F.A.Z.-Ökonomenranking

Deutschlands wichtigster Ökonom

Von Maja Brankovic
16.09.2021
, 06:00
Zum fünften Mal ganz oben im F.A.Z.-Einflussranking: Der Zürcher Verhaltensökonom Ernst Fehr
Das diesjährige F.A.Z.-Ranking der Ökonomen zeigt: In der Krise wendet sich das Land an die Bekanntesten der Zunft. Der größte Aufstieg gelingt drei Frauen.

Zwei Krisen prägten das Jahr 2021 – die Pandemie und die große Flutkatastrophe. In beiden ist guter Rat wichtig, auch der von Ökonomen. Welche Hilfen braucht die Wirtschaft? Wie lässt sich die Klimawende gestalten, mit effektiven Maßnahmen, die aber auch sozialverträglich sind?

Im Bereich der Energie- und Umweltexperten stechen drei Forscherinnen ins Auge, die die großen Aufsteiger im diesjährigen F.A.Z.-Ökonomenranking sind – Claudia Kemfert, Maja Göpel und Veronika Grimm. Sie spielen in der Klima- und Energiewendedebatte hierzulande eine immer bedeutendere Rolle. Die bestplatzierte im Bunde ist Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Letztes Jahr lag sie noch auf dem 14. Platz, jetzt ist sie auf den siebten Rang und damit erstmals in die Top Ten gerückt.

Steiler noch als Kemferts Aufstieg ist der von Maja Göpel. Die Nachhaltigkeitsforscherin, die man in der breiteren Öffentlichkeit vor allem als Autorin eines Sachbuch-Bestsellers zur Klimawende kennt, klettert vom 35. auf den 17. Rang. Die dritte Aufsteigerin ist die Energieexpertin und Wirtschaftsweise Veronika Grimm (von Rang 34 auf Rang 21). Von den männlichen Klimaökonomen schaffte es der Potsdamer Forscher Ottmar Edenhofer in diesem Jahr auf Rang 15.

Grimm punktet in der Presse

Kemferts Weg in die Spitzengruppe der einflussreichsten Ökonomen des Landes kam nicht plötzlich. In den Medien trifft man sie auf allen Kanälen, gerne auch im Fernsehen, Politiker suchen ihren Rat. Freunde hat Kemfert vor allem auf dem linken Flügel, aber nicht nur: Vor der NRW-Wahl 2012 holte sie aber ausgerechnet der damalige Bundesumweltminister und CDU-Spitzenkandidat Norbert Röttgen in sein Schattenkabinett. Die politische Beratung ist noch immer ihr Ding: In der Umfrage in den Bundes- und Landesministerien erreichte sie den fünften Platz.

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Die Tabelle
Deutschlands einflussreichste Ökonomen 2021

Anders als Claudia Kemfert ist Maja Göpel unter den Einflussnehmern ihrer Zunft ein eher neues Gesicht. Dafür besetzt sie das Thema Nachhaltigkeit wie kaum ein anderer Wissenschaftler im Land. Als Wortführerin der Klima-In­itiative „Scientists for Future“ spricht sie regelmäßig vor Politikern und ist auch in den Medien sehr präsent.

Steigt auf: Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel
Steigt auf: Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel Bild: Matthias Lüdecke

Veronika Grimms großes Thema ist die Frage, wie sich eine Industrienation in einen klimafreundlicheren Ort wandeln und dabei ihre alte Stärke bewahren kann. Im Fernsehen ist sie damit deutlich seltener zu sehen als ihre Kolleginnen. Doch in der Presse findet sie mit ihrem großen Thema umso größeres Gehör. Was ihr dabei hilft: Seit eineinhalb Jahren sitzt sie als eine der Wirtschaftsweisen im Sachverständigenrat.

Weil sowohl die Wirkung in der Wissenschaft als auch der Einfluss in der Öffentlichkeit wichtig sind, kombiniert die F.A.Z.-Auswertung beides in ihrem Ranking. Entscheidend ist, dass einerseits die Forschung in Fachkreisen Gehör findet und aufgegriffen wird, aber auch, ob Ökonomen von Politikern als Ratgeber geschätzt werden und sie in den Medien eine Rolle spielen. Ihr Einfluss in den sozialen Medien fließt schließlich auch in die Wertung ein. Der Aufstieg der Klimaexpertinnen sticht heraus – und ist trotzdem nur ein Aspekt des Gesamtbildes. Was ebenfalls deutlich wird: Die Krise ist keine Zeit der Experimente. Medien wie Politiker suchen Rat bei denen, die sie gut kennen und denen sie vertrauen.

In der ersten Reihe stehen deshalb Namen, die man auch außerhalb der Fachkreise kennt: Clemens Fuest zum Beispiel, Präsident des Münchener Ifo-Instituts, der sich in der Pandemie dafür eingesetzt hat, dass die Regierung die Infektionsdynamik konsequenter zum Erliegen bringt; DIW-Chef Marcel Fratzscher, der eigentlich Geldpolitiker ist, seit Jahren aber als prominente Stimme für weniger Ungleichheit in Deutschland wirbt; Lars Feld, der einstige Wirtschaftsweise mit ordoliberaler Linie, der der Bundesregierung in ihrem wichtigsten ökonomischen Beratergremium gerne erhalten geblieben wäre, was die SPD aber erfolgreich unterband. Alle drei sind Stammgäste in den Spalten der Zeitungen wie auch in den Nachrichten und den politischen Talkshows im Fernsehen. Alle drei gehören seit Jahren zu den häufigsten Gästen in den Berliner Ministerien. Alle drei landen in diesem Jahr, wie schon im letzten, auf den Plätzen zwei bis vier.

Und den ersten Platz? Den holt sich – zum fünften Mal – der große Unbekannte Ernst Fehr. Der Verhaltensökonom von der Uni Zürich gehört seit vielen Jahren zu den meistgeschätzten Ökonomen der Welt. Kaum jemand in der Zunft ist forschungsstärker als er. Das katapultiert ihn in der F.A.Z.-Auswertung auf den Spitzenplatz. Viele haben den gebürtigen Vorarlberger seit Jahren auf dem Zettel für den Wirtschaftsnobelpreis, als nicht so ganz so geheimer Geheimtipp, weil seine Forschung zur Verhaltensökonomik als bahnbrechend gilt. Fehr war zum Beispiel einer der Ersten, die ihre Versuchspersonen für ökonomische Experimente in Kernspintomografen steckte. Er wollte wissen, was in unseren Gehirnen geschieht, wenn wir ökonomische Entscheidungen treffen – und schaute einfach nach.

Talkshows meidet er

Jenseits des Ökonomen-Universums kennen die meisten den 65-Jährigen deshalb nicht, weil er öffentliche Auftritte oder Stellungnahmen zur Tagespolitik vermeidet. Er tritt nicht in Talkshows auf, gibt äußerst selten Interviews und hält sich auch sonst fast schon demonstrativ aus den Medien raus. Dabei könnte er den Menschen so viel erzählen, gerade in Zeiten der Pandemie. Fehr hat viel zu Fairness und zu Egoismus geforscht, hat dabei der Moral von Bankern auf den Zahn gefühlt und gezeigt, wie wir uns zu helfen wissen, wenn wir unser eigenes Wohl über das der Allgemeinheit stellen: Wir tricksen unser Gedächtnis aus und speichern die zu unseren Gunsten angepasste Erinnerung als Wirklichkeit ab.

Seit 1994 ist Fehr Professor an der Uni Zürich und seit Juli offiziell emeritiert. Doch die Rente muss warten: Seine Uni entschied sich, ihn für weitere fünf Jahre „privatrechtlich anzustellen“, wie es heißt, im Wettbewerb um die größten ökonomischen Talente ist ein derart angesehener Forscher ein Jackpot, den man nicht so schnell hergeben will. Und er selbst will offenbar ebenfalls noch mehr.

Auch in den Rankings in Österreich und der Schweiz steht Ernst Fehr wieder an der Spitze. Die Presse und die Neue Zürcher Zeitung gleichzeitig Ranglisten veröffentlicht, die nach denselben Kriterien entstanden sind. Hier wie dort wird es schwer, den Seriensieger vom Thron zu stürzen, solange er derart aktiv in der Wissenschaft bleibt. Denn der Wissenschaftseinfluss macht die Hälfte der Punkte aus, während sich die andere Hälfte Medien, Politik und Social Media teilen. Die ausführliche Methode finden Sie hier.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brankovic, Maja
Maja Brankovic
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, zuständig für „Der Volkswirt“.
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