Ladensterben

Wen hält es noch in der Stadt?

Von Julia Löhr, Berlin
20.10.2020
, 16:07
Wirtschaftsminister Altmaier will dem Einzelhandel helfen. Doch die Probleme in den Innenstädten gehen weit über die Corona-Krise hinaus – es drohen bis zu 50.000 Ladenschließungen.

„Alles muss raus“, „Wir schließen“: Je länger die Corona-Krise andauert, desto häufiger sind Schilder wie diese in Deutschlands Innenstädten zu sehen. Der Handelsverband Deutschland (HDE) rechnet damit, dass von den aktuell 450.000 Einzelhandelsgeschäften aus diesem Grund 50.000 aufgeben werden. Und das unter der Prämisse, dass die Politik nicht wieder wie im Frühjahr flächendeckend alle Läden außer Supermärkte und Drogerien schließt.

Das Eigenkapital vieler innerstädtischer Handelsunternehmen sei aufgebraucht, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Der Umsatz liege aber im Schnitt immer noch 30 Prozent unter dem Niveau des vergangenen Jahres. „Insbesondere im Bekleidungshandel stehen viele Unternehmen vor der Insolvenz.“

Am Dienstag hielt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) deshalb von Berlin aus mit rund 20 Vertretern des Handels und der Kommunen einen „Innenstadt-Gipfel“ ab. Die Städte sollten wieder „Lieblingsplätze für die Menschen werden“, sagte er.

Konkrete Ergebnisse brachte die Veranstaltung nicht. Es handele sich um „den Beginn eines strukturierten Prozesses“, sagte Altmaier nach der virtuellen Diskussionsrunde. In den kommenden Wochen soll ein Handlungskonzept erarbeitet werden. „Die Not ist groß“, sagte der Minister. Er will den Unternehmen einerseits helfen, neue Umsatzquellen im Digitalen zu erschließen. In den Städten müsse es aber auch darum gehen, „Erlebnisräume mit Kultur und Gastronomie“ zu schaffen.

Der Handel ruft nach Hilfen vom Bund

Neu ist dieser Ansatz nicht, das vielzitierte Ladensterben lässt sich schon seit der Jahrtausendwende beobachten. Mehr als 400.000 Einzelhandelsunternehmen in Deutschland zählte das Statistische Bundesamt damals. Im Jahr 2018, das sind die aktuellsten Zahlen, waren es keine 340.000 mehr. Die Finanzkrise 2008/2009 hat den Abwärtstrend nochmal beschleunigt. Unternehmensberater gaben damals den Trend „Food is the new retail“ aus: Mehr Gastronomie statt Handel. Doch in Corona-Zeiten dürfte der wenig helfen. Neben dem Einzelhandel steckt auch die Gastronomie in einer tiefen Krise.

Was also tun, um die Städte attraktiv zu halten – oder sie wieder attraktiv zu machen? Der Handelsverband wünscht sich, wenig überraschend, mehr finanzielle Hilfe von der Politik. 100 Millionen Euro hätte er gerne von Altmaier, um Händlern bei der Digitalisierung zu helfen. Die Reserven der Betriebe seien aufgebraucht. Zudem fordert er einen 500 Millionen Euro schweren Innenstadtfonds von Innenminister Horst Seehofer (CSU). Mit dem Geld soll unter anderem ein Register aufgebaut werden, das Leerstände verzeichnet.

Geld allein ist nicht alles, hält Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) im Gespräch mit der F.A.Z. dagegen. Sie schlägt unter anderem vor, die Sonntagsöffnungszeiten zu lockern. „Wäre es wirklich so schlimm, wenn die Läden zumindest an einem Sonntag im Monat öffnen dürften?“, fragt sie. Über das Thema gibt es auf Bundesebene Gespräche zwischen dem Wirtschafts- und dem Arbeitsministerium, bislang aber ohne Ergebnis. Pop sieht außerdem die Immobilienwirtschaft in der Pflicht. „Ich würde mir deutlich mehr Entgegenkommen von den gewerblichen Vermietern wünschen.“ Schließlich stünden für leere Ladenlokale gerade keine Interessenten Schlange.

Britischer Finanzminister rät Künstlern zu neuem Beruf

Die Grünen-Politikerin ist aber überzeugt, dass Metropolen wie Berlin trotz der aktuellen Krise ihre Anziehungskraft behalten werden. Die Politik könne zwar nicht jeden Arbeitsplatz mit Hilfsprogrammen retten, aber dafür sorgen, „dass die Strukturen nicht kaputtgehen, dass es in den Städten auch in Zukunft eine Vielzahl von Restaurants, Clubs, Kinos und Läden gibt.“ Dass die Einwohnerzahl der Hauptstadt erstmals seit dem Jahr 2003 nicht weiter gestiegen, sondern sogar leicht gesunken ist, sorgt Pop nicht. „Wenn das Schlimmste erstmal überstanden ist, wird es auch wieder viele junge Menschen aus Europa und aller Welt nach Berlin ziehen.“

Der britische Finanzminister Rishi Sunak hat Musikern, Künstlern, Schauspielern und Kreativen kürzlich nahegelegt, sich vielleicht besser andere Arbeitsplätze zu suchen. Man müsse seine Pläne im Leben zuweilen an neue Realitäten anpassen, so der Politiker der Konservativen. Der Vorschlag löste einen Aufschrei unter Kreativen aus, rüttelt er doch an dem, was das Leben in Städten so interessant macht. Ökonomen sehen die Sache nüchterner. „Wenn auf absehbare Zeit Kulturveranstaltungen nicht mehr stattfinden können, ist das die logische Konsequenz“, sagt Jens Südekum von der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. Insolvenzen seien unvermeidlich. Südekum gibt aber auch zu bedenken: „Die Ein- und Austrittskosten sind in diesen Branchen relativ gering. Es ist einfacher, nach der Krise ein Kino zu eröffnen als ein Stahlwerk.“

Bleibt die Frage, wann diese Krise tatsächlich vorbei ist. Geht es nach Virologen, sollen Abstandsregeln und Maskenpflicht auch dann erstmal bleiben, wenn es einen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt. Für Einzelhändler, Gastronomen, Kinos und Veranstalter bedeutet das, dass sie bis weit ins kommende Jahr hinein, womöglich sogar bis 2022 nicht wirtschaftlich arbeiten können. Die Politik ist sich dieses Problems bewusst – und vertraut auf die Kraft der großen Zahlen. Von den bisherigen Hilfsprogrammen sei doch erst ein kleiner Teil abgeflossen, heißt es in Berlin. Anders als die betroffenen Unternehmen habe die Politik noch Reserven. Wirtschaftsminister Altmaier versuchte am Dienstag, Zuversicht zu verbreiten. Bis Mitte kommenden Jahres werde hoffentlich wieder ein „weitgehend normaler Geschäftsbetrieb“ möglich sein. Den Erhalt der Innenstädte bezeichnete er auch als eine Frage „der nationalen Identität“.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Löhr, Julia
Julia Löhr
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
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