Ernährungsreport

Doppelt so viele Vegetarier

Von Stefanie Diemand, Svea Junge und Julia Löhr
19.05.2021
, 17:59
Veggieburger punkten vor allem mit ihrer Umweltbilanz: Bei der Produktion entstehen im Vergleich zu Rindfleisch bis zu zehnmal weniger Treibhausgasemissionen.
Im vergangenen Jahr ist die Zahl derjenigen, die auf Fleisch verzichten, von 5 auf 10 Prozent gestiegen. Der Markt für die Ersatzprodukte wächst rasant. Doch ein genauer Blick auf die Zutatenliste ist ratsam.

Das Jahr 2034 könnte den Wendepunkt markieren. Wenn der Markt für Fleischersatzprodukte weiter so wächst und die Fleischproduktion weiter so schrumpft wie in den vergangenen Jahren, könnten Tofuwürstchen, Erbsenschnitzel und Co. ihre tierischen Vorbilder dann erstmals überrunden. Noch ist das schwer vorstellbar, gehen doch gerade in diesen Tagen unzählige Schweine- oder Rindersteaks über die Ladentheken, um auf Grills gebrutzelt zu werden. Doch der Trend hin zu den Ersatzprodukten hält an, wie auch der neue Ernährungsreport zeigt, den das Bundeslandwirtschaftsministerium am Mittwoch in Berlin vorstellte.

Das Marktforschungsinstitut Forsa hat dafür wie jedes Jahr 1000 Bürger zu ihren Einkaufs- und Essgewohnheiten befragt. Das auffälligste Ergebnis: Der Anteil der Vegetarier hat sich binnen eines Jahres verdoppelt, von 5 auf 10 Prozent. Der Anteil der Veganer stieg von 1 auf 2 Prozent. Die Zahl derer, die täglich Wurst und Fleisch essen, ist dagegen in den vergangenen Jahren gesunken. Waren es 2015 noch 34 Prozent der Befragten, liegt der Anteil jetzt nur noch bei 26 Prozent. Knapp jeder dritte Befragte kauft unterdessen „öfter mal“ pflanzliche Alternativen zu tierischen Produkten. Vor allem unter Jüngeren sind diese beliebt. In der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen essen 17 Prozent solche Produkte täglich.

„Da spielt vor allem Neugier eine Rolle“, sagte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zu den neuen Pflanzenessern. Sie zeigte sich zufrieden mit der Entwicklung. „Lieber weniger Fleisch, dafür hochwertigeres Fleisch“, empfahl sie. Forsa-Geschäftsführer Manfred Güllner wies darauf hin, dass sich die Einkaufs- und Essgewohnheiten je nach Alter, Wohnort und Ausbildung unterscheiden. Je jünger, je städtischer und je höher der Bildungsabschluss, desto beliebter sind der Umfrage zufolge die Fleischersatzprodukte.

Von der Nische zum Massenmarkt

Wichtigstes Auswahlkriterium bei der Wahl der Lebensmittel ist für die Deutschen weiter der Geschmack, für 96 Prozent steht er an erster Stelle, gefolgt von der Regionalität. Der Kaloriengehalt ist angeblich nur für 54 Prozent entscheidend, der Preis nur für 48 Prozent. Was Klöckner gefallen dürfte: 42 Prozent der Befragten wären nach eigener Angabe mit einem Preisaufschlag von bis zu 5 Euro für ein Kilogramm Fleisch einverstanden. Im Ministerium wird gerade an Vorschlägen gearbeitet, Fleisch gezielt zu verteuern, um mit den Einnahmen die Haltungsbedingungen zu verbessern. Nicht ganz zu der Forsa-Umfrage passt, dass in Deutschland nach wie vor weniger als 5 Prozent des verkauften Fleischs aus Biobetrieben stammt. An der Supermarktkasse ist die Zahlungsbereitschaft offenbar noch nicht so groß wie in Umfragen.

