Deutschlands Wettbewerbsstärke

Forscher warnen vor Gaskrise – Speicher jetzt zu 60 Prozent gefüllt

28.06.2022
, 10:02
Bei BASF in Ludwigshafen: Die Chemieindustrie würde unter einer Gasrationierung stark leiden.
Steigende Preise, ausbleibende Lieferungen: Deutschland ist in der Energieversorgung besonders verwundbar, warnen Fachleute. Für einen sofortigen russischen Lieferstopp sagen sie einen Wirtschaftseinbruch von bis zu 13 Prozent voraus.
ANZEIGE

Ein kurzfristiger Stopp russischer Gaslieferungen würde einer neuen Analyse zufolge im zweiten Halbjahr 12,7 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung (BIP) kosten. Besonders stark betroffen wären Branchen wie die Glasindustrie oder die Stahlverarbeitung, sagte der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), Bertram Brossardt, zu der Studie, die das Forschungsinstitut Prognos im Auftrag der vbw erstellt hat. Auch die Chemie-, Keramik-, Nahrungsmittel- und Textilbranche dürften einen Gas-Lieferstopp unmittelbar zu spüren bekommen.

Dazu kämen indirekte Effekte, sollten die russischen Gaslieferungen am 1. Juli eingestellt werden. „Die Erdgas-Engpässe bewirken Dominoeffekte“, sagte Brossardt. „Diese treffen die gesamte Wertschöpfungskette empfindlich.“ Die Störungen in den Lieferketten hätten branchenübergreifend etwa die dreifache Auswirkungen im Vergleich zu den direkten Folgen. „In Summe droht damit ein Wertschöpfungsverlust in der zweiten Jahreshälfte von 193 Milliarden Euro.“ Sollte die Mangellage länger andauern, sei auch eine Zunahme der Arbeitslosigkeit kaum zu vermeiden.

ANZEIGE

„Deutschland wird zu einer Hochpreisinsel“

Die Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas sei unterschätzt worden, sagte Prognos-Chefvolkswirt Michael Böhmer. Rund die Hälfte des Erdgases werde von geschützten Kunden verbraucht – dazu zählen Verbraucher, Krankenhäuser oder soziale Einrichtungen. Dieser Bedarf könne zu 93 Prozent gedeckt werden. Nicht-geschützte Kunden, zu denen die Industrie zähle, erhielten dagegen weniger als die Hälfte des benötigten Gases.

Besonders kritisch werde der Oktober, sagte Böhmer: Hier sei die Deckungslücke besonders groß. In dem Monat beginnt üblicherweise die Heizperiode, in der der Bedarf ansteigt. Zugleich werde aber noch nicht auf Gas aus den Gasspeichern zugegriffen.

Gerade Deutschland ist im internationalen Vergleich besonders anfällig, haben Fachleute des Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW unterdessen in einer eigenen Analyse errechnet. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Bundesrepublik in der Stromversorgung gemeinsam mit den Niederlanden zu einer „Hochpreisinsel“ wird. Was die Anfälligkeit für ausbleibende Lieferungen betrifft, ist Deutschland demnach gemeinsam mit Italien besonders verwundbar.

ANZEIGE

Beide Faktoren gefährden laut ZEW die Wettbewerbsfähigkeit und machen Deutschland für Industriezweige mit hohem Energieverbrauch unattraktiv. Auftraggeber war die Stiftung Familienunternehmen. Das ZEW nahm die Energieversorgung von 21 Industriestaaten unter den Gesichtspunkten in den Blick, wie sehr die Volkswirtschaften unter Preisanstieg und Lieferengpässen leiden würden. Die Ökonomen verglichen 16 EU-Staaten, außerdem die USA, Japan, Kanada, Großbritannien und die Schweiz. Demnach ist die Versorgungssicherheit der drei außereuropäischen großen Volkswirtschaften wegen des Ukrainekriegs gar nicht gefährdet. Die Preissteigerungen seien dort bislang „ausgesprochen moderat ausgefallen oder ganz ausgeblieben“, heißt es in dem Papier.

