Finanzmarktkrise

Erinnerungen an den Börsenkrach von 1987

Von Gerald Braunberger
14.10.2007
, 06:00
20 Jahre ist er her, der Börsenkrach am 19. Oktober 1987. Zur heutigen Situation gibt es manche Parallele. Ein Rückblick - und ein Ausblick auf die kommende Woche.

Am kommenden Freitag gilt es eines unerfreulichen Ereignisses zu gedenken: Vor genau 20 Jahren, am 19. Oktober 1987, brach der Dow-Jones-Index um 22,6 Prozent beziehungsweise 508 Punkte auf 1738,74 Punkte ein. Damals war von einem schweren Börsenkrach die Rede, Erinnerungen an das Jahr 1929 wurden laut, und im damals noch existierenden Ostblock erfreuten sich Kommentatoren über einen weiteren Schritt des Kapitalismus in den Untergang.

Der Börsenkrach von 1987, der seinerzeit auch den neu im Amt befindlichen Fed-Chairman Alan Greenspan gehörig erschreckte, ist dennoch eine Episode geblieben. Schon zwei Tage nach dem Kurseinbruch erholten sich die Kurse um 10 Prozent, und im Januar 1989 hatte der Dow Jones seinen Stand von vor dem Einbruch erreicht. Wer sich heute einen Langfristchart des amerikanischen Index ansieht, wird den Kursrückschlag lediglich als eine vorübergehende Unterbrechung eines dauerhaften Aufwärtstrends wahrnehmen.

Der Oktober gilt als Krisenmonat

Gleichwohl lohnt es sich, den Oktober 1987 nicht zu vergessen, sondern ihn mit der aktuellen Situation zu vergleichen. Die Dresdner Bank hat nämlich die Gründe zusammengetragen, die zu dem Kurseinbruch von vor 20 Jahren führten: Sie nennt eine starke Hausse vor dem Einbruch, ein schwindendes Vertrauen in den Dollar an den Devisenmärkten und die durch die Computerisierung des Handels stark gestiegenen Börsenumsätze.

Das erinnert an die heutige Situation an den Aktienmärkten. Sie befinden sich nahe ihrer historischen Höchststände, der Dollar neigt wiederum zur Schwäche, und die Börsenumsätze sind seit 1987 noch einmal erheblich gewachsen. Droht also ein neuer Einbruch, zumal der Oktober an den Märkten - zu Recht oder zu Unrecht - als ein Krisenmonat gilt?

Entlastung für die Märkte

Eines ist heute anders als damals: Dem Kurseinbruch von 1987 ging eine Leitzinserhöhung der Fed voraus, während die Fed in der diesjährigen Finanzmarktkrise ihren Leitzins gesenkt hat. Befördert wird die derzeit gute Stimmung an den Aktienmärkten nicht zuletzt von Erwartungen, die Fed werde ihre Zinsen weiter senken, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Und wenn sie es nicht tut?

Eine weitere Entlastung für die Märkte könnte die Gründung eines „Super-Conduits“ bringen, in den große amerikanische und britische Banken rund 100 Milliarden Dollar an Papieren einbringen wollen, denen mehr oder weniger fragwürdige Hypothekendarlehen zu Grunde liegen.

Die Bekanntgabe dieses Planes, der die Billigung des amerikanischen Finanzministers Hank Paulson besitzt, dürfte nach Angaben des „Wall Street Journal“ zum Wochenbeginn erfolgen. Die Zeitung berichtet von einem Treffen im Finanzministerium, an dem unter anderen Vertreter der Citigroup, der Bank of America und von J.P. Morgan teilgenommen haben. Große britische Banken könnten sich dem Projekt anschließen.

Quartalszahlen zeigen Auswirkungen der Krise

Die Idee der Bündelung von Risiken in einer von mehreren Banken gemeinsam getragenen und finanzierten Einheit stammt aus der Bewältigung der Krise des amerikanischen Hedge-Fonds LTCM im Jahre 1998. Derzeit halten viele Banken in eigenen Zweckgesellschaften (“Conduits“) Papiere, auf die möglicherweise ein Wertberichtigungsbedarf besteht. Um einen massenhaften Verkauf dieser Papiere, der den Markt zusammenbrechen lassen könnte, zu verhindern, sollen diese Papiere in einem „Super-Conduit“ gebündelt werden, dessen Refinanzierung die Banken gemeinsam sichern.

Die neue Woche steht daneben im Zeichen vieler Quartalsberichte aus den Vereinigten Staaten, die Aufschluss geben werden über den aktuellen Zustand der Wirtschaft und damit auch Auswirkungen für die Aktienmärkte außerhalb der Vereinigten Staaten. Im Blickpunkt stehen vor allem die Abschlüsse großer Banken, von denen die Citigroup gleich am Montag den Reigen eröffnet. Ihr folgen J.P. Morgan am Mittwoch, die Bank of America am Donnerstag und Wachovia am Freitag. Zahlen werden auch Unternehmen aus anderen Branchen vorlegen, darunter Intel, Yahoo, Ebay, Coca-Cola sowie der Pharmakonzern Johnson & Johnson.

Hab-Acht-Stellung an den Börsen

Die Berichtssaison nimmt auch in Europa mit Quartalsabschlüssen von Roche, Danone, LVMH und Carrefour ihren Anfang; als erster Dax-Wert präsentiert sich am kommenden Donnerstag der Softwareriese SAP. In Erwartung dieser Zahlenflut haben sich die wichtigsten Aktienmärkte in den vergangenen Tagen in einer Hab-Acht-Stellung befunden und sich im Wochenvergleich - ablesbar etwa am Dow Jones oder am Dax - kaum bewegt. Dazu trug die Widersprüchlichkeit der bisherigen Quartalsergebnisse bei. Während McDonald's für das dritte Vierteljahr ein besseres Ergebnis als erwartet vorhersagte, konnte der Abschluss von General Electric den Markt nicht begeistern.

Neben den Quartalsergebnissen der Unternehmen stehen in den kommenden Tagen Zahlen und Prognosen zur Konjunktur an. Nachdem die in der vergangenen Woche veröffentlichten amerikanischen Einzelhandelsumsätze für den September von den Börsen positiv bewertet wurden, warten die Anleger nun auf Zahlen zur amerikanischen Industrieproduktion (Dienstag) und zu den Konsumentenpreisen (Mittwoch).

„Weiterhin robustes Wachstum“

Vor der Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank am kommenden Wochenende steht die Veröffentlichung von Konjunkturprognosen für die Weltwirtschaft durch den IWF auf dem Kalender. In Deutschland will die Bundesregierung nach Presseberichten ihre Wachstumsprognose für 2008 reduzieren.

Für die europäische Wirtschaft sendet die EZB unterschiedliche Signale aus. In ihrem jüngsten Monatsbericht sagte sie für das Jahr 2008 eine Wachstumsrate von 2,3 nach 2,5 Prozent in diesem Jahr voraus; gleichwohl sprach Präsident Jean-Claude Trichet in einem Interview mit dem Fernsehsender CNBC von einem „weiterhin robusten Wachstum“. Ernüchternder gab sich der niederländische Zentralbankpräsident Nout Wellink in einem Gespräch mit der Zeitung „De Telegraph“: „Wir sehen einen dauerhaften Druck auf das Wirtschaftswachstum. Alle Risiken zeigen nach unten.“

Quelle: F.A.Z., 15.10.2007, Nr. 239 / Seite 26
Autorenporträt / Braunberger, Gerald
Gerald Braunberger
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