hundert Jahre später erfordert der Europäische Green Deal ein ähnlich umfassendes Umdenken gepaart mit Kreativität und Innovation.

Gebäude und Infrastrukturen sind ein entscheidender Faktor im Kampf gegen den Klimawandel und für eine nachhaltige Wirtschaft. Sie sind für mindestens 40 Prozent aller Treibhausgasemissionen in der Europäischen Union verantwortlich. Dazu kommt, dass moderne Konstruktionen meist vor allem Zement und Stahl nutzen. Das sind Materialien, deren Herstellung immens viel Energie verbraucht und direkt CO2 freisetzt. Das historische Bauhaus hat auf diese Materialien gesetzt, um den Herausforderungen der Industrialisierung gerecht zu werden und das Wohnen bezahlbar zu machen. Die Form folgte der Funktionalität. Heute müssen wir einen Schritt weitergehen. Die Form des Neuen Europäischen Bauhauses folgt Funktionalität und der Gesundheit unseres Planeten. Wir wollen lebenswerten Wohnraum schaffen für die wachsende Zahl an Menschen – und gleichzeitig Klima und Umwelt schützen.

So können wir die Wettbewerbsfähigkeit unserer europäischen Unternehmen stärken. Und das ist nötig. Denn wir sehen, wie in allen Teilen der Welt das Verständnis wächst, dass wir mehr gegen den Klimawandel tun müssen. Bis Ende 2020 sind China, Südafrika, Japan, Südkorea und Kolumbien dem europäischen Beispiel gefolgt und haben angekündigt, dass sie klima- oder zumindest CO2-neutral werden wollen bis 2050/2060. Mit dem neuen amerikanischen Präsidenten sind auch die Vereinigten Staaten zurück am Tisch des Pariser Klimaabkommens; Joe Biden hat überdies schon angekündigt, dass er massiv in nachhaltige Wirtschaft investieren will. Europa muss sich anstrengen, wenn es vorne bleiben will.

Mit dem Neuen Europäischen Bauhaus gehen wir noch einen Schritt weiter: Wenn der Europäische Green Deal ein Erfolg werden soll, brauchen wir mehr als innovative Technik und naturbasierte Baumaterialien. Wir brauchen mehr als nur das Zurückfahren von Emissionen. Der Europäische Green Deal muss auch ein kulturelles Projekt für Europa sein. Das Neue Europäische Bauhaus kann den grünen Wandel erfahrbar und begreifbar machen. Jede Bewegung hat ihr eigenes Design und ihre eigene Ästhetik – wir wollen Schönheit und Nachhaltigkeit miteinander in Einklang bringen.

Mit der neuen Bauhaus-Bewegung wollen wir einen Raum des gemeinsamen Gestaltens und der Kreativität schaffen, in dem Architekten, Künstlerinnen, Studenten, System- und Klimawissenschaftlerinnen, Ingenieurinnen und Designer zusammenarbeiten, um diese große Vision zu verwirklichen. Das Neue Europäische Bauhaus wird eine treibende Kraft sein, um sich auf innovative bürgernahe Weise mit dem Green Deal auseinanderzusetzen.

Positive Zukunftsperspektive

Ich bin überzeugt, dass der Zeitpunkt dafür richtig ist. Die Menschen in Europa und anderswo sehnen sich nach einer positiven Zukunftsperspektive. Sie wissen, dass unser Zusammenleben nach der Pandemie nicht mehr so sein wird wie zuvor. Aber das Neue, die Zukunft, ist auch noch nicht da. Das Neue Europäische Bauhaus kann den Raum schaffen, gemeinsam darüber nachzudenken, wie ein neues Lebensgefühl in einem gesünderen, digitaleren, nachhaltigeren Europa gestalterisch umgesetzt werden kann. Und es kann dafür sorgen, dass diese Zukunftsvisionen keine Visionen bleiben, sondern erfahrbar und spürbar werden.

Dabei wird auch die soziale Komponente eine entscheidende Rolle spielen: Wie garantieren wir mehr Gleichberechtigung und Inklusion? Wie machen wir gutes Wohnen bezahlbar? Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, dass Menschen aus unterschiedlichen Generationen gemeinsam gut leben können? Und was bedeutet das für Architektur und Design? Auch diesen Fragen wird sich die Neue Europäische Bauhaus-Bewegung stellen müssen.

Wie genau die neuen europäischen Bauhäuser aussehen werden, wird sich erst in der Designphase des Projekts zeigen. Denn eines ist uns sehr wichtig: Für dieses Projekt ist keine Richtlinie aus Brüssel vorgesehen. Es wird nicht an den Schreibtischen der Europäischen Kommission ausformuliert. Wir schaffen einen Rahmen für die Ideen und Kreativität der Europäerinnen und Europäer. Wir möchten gemeinsam mit vielen Interessierten das Konzept des Neuen Europäischen Bauhauses entwickeln und schärfen.

Die Designphase läuft

Deshalb haben wir vor einem Monat die Designphase des Projekts gestartet. Mit Hilfe von vor allem verschiedenen digitalen Hilfsmitteln laden wir alle ein, sich am Ausformulieren des Konzepts zu beteiligen. Und wenn es die Pandemie-Situation wieder zulässt, wollen wir auch auf die Straßen der Städte und Regionen zwischen Vilnius und Sevilla, zwischen Dublin und Sofia. Hin zu den Menschen. In ihre Lebenswelten. Dieses Abenteuer starten wir gemeinsam mit Künstlerinnen, Designern, Unternehmerinnen und Architekten.

Unser Ziel ist es, diese erste Designphase bis zum Sommer 2021 abzuschließen – und dann konkrete Ausschreibungen für erste Pilotprojekte zu starten. Wir stellen uns vor, dass schon im kommenden Jahr mindestens fünf konkrete Bauhaus-Projekte in verschiedenen Mitgliedstaaten starten können. Es sollen visionäre Projekte sein, die konkrete Veränderungen bringen, sei es auf dem Land oder in der Stadt.

Schon jetzt sind das Interesse und die Vielfalt der Ideen enorm, die mich täglich erreichen. Die Bandbreite reicht von Vorschlägen, wie man Bahnhöfe oder Opernhäuser nachhaltiger gestalten oder auch renovieren könnte, über Ideenwettbewerbe für zirkuläres Design bis zu praktischen Produkten wie Solarziegeln.

Wir spüren, dass das Projekt sehr viele Menschen neu motiviert, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten in diesen Bereichen mit großem Enthusiasmus und Sachkunde arbeiten. Für sie sind diese Dinge nicht neu, aber sie bekommen mit dem Neuen Europäischen Bauhaus eine neue öffentliche Bühne. Es ist eine neue Chance, dass sich Gleichgesinnte in Europa vernetzen. So könnte das Neue Europäische Bauhaus zu einer kraftvollen Bewegung wachsen, die zum Gestalter und Treiber werden kann für den Europäischen Green Deal. Gemeinsam können wir ein besseres Europa bauen, ein Europa für die nächsten Generationen.

Ursula von der Leyen ist die Präsidentin der EU-Kommission.

Quelle: F.A.Z.
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