In Europa ist demnach die große Mehrheit der Länder bei ausbleibenden Energielieferungen weniger verwundbar als das von russischem Gas besonders abhängige Deutschland. „Die Preiseffekte der Energiekrise bei Strom und Gas sind weitgehend auf europäische Standorte beschränkt“, erklärte Studienautor Friedrich Heinemann. Innerhalb Europas gebe es markante Unterschiede. „Deutschland wird zusammen mit den Niederlanden immer stärker zu einer Hochpreisinsel.“ Nicht nennenswert gestiegen sind die Strompreise laut ZEW-Analyse etwa in Frankreich oder der Schweiz.

ANZEIGE

Im Falle einer Gasrationierung würden die Bereiche Metallverarbeitung, Chemie und Papier den größten Schaden nehmen. Erhebliche Schäden in weiteren Branchen wären laut ZEW wegen dann fehlender Vorprodukte nicht ausgeschlossen. „Die Wettbewerber in Übersee haben kein Problem“, resümierte Stiftungsvorstand Rainer Kirchdörfer. „Und die Wettbewerber in Europa können angesichts geringerer Verbrauchsmengen rascher umschichten.“ Sowohl die Stiftung Familienunternehmen als auch das ZEW appellierten an die Bundesregierung: „Die Wirtschafts- und Energiepolitik hierzulande muss daher Antworten auf die Frage finden, wie die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands für energieintensive Unternehmen erhalten werden kann.“

Speicher besser gefüllt

Die Gefahr einer Versorgungslücke mit Erdgas im Falle ausbleibender russischer Lieferungen hat führenden Wirtschaftsforschungsinstituten zufolge indes abgenommen. Grund dafür ist, dass zwischenzeitlich mehr Gas nach Deutschland geströmt ist und gespeichert wurde, wie eine am Dienstag veröffentlichte Simulationsrechnung ergab. „Waren die deutschen Gasspeicher im vergangenen April nur zu 30 Prozent gefüllt, so hat der Füllstand zuletzt 58 Prozent erreicht“, so das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), das Münchner Ifo-Institut, das Essener RWI und das IWH Halle. Inzwischen sind die Speicher zu etwas mehr als 60 Prozent gefüllt, wie aus der Webseite von Europas Gasinfrastruktur-Betreiber (GIE) hervorgeht.

Dennoch sei die Versorgung der Industrie bei einem sofortigen Lieferstopp nicht in jedem Fall gesichert. So ergebe sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent im kommenden Jahr eine Gaslücke von mindestens 23,8 Terawattstunden (TWh) – „im sehr unwahrscheinlichen schlechtesten Fall fehlen sogar fast 160 TWh“. Durch den daraus resultierenden Produktionsausfall in den gasintensiven Industrien und ihren unmittelbaren Abnehmern käme zu einem Wertschöpfungsverlust von rund 46 Milliarden Euro, der im schlimmsten Fall auf 283 Milliarden Euro steigen könnte. Das entspricht 1,6 bzw. 9,9 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung von 2021.

ANZEIGE

„Die gesamtwirtschaftlichen Einbußen dürften noch deutlich größer ausfallen, da die unmittelbaren Effekte noch konjunkturell verstärkt würden“, warnen die Ökonomen. „Außerdem würden den Haushalten infolge höherer Energiepreise Kaufkraft entzogen.“ In einer Analyse im April hatten die Institute den gesamtwirtschaftlichen Effekt gut dreimal so hoch eingeschätzt wie jenen auf unmittelbar betroffene Industrien.

Entwarnung geben die jetzt berechneten Simulationen allerdings für Szenarien, in denen die derzeit auf 40 Prozent gedrosselten russischen Lieferungen fortgesetzt werden. „Dann droht auch bei ungünstigen Konstellationen kein Gasengpass für die Industrie“, so die Institute. Ende 2023 wären die Gasspeicher dann nur zu 14,1 Prozent gefüllt, nach 60,6 Prozent im Dezember 2022. „Damit wäre die deutsche Wirtschaft im Jahr 2024 deutlich schlechter mit Gas versorgt“, so die Institute. „Allerdings dürften dann auch weitere Lieferquellen in Reichweite kommen, die in der Simulation noch nicht berücksichtigt sind.“

Quelle: dpa/Reuters
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Kapitalanalge
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Sprachkurse
Lernen Sie Englisch
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Projektmanagement
SUV
Premium-SUVs zum Gebrauchtwagenpreis
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE