Flugchaos

Nur jeder vierte Lufthansa-Flieger hebt in Frankfurt pünktlich ab

Von Timo Kotowski
06.07.2022
, 11:14
Später Flieger: Ein Lufthansa-Jet vor dem Mond.
Die Lufthansa rechnet nach F.A.Z.-Informationen intern vor, dass vor allem der Verkehr in Deutschland für Verspätungen sorgt. Sogar die Bahn schlägt sich besser. Wie lange geht das so weiter?
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Präsentabel sind die Pünktlichkeitswerte des Lufthansa-Konzerns während des aktuellen Flugchaos wahrlich nicht. Gerade mal 41,2 Prozent der Flüge sollen in der vergangenen Woche pünktlich – das heißt mit höchstens 15 Minuten Verzögerung – gestartet sein. Das geht aus einem internen Dokument des Konzerns hervor, das der F.A.Z. vorliegt. Das Pünktlichkeitsziel von 85 Prozent wurde klar verfehlt. Sogar die viel kritisierte Deutsche Bahn scheint besser: Die hatte zuletzt für den Monat Mai bekannt gegeben, dass 62,7 Prozent ihrer Fernzüge innerhalb einer Fünf-Minuten-Toleranz fuhren.

Auf der Suche nach den Gründen kommt Lufthansa zu der Erkenntnis, dass es die deutschen Drehkreuze – besonders Frankfurt – seien, die die Bilanz verderben. An der Heimatbasis der Deutschen Lufthansa sollen es nur 26 Prozent der Flüge in der vergangenen Woche pünktlich zum Abheben gebracht haben. Nur 91 Prozent der Flüge seien überhaupt gestartet. Die Tochtergesellschaft Austrian Airlines schaffte dagegen an ihrem Heimatstützpunkt in Wien eine Quote von 56 Prozent – ebenfalls weit unter dem Zielwert, aber doch besser.

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„Massive Unterbesetzung“

„Besonders herausfordernd ist die Situation in Frankfurt“, erklärt der für den Flugbetrieb zuständige Konzernvorstand Detlef Kayser in den internen Dokument. „Am bedeutendsten Lufthansa Group Hub wirken sich Schwachstellen aufgrund der Größe und Komplexität des Flughafens besonders gravierend aus.“ Im Vergleich zu den anderen Konzerndrehkreuzen sei „eine massive Unterbesetzung bei den Dienstleistern der Bodenverkehrsdienste“ festzustellen.

Andere zentrale Flughäfen im Konzernnetz haben dem Dokument zufolge höhere Pünktlichkeitswerte als die Lufthansa in Frankfurt mit dem Wert von 26 Prozent. Die Tochtergesellschaft Marke Swiss habe bei Starts in Zürich 47,3 Prozent erreicht, die Kernmarke Lufthansa in München noch 40,3 Prozent, für die Zweitmarke Eurowings, die stark in Düsseldorf präsent ist, wird ein Wert von 37,1 Prozent genannt.

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Krankmeldungen wegen Corona und Überlastung

In Frankfurt wirke sich aus, dass die Abflugtafel vier Hochlastwellen am Tag ausweise, die ausgeprägter seien als an anderen Flughäfen. „So können Verspätungen, die sich über den Tag aufbauen, schwieriger abgefangen werden“, erklärt Kayser. Dazu komme noch eine „außergewöhnlich hohe Krankenquote mit aktuell mehr als 30 Prozent“ in Frankfurt. Krankheitsgründe seien Corona-Infektionen und Überlastung.

„An der Station“, lautet ein wichtiger Zusatz. Es dürfte nämlich um den Krankstand bei Lufthansa selbst gehen, der auch zu kurzfristigen Flugabsagen führt. Der Flughafenbetreiber Fraport meldet zwar ebenfalls eine erhöhte Zahl der Krankmeldungen, ausgefallen seien 15 Prozent der Mitarbeiter.

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Der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport ist selbst nicht zufrieden, wie der Betrieb unter Personalengpässen aktuell läuft. Der Vorstandsvorsitzende Stefan Schulte bat auf einer Veranstaltung am Dienstagabend Passagiere um Entschuldigung dafür. Allerdings weist er zurück, dass es eine desaströse Entwicklung gebe. „Ein Chaos, in den der Betrieb beinahe zusammenbricht, haben wir verhindern können“, sagte Schulte. „Die Sicherheitskontrollen funktionieren in Frankfurt bislang gut, während das an anderen Flughäfen gar nicht so war.“

Fraport begrenzt Flugverkehr

Mit einem Bündel an Maßnahmen rüste sich Fraport für den in Hessen bevorstehenden Sommerferienbeginn. So sei der Eckwert, der angibt, wie viele Starts und Landungen je Stunde maximal stattfinden, von 104 bis 106 vorübergehend auf 94 bis 96 gesenkt worden. Fast 1000 neue Mitarbeiter für die Bodenabfertigungsdienste seien in diesem Jahr schon angestellt worden.

Geholfen habe, dass Fraport ein Antrittsgeld von 2000 Euro angeboten habe. Dass habe Interessenten, die zwischen der Bewerbung und der Anstellung Wochen ohne Einkommen auf ihr Ergebnis einer behördlichen Zuverlässigkeitsprüfung warten müssen, die Entscheidung für den Dienst am Flughafen erleichtert. Zudem wurde für die Bodenkräfte eine Tariferhöhung vorgezogen. 150 Beschäftigte aus der Verwaltung – bis hin zum Konzernvorstand – übernehmen auch Dienste beim Gepäck.

Fraport-Chef Stefan Schulte: „Chaos haben wir verhindern können.“
Fraport-Chef Stefan Schulte: „Chaos haben wir verhindern können.“ Bild: dpa

Für die reibungslose Bewältigung von Spitzenstunden, in denen zeitweilig schon jetzt mehr Passagiere in die Terminals strömen als vor Corona, wären aber noch „ein paar Hundert“ mehr nötig. Insgesamt hatte Fraport mit 75 Prozent des Vorkrisenniveaus geplant, derzeit würden 80 bis 85 Prozent erreicht. „Das hat uns schon überrascht. Da gebe ich offen zu, dass wir falsch gelegen haben“, sagte Schulte.

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Engpässe auch bei der Flugsicherung

In der Gepäcklogistik steuert Fraport gegen, damit möglichst wenige Koffer trotz knapper Verlader liegen blieben. „Wir priorisieren den abfliegenden Verkehr, damit jeder wegkommt – mit Gepäck“, sagte Schulte. Die Kehrseite sei, dass ankommendes Gepäck langsamer bearbeitet werde, die Wartezeiten an der Gepäckausgabe seien länger – teils bis zu zwei Stunden.

Mögen Lufthansa-Vorstand Kayser und Schulte über das Ausmaß der Störungen im Betrieb uneins sein, einig sind sie mit Blick auf andere Hemmnisse. So müssten behördliche Zuverlässigkeitsprüfungen für neue Beshäft8igte beschleunigt werden. Und Engpässe, die zu Verzögerungen führen, gebe es auch bei den Lotsen der Deutschen Flugsicherung.

Gründe seien, dass wegen des Kriegs in der Ukraine und der Russland-Sanktionen ausländische Flüge nach Westen und somit auch in den Himmel über Deutschland verlagert wurden. Dazu komme die eingeschränkte Kapazität der französischen Flugsicherung nach Einführung einer neuen Software. Und für militärische Flüge komme es immer wieder zu kurzzeitigen Sperrungen von Luftkorridoren.

Mit einer Entspannung während der Ferienzeit rechnet Schulte kaum noch. „Das bleibt für die nächsten zwei bis drei Monate auf diesem Niveau.“ Er rechne sogar damit, dass Airlines noch mehr Flüge aus den Plänen nehmen werden. Aushilfekräfte aus der Türkei, die sich die deutsche Luftfahrtbranche wünscht, könnten im Spätsommer für Entlastung sorgen. Er rechne aktuell damit, dass es noch zwei Monate dauern werde, bis die ersten Kräfte in Deutschland bereit stehen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Kotowski, Timo
Timo Kotowski
Redakteur in der Wirtschaft.
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