Energie

Die Ölproduktion läuft wieder an

02.09.2005
, 17:14
Der Ölmarkt ist nervös
Auch die amerikanischen Ölproduktionsanlagen wurden vom Hurrikan „Katrina“ empfindlich getroffen. Das hat das Gefüge der Ölindustrie durcheinander gewirbelt. Allmählich stabilisiert sich die Lage - doch der Markt bleibt nervös.

Angesichts erster Anzeichen einer langsamen Wiederaufnahme der Ölproduktion im Süden der Vereinigten Staaten hat der Ölpreis am Freitag etwas nachgegeben. Nach Einschätzung der amerikanischen Regierung wird es Monate dauern, bis die Schäden beseitigt sind, die der Hurrikan „Katrina“ angerichtet hat. Dies und die Angst vor einer akuten Benzinknappheit in der größten Volkswirtschaft der Welt verhinderten einen größeren Preisrückgang, sagten Händler. Auch am vierten Tag nach dem Hurrikan war das Ausmaß der Katastrophe noch nicht absehbar. Die Behörden fürchten, daß tausende von Menschen ums Leben kamen.

Der Terminkontrakt auf ein Barrel (159 Liter) der US-Leichtölsorte WTI zur Lieferung im Oktober gab gegenüber dem Vorabend 47 Cent auf 69 Dollar nach. Damit notierte der Future immer noch verdächtig nahe am Allzeithoch von 70,85 Dollar, das er am Tag nach dem Hurrikan „Katrina“ erreicht hatte. Der Terminkontrakt auf ein Faß der Nordseesorte Brent fiel um 34 Cent auf 67,38 Dollar. Die Future auf US-Benzin und -Heizöl gaben ebenfalls leicht nach.

Raffinerien leiden unter Ölmangel

Einige regionale Pipelines, die das Öl von der Golfküste ins Landesinnere leiten, wurden inzwischen wieder in Betrieb genommen. Der Louisiana Offshore Ölverladehafen, wo etwa ein Zehntel der amerikanischen Importe gelöscht werden, soll am Freitag wieder erste Tanker entladen, teilten die Hafenbetreiber mit. Marathon Oil will am Wochenende in seiner Raffinerie in Garyville in Louisiana die Produktion wieder aufnehmen. Mit 245.000 Barrel täglich wäre die Raffinerie die größte, die nach dem Hurrikan in Betrieb genommen wird. Das Amerikanische Petroleum-Institut (API) teilte mit, zwölf amerikanische Raffinerien hätten ihre Kapazitäten gedrosselt, da sie kein Öl mehr zur Verarbeitung erhalten hätten. Darunter seien auch Raffinerien im weit nördlich gelegenen Indiana. Acht Raffinerien im Katastrophengebiet sind geschlossen, drei Anlagen stehen seit Montag unter Wasser.

Der amerikanische Präsident George W. Bush warnte, die Aufräumarbeiten könnten Monate in Anspruch nehmen. Analysten fürchten, daß in den Vereinigten Staaten - dem weltweit größten Ölverbraucher - eine Benzinkrise drohe. Bush rief seine Landsleute wiederholt auf, sparsam mit Benzin umzugehen und es auch nicht zu horten. „Kaufen Sie kein Benzin, wenn sie keines brauchen“, sagte Bush.

Umweltstandards gelockert

Die seit Freitag gestiegenen Terminkontrakte auf US-Benzin haben einen Run auf Öltanker aus Europa ausgelöst, die aber größtenteils nicht vor Oktober in den Vereinigten Staaten erwartet werden. Nach Angaben von Schiffsmaklern sind 20 Öltanker für die Vereinigten Staaten gechartert worden. Die Frachttarife für transatlantische Routen seien wegen der hohen amerikanischen Nachfrage auf ein Zwei-Jahres-Hoch gestiegen. „Alle Schiffe sind unterwegs (von Europa), es gibt einfach keine Schiffe mehr“, sagte ein Makler in London.

Um den Import ausländischer Sorten zu erleichtern, lockerte die amerikanische Regierung für zwei Wochen die Umweltstandards und erlaubte ausländischen Tankern das Anlaufen von Häfen in den Vereinigten Staaten.

Am hohen Ölpreis ist nicht nur „Katrina“ schuld

Analysten äußerten sich skeptisch. „Die USA haben es mit einer größeren Benzinkrise zu tun. Der Tank ist außerdem so gut wie leer“, stellte Barclays Capital fest. Zwar hatte Bush schon kurz nach dem Hurrikan die strategischen Ölreserven freigegeben, doch fehlt es den Vereinigten Staaten laut Analysten weniger an Rohöl als vielmehr an verarbeitetem Öl wie Benzin oder Heizöl. Schon vor „Katrina“ waren die amerikanischen Ölraffinerien fast zu 100 Prozent ausgelastet. Nach Angaben von Ölhändlern ist die hohe Ölnachfrage unter anderem auf den Wirtschaftsboom in China, die anziehende amerikanische Konjunktur und den Irak-Krieg zurückzuführen.

Ob Europa den Vereinigten Staaten mit Benzinlieferungen helfen wird, war am Freitag nicht ganz klar. Eine Sprecherin der Internationalen Energiebehörde (IEA) erklärte, die Abstimmungen unter den Mitgliedsländern liefen zur Zeit noch. Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder hat sich allerdings bereits dafür ausgesprochen, einen Teil der internationalen Ölreserve freizugeben, um dem Wunsch Washingtons zu entsprechen.

Quelle: Reuters
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot