Nach Scholz-Abkanzelung

Ökonomen erneuern Gasberechnungen – und bleiben bei ihrer These

Von Johannes Pennekamp
05.08.2022
, 13:06
Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 in Lubmin
Ökonomen sorgten im Frühjahr mit Berechnungen zu einem Gasembargo für Furore und wurden von Olaf Scholz abgekanzelt. Jetzt haben sie ihre Berechnungen aktualisiert – und bleiben bei ihrer These.
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Sollte Russland ab sofort kein Gas mehr nach Deutschland schicken, hätte das wirtschaftlich schmerzliche Folgen für Deutschland. Die volkswirtschaftlichen Schäden würden sich aber in einer Größenordnung bewegen, die nicht dramatischer wäre als während der Corona-Pandemie. Zu diesem Ergebnis kommen Rüdiger Bachmann (University of Notre Dame), Moritz Schularick (Universität Bonn) und neun weitere Makro- und Energieökonomen in einer Studie, die am Freitag veröffentlicht wurde. Das Forscherteam bestätigt damit Ergebnisse einer Berechnung, die es schon im März kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine vorgelegt hatte. „Panikmache ist fehl am Platz. Gleichwohl sollte jedem klar sein, dass der russische Überfall auf die Ukraine Deutschland dauerhaft ärmer gemacht hat“, fassen die Ökonomen zusammen.

Die Veröffentlichung im März hatte unter Forschern und in der Politik hohe Wellen geschlagen. Andere Ökonomen wie Tom Krebs (Universität Mannheim) und Sebastian Dullien vom gewerkschaftsnahen Institut IMK waren in eigenen Berechnungen zu weitaus größeren Schäden gekommen. Während Bachmann und Co. im Fall eines Gasembargos gegen Russland von höchstens 3 Prozent weniger Wirtschaftsleistung ausgingen, nannten die pessimistischeren Forscher mindestens doppelt so hohe Zahlen. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) kanzelte Bachmann und seine Ko-Autoren daraufhin in der Talkshow „Anne Will“ ab und nannte es „unverantwortlich“ solche Berechnungen überhaupt anzustellen.

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Scholz: Unverantwortlich

In der Neuauflage ihres März-Papiers argumentieren die Forscher nun, dass die Gaslücke im Vergleich zum Frühjahr zwar kleiner, aber auch die verbleibende Anpassungszeit bis zu möglichen Engpässen im Winter geringer geworden sei. Die Kosten blieben insofern substanziell, aber mit entsprechenden wirtschaftspolitischen Maßnahmen „handhabbar“. Die Forscher schreiben: „Es drohen im Fall eines Stopps russischer Gasimporte weder Massenarmut noch Volksaufstände.“

In ihren neuen Berechnungen kommen die Ökonomen zu dem Schluss, dass Industrie, Haushalte, Unternehmen und öffentlicher Sektor im Fall eines Lieferstopps ihren Gasverbrauch insgesamt noch um ein Fünftel reduzieren müssten. Eine solche Reduktion sei bei einer kollektiven Anstrengung umsetzbar. Dafür sehen die Forscher drei zentrale Stellschrauben: erstens den Verbrauch von Gas in der Stromerzeugung zu reduzieren, zweitens den Verbrauch von Gas zur Gebäudeheizung zu verringern und drittens den Gasverbrauch in der Industrie sowohl zu reduzieren als auch zu substituieren. Das Beheizen von Gebäuden mache den Großteil des Gasverbrauchs in den Wintermonaten aus, sodass Sparanstrengungen hier besonders wirksam seien.

„Ein realistischerweise erreichbarer Einsparbeitrag der Haushalte und des Gewerbes liegt bei rund 15 Prozent ihres Verbrauchs. Beim Heizen entspricht dies etwa einer Absenkung der Raumtemperatur um bis zu 2,5 Grad Celsius“, schreiben die Forscher. Die Wirtschaftsleistung gehe unter anderem deshalb zurück, weil in der Industrie Gaseinsparungen „nicht ohne temporäre Produktionsrückgänge“ möglich seien.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Pennekamp, Johannes
Johannes Pennekamp
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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