Europäisches Cloud-Projekt

Wie Gaia-X dafür sorgt, dass man trockenen Fußes zur Arbeit kommt

Von Bastian Benrath und Julia Löhr, Berlin
15.10.2021
, 18:31
Wie Gaia-X dafür sorgt, dass man trocken zur Arbeit kommt
Der Durchbruch der europäischen Cloud lässt noch auf sich warten – bislang ist sie vor allem ein Experimentierfeld. Doch auch wenn das Projekt eher langsam vorankommt: Erste Anwendungen laufen inzwischen.
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Ziemlich genau zwei Jahre ist es her, da startete in Dortmund das nächste große Ding. Zumindest aus der Sicht von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Auf dem Digitalgipfel der Bundesregierung fiel damals der Startschuss für die europäische Datencloud Gaia-X.

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Schon länger hatte sich Altmaier daran gestört, dass viele deutsche Unternehmen und auch Behörden ihre Daten auf Servern von Amazon, Microsoft oder Google in den Vereinigten Staaten speichern und verarbeiten. Weil dem Minister klar war, dass Europa nicht mal eben einen solchen Digitalkonzern aus dem Boden stampfen kann, entstand die Idee, dass viele europäische Unternehmen gemeinsam je nach Bedarf Rechenkapazitäten bereitstellen könnten. Eine gestückelte Cloud sozusagen.

Aus dem Konzept ist längst Realität geworden. In Brüssel wurde eine Organisation ohne Gewinnerzielungsabsicht gegründet, in deren Vorstand unter anderen Manager von BMW, Deutscher Telekom und SAP sitzen. Aus 22 Gründungsmitgliedern ist ein Netzwerk mit mehr als 300 Unternehmen geworden. Doch ganz so groß, wie Altmaier sich das vorgestellt hatte, ist Gaia-X bislang nicht. Noch gibt es keine Erfolgsmeldungen, dass namhafte Unternehmen oder öffentliche Institutionen ihren Datenverkehr komplett über diese Cloud abwickeln. Gaia-X ist aktuell vor allem eines: ein Experimentierfeld zum Datenteilen.

Dafür wurden mehrere „Datenräume“ geschaffen, die genau dazu die Infrastruktur liefern sollen. Einer davon ist der „Mobility Data Space“: Zu seinen Gesellschaftern gehören die Autohersteller BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen, der Kartenanbieter Here Technologies, die Deutsche Bahn, die Deutsche Post sowie die Versicherung HUK-Coburg. Zum Beispiel Wetterdaten werden dort ausgetauscht. Der Deutsche Wetterdienst speist seine Vorhersagen ein, Mobilitätsdienstleister rufen sie ab.

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Trockenen Fußes zur Arbeit

Das Freiburger IT-Unternehmen HighQ hat beispielsweise mit den Stadtwerken Osnabrück eine Plattform entwickelt, die Kunden per App mit allen Verkehrsmitteln den besten Weg zu ihrem Ziel berechnet. Wenn es regnet, schlägt sie eher eine Route mit Bus oder Auto statt dem Fahrrad vor. Gaia-X sei eine „vertrauensvolle Umgebung“ zum Datenteilen, der „Wildwuchs bei der Datenweitergabe“ zwischen verschiedenen Unternehmen werde so eingegrenzt, sagt highQ-Vertriebsleiter Kai Horn.

Auch die nicht kommerzielle Organisation Fiware nutzt den Mobilitätsdatenraum. Sie hat für die Stadtwerke Wolfsburg das innerstädtische Parken digitalisiert. An Parkplätzen installierte Sensoren melden dem System, ob sie frei sind oder nicht. Eine Navigationsfunktion in der städtischen „WOB-App“ leitet Autofahrer direkt zu dem freien Parkplatz, der ihrem Ziel am nächsten liegt. „Bis zu 30 Prozent des innerstädtischen Verkehrs ist Parkplatzsuchverkehr“, sagt Fiware-Vorstandschef Ulrich Ahle, diesen wolle man reduzieren. Die Daten, wo Parkplätze frei seien, speise Fiware in den Datenraum ein, wo sie von anderen Verkehrsanbietern genutzt werden können. Durch die Beteiligung von Autoherstellern könne es in Zukunft sogar möglich sein, auf die Parkplatzsensoren zu verzichten, sagt Ahle, denn moderne Autos könnten Parklücken schon jetzt im Vorbeifahren ausmessen.

