Kryptowährung

Der geheimnisvolle Bitcoin-Erfinder

Von Stephan Finsterbusch
09.01.2021
, 13:30
Satoshi Nakamoto hob den Bitcoin einst aus der Taufe. Immer noch ist nicht bekannt, wer hinter diesem Namen steckt - eine Spurensuche.

Auf dem Papier gilt er als Erfinder des Bitcoins, für weite Teilen der Technologieszene ist er ein stiller Held; er wird als Programmiergenie bezeichnet, als Nerd, Freak und Pionier. Laut Blockchain-Protokoll ist er Milliardär. Nach den jüngsten Kurssprüngen des Bitcoins gehört er zu den reichsten Menschen der Welt.

Obwohl seine Arbeit in vieler Munde ist, scheint doch niemand zu wissen, wer oder was sich hinter dem Namen verbirgt: Eine Person oder eine Gruppe, eine Organisation oder ein Geheimdienst? Ist es ein Pseudonym, ein Künstler- oder Deckname? Wer ist Satoshi Nakamoto?

Programmierer, Linguisten und digitale Spurensucher konnten das Rätsel bisher nicht lösen. Einstige Mitstreiter erklärten, nicht zu wissen, mit wem genau sie es da zu tun hatten. Niemand konnte Licht in die dunkle Ecke des Cyberspace werfen. Seit zehn Jahren ist Nakamoto wie von der Bildfläche verschwunden. Es gibt keine Fotos von ihm, nur einen Schattenriss; es gibt keine Videos, nur einen Aufsatz, ein paar E-Mails und Blogbeiträge.

Die aber haben es in sich: Sie beschreiben, wie mit der Einführung des Bitcoins vor zwölf Jahren das erste Kryptogeld und das erste digitale Transaktionsregister Blockchain aus der Taufe gehoben wurden. Nakamoto wirkte da wie ein Pate. Er baute auf alte Konzepte des Kryptologen David Chaum, war zuvor schon in der Cypherpunk-Gruppe aktiv und kooperierte mit mehreren Programmierern.

40 Milliarden Dollar auf dem Konto

Während sich heute Wirtschaft und Wissenschaft einen Reim auf die digitale Zukunft des Geldsystems zu machen suchen, geht an den Märkten der Bitcoin-Preis durch die Decke. Der jüngste Höchststand von 40.000 Dollar hat Nakamoto in den Kreis der Superreichen katapultiert. Denn nach einer Analyse des Kryptologen Sergio Lerner sind seinen Konten noch 1,1 Millionen Bitcoins zuzuschreiben - mit einem aktuellen Gegenwert von rund 40 Milliarden Dollar.

Nach den Worten Lerners waren diese Bitcoins schon in den ersten zwölf Monaten nach der Markteinführung geschöpft. Die damit verbundenen komplizierten technischen Vorgänge hatten nur fünf Minuten nach der Veröffentlichung des ersten Transaktionsblocks im Januar 2009 begonnen. Lerner stellte in den frühen Datenprotokollen fest, dass über ein Jahr lang vom immer gleichen Computer 1,8 Millionen Bitcoins kreiert, doch nur ein Drittel davon in den Umlauf gebracht wurde. Der Rest ist seitdem unberührt. Ist es eine stille Reserve, ein verlorener Posten oder ein Test?

Während der Dollar-Wert des Bitcoin hohe Sprünge macht, schießen auch die verbalen Spekulationen hoch: Wer oder was ist Satoshi Nakamoto? Im Chatforum der P2P Foundation hatte er einst ein paar Hinweise hinterlassen. Hier stellte er sich im Februar 2009 kurz vor: Japaner, männlich, 36 Jahre alt. Er schreibt perfektes Englisch, beherrscht die Programmiersprache C++ und kennt sich im Geldwesen aus. Für den Rest spricht sein Werk.

