Insektenschutz

Bienen gerettet, Geld verloren

Von Sebastian Balzter
04.03.2020
, 14:49
Ausgerechnet ein Insektizid-Hersteller hat früh die Liebe zur Biene entdeckt. Von einem, der auszog, die Tierchen zu retten.

Hans-Dietrich Reckhaus ist ein Pionier. Der Unternehmer aus Bielefeld hat sich schon für Insekten eingesetzt, als es in Deutschland noch nicht mehrheitsfähig war, für Blühstreifen am Straßenrand zu demonstrieren, Landwirte als Käfer-Killer zu beschimpfen und im eigenen Garten die Kräutermischung „Bienenschmaus“ anzusäen. Zwei Beispiele: Im vergangenen Jahr haben die Bayern in Scharen ihr Volksbegehren „Rettet die Bienen!“ durchgedrückt; Reckhaus dagegen rief schon 2012 zum „Fliegenretten in Deppendorf“ auf. Und: „Die Geschichte der Bienen“, geschrieben von der Norwegerin Maja Lunde, war erst 2017 das am meisten verkaufte Buch in Deutschland; Reckhaus dagegen veröffentlichte sein eigenes Buch über den Wert der Insekten („Warum jede Fliege zählt“) schon im Jahr zuvor.

Dem gesellschaftlichen Trend einen Schritt voraus zu sein, das ist für Unternehmer gewöhnlich von Vorteil. Ein gutes Näschen für solche Entwicklungen sollte ganz allgemein einträgliche Geschäftsideen erschließen, und in diesem speziellen Fall sollte sich auch der ökologische Imagegewinn auszahlen. Aber denkste. Hans-Dietrich Reckhaus hat in den vergangenen Jahren erfahren, dass es auch ganz anders gehen kann.

Seit er im Geschäftsleben auf die Liebe zum sechsbeinigen Getier setzt, sind Umsatz und Gewinn seines Unternehmens nicht etwa rasant gestiegen, sondern deutlich gesunken, Öko-Welle und Klima-Kampf zum Trotz. 25 Millionen Euro Umsatz waren 2015 zu verbuchen, zuletzt waren es nur noch 20 Millionen Euro. Der Ertrag, seufzt Reckhaus, sei sogar noch stärker zurückgegangen.

Gut für die Tiere, schlecht fürs Geschäft

Dazu muss man wissen: Der Mann verdient sein Geld traditionellerweise nicht mit dem Schutz, sondern mit der Bekämpfung von Insekten. Die Firma, die einst sein Vater gegründet hat, mischt Sprays und Pulver gegen Schaben, Mücken und Ameisen. Doch als Hans-Dietrich Reckhaus vor acht Jahren zwei Schweizer Künstler fragte, ob sie ihn bei einer Werbekampagne unterstützen wollten, war deren Antwort niederschmetternd: „Herr Reckhaus, es tut uns leid, aber Ihre Produkte sind schlecht.“ Damit habe seine Wandlung zum Insektenfreund begonnen, beteuert Reckhaus. „Das hat mich ins Herz getroffen.“

Seither steckt der Mann, der in St. Gallen Betriebswirtschaft studiert hat, in einer ethisch-ökonomischen Zwickmühle: Wie kann einer Insektengift herstellen und gleichzeitig Insekten retten wollen? Ist es mehr als ein Feigenblatt, auf jede Packung freiwillig einen Warnhinweis wie auf einer Zigarettenschachtel zu drucken? Wäre es nicht glaubhafter, dem Insektentöten abzuschwören und die Firma zu verkaufen? „Dann würde ich einen Hebel verlieren, um etwas zu bewirken in der Welt“, wendet Reckhaus ein. Aber wäre das nicht auch erreicht, wenn der Verkaufserlös dann in eine wohltätige Insektenstiftung flösse? Diesen Vorschlag findet Reckhaus, der sich gern als typischen westfälischen Kleinunternehmer beschreibt, fast schon ehrenrührig. „Es muss mir doch gelingen, nicht erst als Stifter, sondern schon als Unternehmer etwas Sinnvolles zu tun – und damit auch Geld zu verdienen.“

Hummeln an der Manschette, Fliege am Revers

Reckhaus, der zum dunklen Anzug Manschettenknöpfe in Hummel-Optik und am Revers eine Nadel mit einer grünen Fliege trägt, hat das Flachdach seiner Fabrik am Stadtrand von Bielefeld zum Insektenparadies gemacht, mit heimischen Blühpflanzen als Futterkrippe, mit langstieligen Pflanzen zur Eierablage, mit Totholz und Steinhaufen zum Unterschlupf. Und für seine Produkte hat er sich ein Kompensationssystem ausgedacht: Für jede Mottenfalle, für jeden Fliegenfänger hat er nach einer komplizierten Formel die zu erwartende Reduzierung der Artenvielfalt und die Größe der jeweils für einen ökologischen Ausgleich nötigen Insektenweide ausrechnen lassen.

Prangt auf der Verpackung das Siegel „Insect Respect“, dann ist im Verkaufspreis ein Obolus für die Anlage einer solchen Fläche enthalten – ein Ablass für Leute, die Insekten zwar für wichtig halten, sie aber nicht in ihren eigenen vier Wänden dulden möchten. Dass inzwischen auch die großen Drogerieketten dm und Rossmann sowie die Discounter Aldi und Lidl Produkte ihrer Eigenmarken mit dem „Insect Respect“-Siegel im Regal stehen haben und dafür eine Lizenzgebühr zahlen, ist vermutlich der größte betriebswirtschaftliche Erfolg, den die Insektenliebe dem Unternehmer bisher gebracht hat.

Insektenvignette? Läuft überhaupt nicht.

Es ist nicht so, dass Hans-Dietrich Reckhaus damit schon die Ideen ausgegangen wären. Nur mit dem Geldverdienen hapert es da noch. Den Ablasshandel etwa würde er gern ausweiten, aufs Autofahren. Wie viel Quadratmeter Insektenparadies sind nötig, um die Folgen von 10.000 Kilometern am Steuer auszugleichen? „Wer für 35 Euro eine Vignette bei mir kauft, dem garantiere ich die Anlage einer entsprechenden Ausgleichsfläche.“ Die Nachfrage indes ist bescheiden. „Das läuft überhaupt nicht“, sagt Reckhaus. Und das schon vor vier Jahren gegenüber der F.A.S. formulierte unternehmerische Ziel, seine 60 Mitarbeiter allesamt zu Landschaftsgärtnern umzuschulen, die insektengerechte Lebensräume anlegen, hat Reckhaus inzwischen zu den Akten gelegt. Es fehle zwar nicht an Anfragen von potentiellen Kunden, sagt er. Doch so schnell wie erhofft hat sich die Belegschaft in Bielefeld offenkundig nicht von der Begeisterung ihres Chefs anstecken lassen.

Und ganz so verlässlich wie der Verkauf von Insektiziden wäre das Projektgeschäft wohl auch nicht. Jetzt wolle er dafür ein Franchisesystem aufbauen, verrät Reckhaus: Selbständige Landschaftsgärtner, unter seiner Anleitung in Insektenkunde fortgebildet, sollen künftig für Auftraggeber mit grünem Gewissen Grünflachen nach den „Insect Respect“-Kriterien anlegen.

Wer weiß, ob’s ein Erfolg wird. Dasselbe gilt für die neue Produktserie mit Lebendfallen für Insekten, die nach dem Fang in die Freiheit entlassen werden können. „Ich stecke 50 Prozent meiner Arbeit in das Insektenretten. Da bleibt keine Zeit mehr, um neue konventionelle Produkte zu entwickeln. Deshalb geht mein Umsatz so stark zurück“, sagt Reckhaus. Aufgeben komme aber nicht in Frage. „Ich bin überzeugt: Das ist die Zukunft.“

Die Bundesregierung bemüht sich darum, Befürchtungen von Landwirten wegen zusätzlicher Maßnahmen zum Insektenschutz zu entkräften. Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) sagte nach einem Treffen mit Branchenvertretern, Umweltschützern und den Ländern am Dienstag in Berlin, es seien Gerüchte im Umlauf. Daher sei ein runder Tisch genutzt worden, „um klarzustellen, dass wir nicht geheime Aktionspläne haben, um die Landwirtschaft in Deutschland zu vernichten“. Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) machte deutlich, dass in dem Gespräch Missverständnisse ausgeräumt werden sollten. „Wir wären ja verrückt, wenn wir Ernten gefährden würden.“

Das Kabinett hatte im Herbst ein Paket mit Regelungen beschlossen, die mehr Umweltschutz in der Landwirtschaft durchsetzen sollen. Dazu gehört ein Verbot des umstrittenen Unkrautgifts Glyphosat Ende 2023. Der Einsatz von Schädlingsgiften soll insgesamt stark eingeschränkt werden. Aus einem entsprechenden „Aktionsprogramm Insektenschutz“ soll aber erst noch ein Gesetz erarbeitet werden – ein Entwurf soll in diesem Jahr kommen. Gegen die Pläne gibt es seit Monaten Proteste von Landwirten, die auch eine stärkere Einbeziehung fordern. (dpa)

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Balzter, Sebastian
Sebastian Balzter
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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