Auch die pflanzlichen Fleischersatzprodukte sind bislang noch ein Nischenmarkt: Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes Destatis wurden in Deutschland im vergangenen Jahr 83,7 Millionen Kilogramm pflanzliche Fleischersatzprodukte produziert. Das sind zwar 39 Prozent mehr als im Vorjahr, aber die konventionelle Fleischerzeugung lag mit 7,8 Millionen Tonnen um ein Vielfaches höher. Ihren Zenit hat Letztere allerdings wohl 2016 überschritten, seitdem geht die Produktion jährlich im Durchschnitt um 1,4 Prozent zurück.

Auch global prognostiziert die Unternehmensberatung Kearney einen Siegeszug der Fleischalternativen. Sie könnten im Jahr 2040 rund 60 Prozent des weltweiten Fleischmarktes ausmachen. Dabei spielen allerdings nicht nur die Ersatzprodukte aus Soja, Erbsen oder Getreide eine Rolle, sondern vor allem im Labor gezüchtetes Fleisch. Dieses sogenannte In-vitro-Fleisch ist noch nicht marktreif, doch etliche Unternehmen stehen in den Startlöchern. Es soll auch jene Konsumenten erreichen, denen pflanzlicher Fleischersatz nicht so gut schmeckt.

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Der Forsa-Umfrage zufolge ist neben Neugier der Tierschutz das Hauptargument für den Kauf der Ersatzprodukte. Punkten können die Veggie-Burger zudem mit ihrer Umweltbilanz. Ihr CO2-Fußabdruck ist laut einer Studie des Umweltbundesamtes im Vergleich zu Rindfleisch bis zu zehnmal geringer. Auch in puncto Wasser- und Flächenverbrauch schneiden die pflanzlichen Ersatzprodukte besser ab. Wie gut die Bilanz allerdings im Einzelfall ausfällt, hängt auch davon ab, woher die Inhaltsstoffe stammen. Denn mitunter haben diese eine weite Reise hinter sich: Die in einigen Produkten verwendeten Cashewkerne kommen oft aus Vietnam, die Jackfrucht aus Indien und Soja wird vor allem in den USA und Brasilien angebaut.

Ersatzprodukte oft hochverarbeitet

Problematisch ist auch, dass die Ersatzprodukte oft hoch verarbeitet sind. Denn damit die Produkte wie Fleisch aussehen und schmecken, bedarf es vieler Zusatzstoffe. In fünf von 18 untersuchten Burger-Pattys entdeckte die Stiftung Warentest unlängst kritische Zutaten. In einem Produkt fanden sich sogar gleich mehrere Schadstoffe – darunter Mineralölrückstände und Glycidol, das im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Am Ende erhielten zwar neun fleischlose Burger die Note „gut“, die Bestnote erhielt aber keiner.

Fleischersatz ist ein lukrativer Markt. Als Vorreiter in Deutschland gilt der Hersteller Rügenwalder Mühle. Er verkauft seit 2014 neben traditionellen Wurstprodukten auch vegetarische Alternativen aus Soja. Dass das Unternehmen seine Erlöse im vergangenen Jahr um 22 Prozent auf 233,7 Millionen Euro steigern konnte, hat maßgeblich mit den Ersatzprodukten zu tun. „Stand heute“ geht eine Sprecherin davon aus, dass der Umsatz dieses Bereichs 2021 erstmals größer ausfallen wird als der mit Fleischprodukten. Allerdings wächst auch die Konkurrenz: Der amerikanische Platzhirsch Beyond Meat will sein Vertriebsnetz in Europa erweitern. Zugleich investieren die Discounter in eigene Marken. Wer den deutschen Markt für sich gewinnt, ist noch nicht gesagt.

Was den Herstellern entgegenkommt: Die Deutschen kochen infolge der Corona-Pandemie wieder mehr selbst. 52 Prozent der von Forsa Befragten machen dies täglich, 13 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Frauen lägen diesbezüglich „klar vorn“, heißt es im Ernährungsreport. 92 Prozent von ihnen kochen mehrmals in der Woche oder sogar jeden Tag. Und während nur 3Prozent der Frauen sagen, dass sie so gut wie nie kochen, ist es unter den Männern mehr als jeder Zehnte.

Quelle: F.A.Z.
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