Europa und der Fifa-Skandal

Das Kartell der Uneinsichtigen

EIN KOMMENTAR Von Michael Ashelm
16.10.2015
, 12:12
Die skandalösen Zustände bei der Fifa werfen auch ein schlechtes Licht auf den europäischen Fußballmarkt. Jahrelang haben europäische Fußballfunktionäre und Unternehmensbosse den Fußball-Filz mit unterstützt.

Die europäische Fußballindustrie ist Motor einer globalen Branche, die von einem Wachstumsrekord zum nächsten eilt. Der Kontinent ist Heimat der bestimmenden Fußballnationen, der stärksten Ligen, beliebtesten Mannschaften, größten Stars, potentesten Sponsoren und mächtigsten Klubs, die auf ihren wirtschaftlichen Erfolgen ganze Marken-Imperien begründet haben. Alle zusammen befeuern im Zusammenspiel mit dem nach immer neuen Unterhaltungshöhepunkten lechzenden Publikum einen Multimilliarden-Betrieb. Während sich die Lage bei der Weltorganisation Fifa durch Festnahmen und Sperren gegen Topfunktionäre weiter zuspitzt, bestätigt sich von Tag zu Tag mehr, dass gerade Europa eine große Mitverantwortung für die tiefe Glaubwürdigkeitskrise des Weltfußballs trägt und dabei ein armseliges Bild abgibt. Dabei wäre gerade jetzt Haltung gefragt.

Die Finger brauchen gar nicht immer nur auf Afrika oder Südamerika gerichtet zu werden. Nein, eines der Sumpfgebiete im Fußball liegt auf dem alten Kontinent – hinter einer glitzernden Fassade der Fußballherrlichkeit. Es geht auch hier um undurchsichtige Seilschaften, eine unheilvolle Mentalität der Patronage, nachlässige Führung und den Mangel an ethischer Unternehmens- oder Verbandskultur. Lange unbehelligt auch von staatlichen Rechtseinflüssen wurde so in der Vergangenheit ein komfortables Dasein in einer Art Parallelwelt geführt. Das Leben in dieser Luxusnische ist jedoch für die Beteiligten ungemütlicher geworden, seit das Geschäftsgebaren der Entscheidungsträger im Zuge der Fifa-Krise von internen Verbands-Investigatoren und auch Justizbehörden überprüft wird. Nun hat es den europäischen Fußballchef Michel Platini erwischt, dem eine dubiose Zahlung über zwei Millionen Franken vom ebenfalls suspendierten Fifa-Präsidenten Joseph Blatter zum Verhängnis wird. Nach allem was zu hören ist, wird sich der Franzose nicht mehr retten können, so dass sein endgültiger Ausschluss aus dem Fußballgeschäft bevorsteht.

Von Einsicht keine Spur

Unterdessen fehlen die Einsicht und das Interesse in den Führungszirkeln des europäischen Fußballs, das eigene System gegenseitiger Abhängigkeiten sowie Gefälligkeiten abzuschaffen. Weiterhin sitzen verdächtige Funktionäre auf wichtigen Posten und ziehen die Strippen. Es herrscht eine Verweigerungshaltung. Auch vom Deutschen Fußball-Bund gehen kaum Impulse aus, die Anlass zur Hoffnung geben. Die Oberorganisation Uefa, zuständig für große Turniere wie die Europameisterschaft und die weltweit populäre Champions League, ist längst entlarvt als intransparente Mauschelvereinigung. Ihr Chef Platini führte den Verband als privates Herrschaftsgebiet. Hiergegen ist selbst die so in der Kritik stehende Weltorganisation mit ihren neuen Ethik-Organen auf einem vielversprechenden Weg in die Zukunft. Der Compliance-Chef der Fifa, Domenico Scala, ein Schweizer Wirtschaftsmanager, hat ein weitreichendes Reformwerk vorgelegt, das nur noch umgesetzt werden müsste. Doch es hakt – gerade auf europäischer Seite.

Es wirkt geradezu aberwitzig, dass Adidas-Vorstand Herbert Hainer vor wenigen Wochen den jetzt suspendierten Platini noch als Heilsbringer zur Rettung des Fußballs und als Blatter-Nachfolger ins Spiel brachte. Der Sportartikelhersteller aus Herzogenaurach ist Großsponsor von Fifa und Uefa. Eine klare Position hat Adidas in dem Fußball-Skandal nie bezogen. Seit Jahrzehnten pumpt das Unternehmen Millionen in diese Organisationen und förderte damit auch den Funktionärs-Filz. Dabei hat Adidas noch ein Päckchen mitzutragen: Horst Dassler, Sohn des Firmengründers Adi, baute in den Siebzigern und Achtzigern einen Sportrechtehandel auf, bei dem sich später herausstellte, dass hier Sportfunktionäre im großen Stil geschmiert wurden. Aber nicht nur Adidas, sondern auch die anderen großen Sponsoren haben nie mit Nachdruck dringend nötige Veränderungen in den Fußballverbänden eingefordert.

Die Zitrone immer weiter ausgepresst

Schon vor Jahren hatte die Europäische Kommission das Fußballgewerbe aufgefordert, es müsste sich mehr der Bekämpfung von Korruption widmen. Nicht viel ist seither passiert. Die mächtigen Vereine und die einflussreiche Klubvereinigung sehen keinen Anlass, regulatorisch tätig zu werden und die größten Risiken durch Governance-Strukturen zu minimieren. Manch populärer Großverein war selbst schon betroffen von einem Betrugsskandal, wie der FC Barcelona. Steuerhinterziehung, Wettbetrug, verbotene Provisionszahlungen (Kick-back) bei Spielertransfers – Verführungen in diesem Milliardengeschäft sind reichlich vorhanden. Doch lieber wird von den Verantwortlichen weggeschaut, geschwiegen, auch die Hand aufgehalten. Auf der anderen Seite versuchen sie, durch immer neue Wettbewerbe die Zitrone weiter auszuquetschen.

Der wichtigste Fußballmarkt der Welt geht in der größten Vertrauenskrise mit schlechtem Beispiel voran. Dabei bietet der Skandal eine Chance. Niemand hat etwas gegen gute Geschäfte und Umsatzrekorde. Das gehört zur Entwicklung des modernen Fußballs. Aber klar ist auch: Nur wenn Fußball-Europa eine Richtungsänderung gelingt und tiefgreifende Reformen auch in den Köpfen der Funktionäre vollzogen werden, wird ein Neustart im Weltfußball gelingen.

Quelle: F.A.Z.
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