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Auf Augenhöhe – aber dafür langsam

Entscheidend sei die Augenhöhe zwischen den Projektpartnern, sagt Johannes Winter. Er leitet den Technologiebereich von Acatech, der deutschen Akademie für Technikwissenschaften, die den Mobilitätsdatenraum koordiniert. „Es ist eine einzigartige Data Sharing Community, bei der jeder einzelne Teilnehmer vom vollen Wertschöpfungspotential seiner Daten profitieren kann“, sagt Winter. Der Datenaustausch läuft dezentral ab, es gibt keine zentrale Stelle in der Mitte. Auch die Organisation ist so verfasst: Gaia-X besteht aus zahlreichen Einzelprojekten, die zwar alle einem einheitlichen Standard folgen – technisch gesprochen „interoperabel“ sind –, aber von ganz verschiedenen Partner getragen werden. Das verhindert eine Machtkonzentration, wie sie Amazon, Microsoft und Google zugeschrieben wird – es macht das Projekt aber auch reichlich komplex und langsam.

„Wir haben in Europa nicht den einen großen Cloud-Anbieter, dem wir alles in die Hand geben“, sagt dazu Boris Otto, der als Leiter des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik die Datenräume von Anfang an mit erarbeitet hat. Als Vorstandsmitglied der Gaia-X-Organisation in Brüssel ist es sein Ziel, dass immer mehr Produkte den durch das Projekt gesetzten europäischen Cloud-Standards folgen. Otto formuliert es bildlich: „Die Straßenverkehrsordnung ist jetzt da, nun müssen die Straßen gebaut werden – von Unternehmen und dem Staat.“

Das Interesse an Gaia-X unter europäischen Unternehmen ist da. Das zweite deutsche Leuchtturmprojekt neben dem Mobilitätsdatenraum ist „Catena-X“, ein Datenraum für die Automobilindustrie, an dem Volkswagen, BMW, Mercedes sowie Bosch, ZF, weitere Zulieferer und die IT-Häuser T-Systems und SAP beteiligt sind. Bis Ende des Jahres soll er die Arbeit aufnehmen. Es geht um den Austausch von Informationen zu Bauteilen entlang der Lieferkette.

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„Für einen Großteil der Komponenten ab der zweiten Zulieferstufe weiß ein Automobilhersteller nicht, wo sie gefertigt werden“, berichtet Otto. Gerade um eine unterbrechungsfreie Produktion zu gewährleisten, sei diese Information aber wichtig. Die Teileknappheit im Zuge der Corona-Pandemie verdeutlicht dies. Auch das von der noch amtierenden Bundesregierung beschlossene Lieferkettengesetz führt dazu, dass Unternehmen künftig mehr Informationen vorhalten müssen.

175 Millionen Euro vom Staat

Auch unter den 16 Gaia-X-Projekten, die das Bundeswirtschaftsministerium finanziell fördert, stammen welche aus dem Bereich Mobilität und Verkehr – was angesichts des Stellenwerts der Autoindustrie für die deutsche Wirtschaft auch nicht verwundert. Doch es gibt auch andere Beispiele. So geht es im Projekt „Marispace-X“ darum, Daten aus dem Meeresraum zusammenzutragen. Hintergrund ist, dass allein an der deutschen Nord- und Ostseeküste noch rund 1,6 Millionen Tonnen Munition aus den beiden Weltkriegen im Meer liegen. Über diese gibt es bislang nur teilweise Kartenmaterial. Will man Internetkabel verlegen oder Offshore-Windparks bauen, braucht man diese Informationen. Ein anderes Projekt der Berliner Charité befasst sich mit der Frage, wie Daten im Gesundheitssystem besser genutzt werden können, die Bürger aber zugleich die Kontrolle über die Informationen behalten.

175 Millionen Euro hat das Wirtschaftsministerium an Fördermitteln für die 16 Projekte bereitgestellt, die bis Ende 2024 fließen sollen. Ob und wann sie sich auszahlen, bleibt abzuwarten. Im Wirtschaftsministerium ist man guter Dinge. „Alle Projekte haben direktes Marktpotential und werden von privatwirtschaftlichen Unternehmen als potentielle Geschäftsmodelle vorangetrieben“, sagt eine Sprecherin.

Quelle: F.A.Z.
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Bastian Benrath
Redakteur in der Wirtschaft.
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Julia Löhr
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
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