Finanzkrise als Katalysator

Als im Oktober 2008 das Weltfinanzsystem kurz vor dem Kollaps stand, ließ er aus einem versteckten Winkel des Internets sein Thesenpapier aufpoppen. In der Mailing-List der Cypherpunks erklärte er, ein neuartiges digitales Zahlungssystem zu entwickeln, das alte technische Schwierigkeiten wie das „Double Spending Problem“ gelöst habe und anders als alle Vorgängersysteme daher auch machbar sei. Er fügte einen Link zu seinem Aufsatz an. Der Titel: „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“.

Darin beschreibt er auf neun Seiten ein Austauschsystem, das auf Kryptographie samt digitalem Kassenbuch und dezentraler Buchführung beruht. Er erklärt, wie Finanztransaktionen durch Bits und Bytes realisiert, in digitalen Datenblöcken erfasst, ver- und entschlüsselt und auf vernetzte Rechner gebracht werden können. Um die Inflation zu umgehen, begrenzte er die Zahl möglicher Bitcoins auf 21 Millionen. Heute gilt das Paper als Gründungsurkunde des Bitcoin. Wochen später folgten ihm Taten.

Eine Internetseite wurde aufgesetzt, Rechner verkoppelt, der erste Transaktionsblock kam ins Netz. Versteckt im Code, findet sich der Verweis auf einen Artikel der Londoner Tageszeitung „The Times“. Die Überschrift: „Chancellor on brink of second bailout for banks“. Vor diesem Hintergrund kamen die ersten tausend Bitcoin in Umlauf. Sie zogen ihre Runden und tauchten als Zahlungsmittel im Darknet auf. Bis April 2011 verfeinerte Nakamoto den Code, erläuterte in der Mailing-Liste von Cypherpunk, was er da tat, und erklärte den Nutzern im Internetforum der P2P Foundation seine Arbeit. Es war die Zeit, als der erste große Wikileaks-Skandal hochkochte, als auf digitalen Schwarzmärkten massenweise Drogen und Waffen gehandelt und mit Bitcoin bezahlt wurden und die Behörden hart dagegen vorgingen. Nakamoto zog die Reißleine.

Im Schatten der Cyberwelt

Er legte Bitcoin.org den Mitgliedern des Cypherpunk-Netzwerks in die Hände, übergab den Schlüssel für den Quellcode an den Software-Entwickler Gavin Andresen und tauchte ab. Seitdem suchen ihn Heere von Amateurdetektiven. Sie haben Google befragt, das Internet durchforstet und Adressverzeichnisse studiert; sie sind durch die Welt gezogen, haben an Türen geklopft und sich auf Technologie-Messen umgesehen; sie haben Nakamotos Texte studiert und seine Mitstreiter befragt. Hacker knackten sein E-Mail-Konto, aber nicht seine Identität; Semiotiker analysierten seine Texte als feinstes Englisch eines britischen Akademikers, kamen ihm so aber nicht auf die Spur.

Andresen erklärte kurz vor seinem eigenen Abgang aus der Szene 2016, er kooperierte zwar mit Satoshi, habe ihn aber nie gesehen. László Hanyecz, einer der ersten Bitcoin-Nutzer, nennt Nakamotos System so knifflig, dass es nur von einem Profi-Team habe umgesetzt werden können. Der Kryptologe Hal Finney hatte mit Nakamoto den Quellcode von Bitcoin entwickelt, verstarb aber 2014 und gab nie preis, wen er hinter dem Namen vermutete.

Nick Szabo, der 1998 das Kryptogeld „Bit Gold“ entworfen hatte, bewies, dass er nicht Nakamoto sein kann. Der Unternehmer Craig Wright behauptete 2016, dass er es sei, blieb den Beweis aber schuldig. So gibt es auf dem legendären, 1,1 Millionen Bitcoin schwerem Internetkonto bis heute keine Bewegung – und Satoshi Nakamoto bleibt der große Unbekannte im Schattenreich der Cyberwelt.

Quelle: F.A.Z.
Stephan Finsterbusch  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Stephan Finsterbusch
Redakteur in der Wirtschaft.
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