Expansionen in Island

„Die Wikinger werden wild“

Von Robert von Lucius, Stockholm
28.12.2004
, 17:00
Island hat nicht nur Naturschauspiele zu bieten
Deregulierung, Börsenaufschwung und niedrige Steuern lassen in Island wirtschaftliche Abenteuerlust aufleben. Doch die Unternehmen sorgen durch ihre Aufkäufe im Ausland für Beunruhigung.
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Auch seriöse schwedische und dänische Zeitungen lieben gelegentlich kraftvolle Überschriften. Seitdem in den vergangenen zwei Monaten junge isländische Gruppen alle paar Tage ein namhaftes Unternehmen aus diesen beiden skandinavischen Ländern und aus Großbritannien kaufen, schreiben sie Sätze wie „Die Wikinger werden wild“ und verbinden damit sogleich die Warnung, dies könne eine Blase sein, die bald platze.

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Isländische Investoren kauften in den vergangenen zwei Jahren ausländische Gruppen im Wert von insgesamt 2,8 Milliarden Euro: Das entspricht fast einem Drittel des jährlichen isländischen Bruttoinlandsprodukts. Zu den Gründen der Kaufstärke zählen die wirtschaftliche Deregulierung auf der Atlantikinsel, der starke Börsenaufschwung seit zwei Jahren und mehrere Börsenemissionen. Dazu kommen für nordische Verhältnisse niedrige Steuern bei relativ hohem Prokopfeinkommen, was den Aufbau von Vermögen und Anlagekapital begünstigt - sowie die Freude vieler Isländer an wirtschaftlichen Abenteuern offenbar anstachelt.

Expansion in verschiedensten Branchen

Als die isländische Fluggesellschaft Icelandair zunächst 8,4 Prozent des britischen Billigfliegers Easy-Jet erwarb und ihren Anteil kurz darauf aufstockte, kam das für viele überraschend, obwohl gerade dieser Kauf solider erscheint als manch andere Übernahme. Neben Easy-Jet kam es in den vergangenen Tagen und Wochen zu mehreren anderen Übernahmen. Islandsbanki kaufte 67 Prozent der BN Bank in Trondheim, eine der letzten bisher selbständigen Banken Norwegens und deren viertgrößte Handelsbank, nachdem sie im Sommer schon eine kleinere norwegische Sparbank erworben hatte. Die Investmentholding Burdarás erwarb 18 Prozent der schwedischen Investmentbank Carnegie und will offenbar ihren Anteil weiter aufstocken.

Die Fisch exportierende SIF-Gruppe kaufte die französische Nahrungsgruppe Labeyrie und sucht zudem trotz Betriebsverlustes neues Kapital, um weiter zu expandieren. Bakkavor, das Fertiggerichte herstellt, will seinen britischen Konkurrenten Geest, den es schon zu 20 Prozent besitzt, übernehmen und die Holding Baugur die britische Big Food Group (BFG) - jeweils für etwa eine halbe Milliarde Euro. Baugur besitzt in Großbritannien bereits 22 Prozent von BFG, zudem den Spielwarenhersteller Hamleys, die Juwelierkette Goldsmiths und mehrere Designerladenketten wie Karen Millen und Whistles - fast alles Käufe dieses Jahres. Baugur übernahm zudem die dänische Kaufhauskette Magasin.

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Beinahe ein Kaufrausch

Bei diesen beinahe schon wie ein Kaufrausch anmutenden Aktivitäten tauchen vor allem zwei Namen auf: Baugur und die Bank Kaupthing. Größter Einzeleigentümer von Baugur ist der 36 Jahre alte Jón Asgeir Jóhannesson. Vor einigen Monaten erregte er auch außerhalb der Landesgrenzen Aufmerksamkeit, als ein Zusammenstoß mit seinem Intimfeind, dem damaligen Ministerpräsidenten Davíd Oddsson, und dessen Versuch, die Medienmacht Jóhannessons zu beschneiden, zu einer Verfassungskrise in Island führte und zum Rückzug des Regierungschefs.

Just verkaufte Kaupthing einem britischen Modehändler einen Anteil an Baugur. Die Bank hatte ihren Börsenwert im vergangenen Geschäftsjahr mehr als verdoppelt durch den Kauf der dänischen FIH-Bank im April für eine Milliarde Euro, womit sie eine der großen Banken Nordeuropas wurde. Vor knapp einem Jahrzehnt war Kaupthing noch eines der kleinsten Finanzhäuser Islands, jetzt liegt ihr Vermögen bei 17,5 Milliarden Euro. Seit Anfang 2003 stieg der Aktienkurs von Kaupthing auf fast das Dreifache. Nach einer neuen Aktienemission will Kaupthing offenbar weiter expandieren.

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Enge der isländischen Wirtschaftselite

An Kaupthing und Baugur, die eng miteinander verbunden sind, zeigt sich die Enge der isländischen Wirtschaftselite, auch die Verbindung von Wirtschaft und Politik in einem Land mit 300.000 Einwohnern. Ein Kaupthing-Vorstand war zuvor Wirtschaftsminister - in jener Zeit liberalisierte er das isländische Bankenwesen, der Grundstein für den Erfolg von Kaupthing -, Direktor der Nationalbank und Geschäftsführer einer Versicherung. Es gibt drei große Wirtschaftsgruppen in Island: eine Familie, die ihr Geld mit Öl in Rußland machte und jetzt die privatisierte frühere Nationalbank Islandsbanki hält; die Gruppe um Baugur und Kaupthing; und die alte wirtschaftlich konservativere Elite.

Die Enge des Marktes und Verflechtung der handelnden Personen und Gesellschaften kann das Aufblähen der Kurse an der Börse Reykjavík begünstigen; sie stiegen in diesem wie im vergangenen Jahr weit stärker als an jeder anderen Westeuropas. Die Verdoppelung der Kurse erleichtert Emissionen und Bankkredite, die neben Aktientausch die Käufe finanzieren.

„Keine natürliche Erklärung“

Für diese Kurssteigerung gebe es „keine natürliche Erklärung“, warnt ein isländischer Wirtschaftsprofessor, dies sei „ein gefährlicher Cocktail“. Durch finanzielle und personelle Überkreuzbeteiligungen zwischen Erwerbern, Banken und der Börse seien Risiken nicht hinreichend abgegrenzt und überschaubar, warnt jetzt auch die isländische Finanzaufsicht in ihrem jüngsten Bericht unter Verweis auf Interessenkonflikte. Viele Isländer fühlten sich, sagt ein dänischer Bankdirektor, aufgrund der Aktienhausse „enorm reich“; das sei eine Ausgangslage, die an die schwedische Bankenkrise Anfang der neunziger Jahre und an die „Dotcom-Blase“ bei IT-Werten der neuen Ökonomie erinnere.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.2004, Nr. 303 / Seite 18
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