EZB-Chefvolkswirt Peter Praet

Der unterschätzte Skeptiker

Von Stefan Ruhkamp
04.01.2012
, 17:16
Peter Praet
Bislang ist der neue EZB-Chefvolkswirt Peter Praet zurückhaltend aufgetreten – eine gute Wahl ist er trotzdem. Er hat zwar nie öffentlich gegen den Kauf von Staatsanleihen opponiert, aber darauf gedrungen, sie möglichst gering zu halten.
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Den Belgier Peter Praet hatte kein Beobachter aus den Medien auf der Rechnung für den Posten des Chefvolkswirts der Europäischen Zentralbank. Denn in Berlin und Paris schien es ausgemachte Sache, dass entweder der Deutsche Jörg Asmussen oder der Franzose Benoît Cœuré das Rennen machen würden. Dass nun ausgerechnet der bescheiden auftretende Praet, der in den ersten sieben Monaten seiner Amtszeit als Direktoriumsmitglied öffentlich nicht in Erscheinung getreten war, vom EZB-Präsidenten Mario Draghi vorgezogen wurde, wirkte deshalb wie eine Überraschung.

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„Das war es aus Insidersicht aber gar nicht“, sagt dagegen eine Person aus dem Umfeld der EZB-Spitze. Immerhin sei Peter Praet unter den neuen Direktoren der Einzige mit Notenbankerfahrung. Dagegen seien die beiden anderen geradezu „Grünlinge“. Praet gab vor gut dreizehn Jahren seine Position als Chefökonom der Fortis-Bank auf, um Kabinettschef des belgischen Finanzministers zu werden. Wenig später wechselte er in den Vorstand der belgischen Zentralbank, ehe er im vergangenen Jahr zum Direktor der EZB berufen wurde. Der letzte Karrieresprung gelang dem 62 Jahre alten Belgier erst im dritten Anlauf. Bei den beiden ersten Bewerbungsrunden für das EZB-Direktorium wurden ihm zunächst – vor acht Jahren – der Spanier José Manuel González-Páramo und dann 2010 der Portugiese Vítor Constâncio vorgezogen. Auch bei der dritten Runde im vergangenen Jahr schien es zunächst so, als ob Praet leer ausgehen würde. Das von Proporzdenken nicht ganz unberührte Berufungsverfahren schien die Chancen der slowakischen Kandidatin Elena Kohútiková zu erhöhen. Doch insbesondere das Europäische Parlament bestand darauf, den Kandidaten mit der augenfällig höheren Qualifikation vorzuziehen.

Praet zählt im sechsköpfigen Direktorium und auch im Rat der EZB, dem zusätzlich die 17 nationalen Notenbankgouverneure angehören, in der Krisenpolitik zu den Skeptikern. Er hat zwar nie öffentlich gegen das Programm für den Kauf von Staatsanleihen opponiert und dem Vernehmen nach auch nie dagegen gestimmt. In den Diskussionen hat er jedoch wohl stets darauf gedrungen, die Käufe möglichst gering zu halten. „Wenn es um das Kaufprogramm geht, steht Praet auf der Seite der Vorsichtigen“, beschreibt ein Notenbanker dessen Rolle. Bekannt ist außerdem, dass der Belgier stets darauf bestanden hat, alle Beweggründe und Informationen, mit denen die Käufe gerechtfertigt wurden, zu hinterfragen – auch dann, wenn er zustimmte. Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, war es aber lange Zeit im EZB-Rat nicht. Viele Beschlüsse der Krisenpolitik wurden unter Zeitdruck gefällt. Zudem pflegte der im November ausgeschiedene EZB-Präsident Jean-Claude Trichet einen Führungsstil, den manche seiner Kritiker als „autoritär“ bezeichnen.

Die Mitglieder des EZB-Direktoriums
Die Mitglieder des EZB-Direktoriums Bild: dpa

Der Umgang mit diesem Stil dürfte dem Belgier Praet schwergefallen sein. Denn über sich selbst sagte er vor einiger Zeit, er habe in seinem Leben immer Schwierigkeiten gehabt, wenn von ihm Unterordnung in autoritäre Strukturen gefordert worden sei.

Praet hat deutsche Wurzeln. 1949 wurde er in Herchen nahe Siegburg geboren. Die ersten 17 Jahre seines Lebens hat er im Rheinland verbracht, wo sein Vater als belgischer Militärarzt diente. Seine deutsche Mutter sprach in den ersten Jahren mit ihrem Sohn meist deutsch. Öffentlich traute sich die Familie das – so kurz nach dem Krieg – jedoch nicht. Mit dem Eintritt des jungen Peter Praet in die belgische Schule in Rösrath, wo die Lehrer ausschließlich auf Französisch und Flämisch unterrichteten, wurde auch daheim kein Deutsch mehr gesprochen, weshalb er die Sprache seiner Kindheit heute zwar gut versteht, aber nur gebrochen spricht.

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Wie es seiner Art entspricht, ist Praet seit seinem Wechsel zur EZB öffentlich bislang zurückhaltend aufgetreten. Auch in Bezug auf die geldpolitische Diskussion habe er keine auffällige Rolle gewählt, heißt es aus der EZB. Doch das muss sich nun ändern. Der Chefvolkswirt hat im Rat eine herausgehobene Rolle. Bei den monatlichen Zinsentscheidungen legt er mit einem etwa 45 Minuten dauernden Vortrag über die Wirtschaftslage und die monetäre Analyse die Basis für die Diskussion. Dabei kann er die Argumente gewichten und endet mit einem konkreten Vorschlag für den Leitzins. Im Anschluss macht der Präsident seinen eigenen Vorschlag, der bislang mit wenigen Ausnahmen – eine gab es im vergangenen Dezember – fast immer der Vorgabe des Chefvolkswirts entsprach. Praet kommt also im Gefüge der EZB nun eine Schlüsselposition zu.

Quelle: F.A.Z.
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