Schweizer Musik-Fintech Utopia

„Wir wollen das Backend der Musikindustrie sein“

Von Benjamin Fischer
24.06.2022
, 09:22
Markku Mäkeläinen
Utopia Music verspricht Datenlücken zu schließen und Musikkonsum besser zu erfassen. Das Schweizer Unternehmen mischt durch diverse Übernahmen aber auch auf anderen Gebieten mit. Nur selbst Musikrechte halten soll Utopia nie.
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Die Antwort auf die Frage „Was ist fair?“ hängt gewöhnlich stark von der jeweiligen Perspektive ab. Sei es die Aufteilung der Einnahmen zwischen einem Interpreten und seinem Label, die Beteiligung von Songwritern am großen Streaming-Kuchen oder wie viel Dienste wie Spotify eigentlich für sich behalten sollen: Die eine Antwort gibt es nicht.

Markku Mäkeläinen hält sich bei solchen Themen lieber gleich ganz raus: „Fair ist für uns das, worauf sich zwei Parteien in der Musikindustrie geeinigt haben.“ Der Finne arbeitete zuletzt unter anderem für Facebook. Seit Januar 2021 führt er Utopia Music mit Hauptsitz im Kanton Zug. „Wir sind ein neutraler Akteur – wie die Schweiz eben“, sagt er lachend. Als solcher soll Utopia perspektivisch dann aber doch möglichst überall mitmischen im komplizierten Treiben der Musikvermarktung.

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„Fair Pay for Every Play“ hat sich das Un­ternehmen als Motto auf die Fahnen geschrieben. Fairness ergebe sich für Utopia demnach daraus, die Gelder einzuholen, die den Partnern aus der Industrie durch die Nutzung ihrer Werke auf welchen Kanälen auch immer zustünden, sagt Mäkeläinen: „Wir bilden ab, was wann und wo gespielt wurde und bringen diese Informationen mit den Rechte-Verhältnissen und den entsprechenden Eignern zusammen“. Die Erfassung ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Zahlungen an die jeweiligen Rechteinhaber fließen können. Die Informationen über diese – an einem Song halten nicht selten deutlich mehr als 10 Par­teien Rechte – müssen hierfür natürlich sorgfältig hinterlegt werden.

„Utopia wird nie selbst Rechte besitzen“

Die Rechtewahrnehmung ist ein komplexes Feld, und Ungenauigkeiten können teuer werden – respektive dafür sorgen, dass beim betreffenden Rechteinhaber kein Geld ankommt. In den USA zahlten Mitte Februar vergangenen Jahres beispielsweise diverse Streamingdienste rund 424 Millionen Dollar an eine neu eingerichtete Verwertungsgesellschaft aus.

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Die stolze Summe setzte sich aus nicht zuordenbaren Tantiemen für Urheber zusammen. Auch das sogenannte Tracking von Musik in Radio, Fernsehen oder auf verschiedensten digitalen Plattformen ist eine wichtige Aufgabe. Zudem gebe es auf verschiedenen Märkten verschiedene gesetzliche Regelungen und jeweils lokale Verwertungsgesellschaften, sagt Roberto Neri, der das operative Geschäft der Schweizer verantwortet. Durch diese dezentrale Struktur komme Geld teils nur sehr verspätet bei den Rechteinhabern an. Utopia wolle helfen, Datenlücken zu schließen, um so für mehr Einnahmen für die Branche zu sorgen, die obendrein schneller gezahlt werden sollen: „Wir wollen das Backend der Musikindustrie sein“, fasst Neri zusammen.

Großes Serviceportfolio durch Übernahmen

Utopia sei kein Disruptor, unterstreicht, Mäkeläinen. „Unser Ziel ist es, für mehr Ef­fizienz und Genauigkeit zu sorgen, nicht die Funktionsweisen der Industrie zu verändern.“ So könnten die Industriepartner auch die neuen Vermarktungsmöglichkeiten im Gaming oder dem Metaverse besser für sich nutzen. Aktuell arbeitet das „Mu­sik-Fintech“ nach eigenen Angaben mit 1100 Verlagen und 1800 Labels zusammen. 2016 gegründet, repräsentiere man sechs Millionen Rechte, und zu den Kunden zählten auch die Majors genannten großen Drei der Branche, Universal, Sony und Warner Music, heißt es von Utopia.

Genauere Infos gibt das rund 600 Mitarbeiter zählende Unternehmen nicht preis. Das gilt auch für Zahlen zu Umsatz, Gewinn oder Verlust. Dafür machen die Schweizer regelmäßig mit Übernahmen von sich reden, und das Serviceportfolio beschränkt sich längst nicht auf das Verfolgen und Auswerten des Musikkonsums. So gehören heute der britische Indie-Vertrieb Proper Music ebenso zu Utopia wie Musimap, ein Anbieter, der mittels Künstlicher Intelligenz Musik Emotionsmustern zuordnen will, oder die Plattform Lyric Financial, über die Künstler Vorschüsse auf ihre künftigen Tantiemen erhalten können.

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Konkurrenz auf den einzelnen Feldern

Auch mit Verwertungsgesellschaften ar­beitet Utopia als Servicepartner zusammen, wenngleich nicht mit der deutschen Gema. An Konkurrenz mangelt es Utopia nicht. „Utopia Music ist relativ breit aufgestellt und bietet Dienstleistungen in vielen verschiedenen Bereichen - bislang vor allem durch erfolgte Unternehmens-Übernahmen - , die für Unternehmen der Musikwirtschaft relevant sind. Auf Grund der breiten Aufstellung gibt es vermutlich keinen direkten Konkurrenten, der hier zu nennen ist“, wie Thomas Theune, Direktor Sendung und Online bei der Gema, gegenüber der F.A.Z. an­merkt. Das 2005 gegründete spanische Un­ternehmen BMAT beispielsweise wirbt ebenfalls damit, Musikkonsum möglichst überall zu registrieren und alle Daten für die korrekte Auszahlung zusammenzustellen. Auch die Selbstbezeichnung „Betriebssystem für die Musikindustrie“ klingt ähnlich wie Utopias Selbstverständnis. Auf dem weiten Feld der Meldung von Musiknutzung konkurriert Utopia zudem mit dem ICE genannten Gemeinschaftsunternehmen von Gema, der britischen Gesellschaft PRS sowie der schwedischen STIM.

Weitere Zukäufe seien in Planung, sagt Markku Mäkeläinen. Doch bei aller Um­triebigkeit habe sich Utopia einige klare Grenzen gesetzt, was die Ausweitung der Geschäftsfelder betrifft: „Utopia wird nie selbst Rechte besitzen.“ Rechte, die Utopia im Rahmen von Übernahmen erhalte, veräußere man im Nachgang stets, und auch Daten zu verkaufen stehe nicht zur Debatte. Auf dem Gebiet der Katalogübernahmen fungiert Utopia so ebenfalls als Servicedienstleister.

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Dienstleister für Katalogdeals

„Wir arbeiten mit großen Fonds zusammen, die Musikkataloge aufkaufen“, sagt Mäkeläinen. Für die Interessenten und gerade für solche von außerhalb der Musikindustrie seien möglichst gute Daten über die Performance der Songs eines Rechtepakets elementar, wenn es um die Einschätzung der Rendite und die Preisverhandlungen gehe. Das gel­te natürlich auch für die Seite der Verkäufer, mit der Utopia als neutraler Player ebenfalls arbeite. Auf „mehrere Hundert Millionen Dollar“ belaufe sich, Stand jetzt, der summierte Preis für Katalogdeals, bei denen Utopia als Dienstleister involviert gewesen sei.

Der Run auf die Kataloge und das hohe Preisniveau könnten angesichts der steigenden Zinsen zwar etwas nachlassen. Das erwarten auch die Analysten von Goldman Sachs. Allerdings zeichnet das Team in der aktuellen Ausgabe des alljährlichen Berichts zur Lage der Musikindus­trie („Music In The Air“) ansonsten ein betont positives Bild für die Zukunft der Branche und korrigiert die Wachstumsprognosen sogar nach oben. Einerseits ge­be es keine Anzeichen für ein Ende des Streamingbooms, der das Wachstum der Branche seit Jahren maßgeblich befeuert. Andererseits legen die Einnahmen aus an­deren digitalen Plattformen wie Facebook, Tiktok und auch aus Videospielen immer stärker zu, wie es in dem Bericht heißt. Eine Entwicklung, die Musikmanager stets nur zu gern anführen – und auch Markku Mäkeläinen zupass kommt. Die internen Utopia-Berechnungen fallen dem Finnen zufolge jedenfalls noch optimistischer aus als jene von Goldman Sachs.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
Redakteur in der Wirtschaft.
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