Auto-Kooperation

VW und Bosch verbünden sich für Roboterautos

Von Christian Müßgens und Gustav Theile
25.01.2022
, 09:02
Ein autonom fahrendes Testauto von VW
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Die Hoffnung in autonom fahrende Autos ist groß. Jetzt schließen sich zwei deutsche Schwergewichte zusammen – doch andere sind weiter.
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Das Auto fährt sich selbst, der Fahrer tut in der Zeit Dinge, die schöner oder nützlicher sind, als auf Verkehrsschilder zu achten oder sich über andere Autofahrer zu ärgern – autonom fahrende Roboterautos sind eines der zentralen Zukunftsthemen für die Autoindustrie. Aber ihre Entwicklung ist teuer und kompliziert.

Jetzt bündeln zwei Konzerne aus Deutschland ihre Kräfte, um auf dem Feld mehr Tempo zu gewinnen. Wie die Volkswagen-Tochtergesellschaft Cariad und der Zulieferer Bosch am Dienstag mitteilten, wollen sie gemeinsam Software entwickeln, die das teil- und hochautomatisierte Fahren „massentauglich und für jedermann verfügbar“ macht. Dabei gehe es um einen großen Schritt für die ganze Branche, wie der Chef von Cariad, Dirk Hilgenberg in der Meldung deutlich macht. „Durch unsere Kooperation werden wir den Innovationsstandort Deutschland gemeinsam stärken.“ Schon vom Jahr 2023 an sollen erste Funktionen in Fahrzeuge eingebaut werden.

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Daimler liegt vorn

Die Frage, wie und in welcher Konstellation die Technologie für selbstfahrende Autos hierzulande entwickelt wird, sorgt schon länger für heftige Diskussionen. Dabei schwankt die Branche zwischen zwei Extremen: Manche Vertreter der klassischen Autoindustrie pochen darauf, die nötigen Systeme zu einem möglichst großen Teil im Alleingang zu entwickeln, um ein eigenes Ökosystem zu schaffen. Auf der anderen Seite stehen Autozulieferer wie Continental, die auf die begrenzen Möglichkeiten einzelner Konzerne hinweisen und eine weitreichende Zusammenarbeit fordern.

Vor anderthalb Monaten erhielt der Daimler-Konzern nach eigenen Angaben die erste „international gültige Systemgenehmigung für hochautomatisiertes Fahren“, in der Branche nennt man das „Level 3“ des automatisierten Fahrens. Bis zu einer Geschwindigkeit von 60 Kilometern darf das Auto auf der Autobahn alleine steuern. Der Fahrer kann sich anderen Tätigkeiten zuwenden. Noch ist das System allerdings nur für gut 13.000 Autobahnkilometer in Deutschland freigeschaltet.

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„Ein Riesenschritt“

Bis August hatte Bosch noch gemeinsam mit Daimler an einem System für ein Robotertaxi gearbeitet, dann kündigten die beiden Stuttgarter Traditionskonzerne die Kooperation auf. Stattdessen schmieden nun Bosch und Cariad eine Allianz. „Die Formel dieser Partnerschaft auf Augenhöhe lautet: einer der weltweit größten Autokonzerne plus einer der größten Automobilzulieferer gleich ein Riesenschritt für die Entwicklung des automatisierten Fahrens“, heißt es in ihrer Pressemeldung.

Ziel sei es, mit mehr als 1000 Fachleuten an Standorten beider Unternehmen zusammenzuarbeiten, besonders in Stuttgart, dem Hauptsitz von Bosch, und in Ingolstadt, wo die VW-Tochtergesellschaft Audi firmiert und auch Cariad eine wichtige Rolle spielt. Das Recruiting läuft den Angaben zufolge.

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Nicht nur in VW-Autos

Autos des VW-Konzerns sollen Funktionen erhalten, „bei denen Fahrer die Hände zeitweise explizit vom Lenkrad nehmen können“, heißt es in der Mitteilung. Das gelte für Verkehr in der Stadt und auf dem Land. Für die Autobahn wollen die beiden Partner ein System entwickeln, dass die „komplette Fahraufgabe“ übernimmt – also Level 3 wie bei Mercedes. Zudem prüfe man gemeinsame Ziele und Zeitpläne für Level 4, das vollautomatisierte Fahren. Schon kommendes Jahr sollen demnach die ersten Funktionen implementiert werden.

Allerdings werden die entwickelten Systeme nicht nur in VW-Autos eingebaut. Bosch-Geschäftsführer Markus Heyn wird mit den Worten zitiert: „Wir können die entstehenden Lösungen auch unseren weiteren Kunden anbieten und so neue Standards setzen.“ Mit einer gewissen Zeitverzögerung will Bosch das System also auch anderen Kunden verkaufen. Bosch profitiert in der Kooperation von der Größe des VW-Konzerns. Eine der größten vernetzten Fahrzeugflotten der Welt liefere eine riesige Datenbasis, wird ein Bosch-Manager zitiert.

Diess ist persönlich verantwortlich

Auf VW-Seite ist die Kooperation nicht nur für Cariad-Chef Hilgenberg wichtig, sondern auch für den Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess. Er ist nach einem Beschluss des Aufsichtsrats vom vergangenen Jahr für das Thema Software im Vorstand persönlich verantwortlich und muss nun zeigen, dass er VW auf dem Gebiet schnell voranbringt. Andere Zuständigkeiten – etwa für das wichtige Geschäft in China und den Vertrieb – gibt er an andere Manager ab.

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Das war Teil eines Kompromisses zwischen den im Aufsichtsrat vertretenen Familien Porsche und Piech, dem Land Niedersachsen und den Arbeitnehmervertretern, demzufolge Diess an der Spitze bleiben kann, aber Macht abgibt. Vorausgegangen war ein Streit, weil er ohne Absprache mit dem Aufsichtsrat einen Abbau von bis zu 30.000 Arbeitsplätzen in Wolfsburg hatte durchrechnen lassen.

Artemis und Trinity

Nach dem Beschluss im Dezember hatte schon der Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, in einem Interview mit der F.A.Z. betont, welche Bedeutung die Software für VW und damit auch für die Zukunft von Diess im Konzern hat. „Wenn Herbert Diess das Unternehmen als Vorstandsvorsitzender nach vorne entwickeln will, muss er sich da beweisen“, sagte Hofman, der gleichzeitige betonte, dass es im Zuschnitt der Cariad noch Defizite gebe.

Diess müsse es schaffen, dass das Unternehmen „die zentrale Softwareschmiede von VW wird, und dass dort nicht ständig von Konzernmarken wie Audi oder Porsche reinregiert wird“. Die Mannschaft brauche Autonomie und müsse mitgenommen werden.

Für VW sind in der weiteren Entwicklung im Wesentlichen zwei große Stufen relevant, zunächst die Software für den Premiumbereich. Sie ist eng mit dem Entwicklungsprojekt Artemis verbunden und soll zeitnah erste Lösungen präsentieren, was sich mit dem Zeitplan von Bosch und Cariad deckt, vom kommenden Jahr an in der neuen Allianz erste Funktionen zu implementieren.

Danach werden die darauf aufsetzenden Versionen für den Volumenbereich entwickelt. Hier kommt für VW das Entwicklungsprojekt Trinity ins Spiel, ein teilautonomes E-Fahrzeug, das in Wolfsburg gebaut werden soll und dessen Entwicklungsarbeit als Basis für weitere Modelle in der Zukunft dient.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Müßgens, Christian
Christian Müßgens
Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
Autorenporträt / Theile, Gustav
Gustav Theile
Wirtschaftskorrespondent in Stuttgart.
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