GDL-Chef Weselsky im Gespräch

„Wir können auch noch länger streiken“

Von Corinna Budras und Dietrich Creutzburg
23.08.2021
, 16:51
Claus Weselsky
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Der Anführer der Lokführergewerkschaft GDL wirft der Bahn Widersprüchlichkeit vor – und erläutert seine Konfliktstrategie. Zudem erklärt er, warum das letzte Angebot der Bahn aus seiner Sicht nicht ausreichte.
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Die Deutsche Bahn hat ihr Tarifangebot am Wochenende erweitert um die von Ihnen geforderte Corona-Prämie. Aber Sie haben das schroff abgelehnt. Warum?

Ich habe kein Angebot gesehen, in dem eine konkrete Corona-Prämie verankert ist. Ich habe einen zweiseitigen Brief gesehen, in dem nichts anderes stand als Blablabla – also den erneuten Versuch, mit Tricksen und Täuschen vom eigentlichen Problem abzulenken. Wenn man uns „eine Corona-Prämie“ anbietet, dann können ein Euro oder drei Euro dahinterstehen. Das ist kein Angebot. Und die 3,2 Prozent, die sie da zum wiederholten Mal reingeschrieben haben, ohne Laufzeitveränderung – auch das ist kein Angebot.

Hätte das nicht wenigstens ein Einstieg in neue Gespräche sein können?

Nein. Wir haben am 7. Juni die Verhandlungen scheitern lassen bei exakt einem Angebot von 3,2 Prozent für 40 Monate Laufzeit. Deshalb befinden wir uns jetzt im Arbeitskampf, und da wird nicht verhandelt über denselben Schwachsinn. Jetzt wird gezeigt, dass die Mitarbeiter mit ihren Führungskräften im Clinch liegen.

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Sie fordern 600 Euro Corona-Prämie. Wofür? War die Arbeit bei der Bahn während des Lockdowns nicht ein lauer Job?

Also, von einer seriösen Zeitung erwarte ich, dass sie seriös spricht. Was ist für Sie ein lauer Job? Wenn jemand in Pandemiezeiten draußen Züge begleitet . . .

. . . leere Züge begleitet . . .

. . . und wer hat verursacht dass leere Züge durchs Land fahren? Doch nicht Lokführer und Zugbegleiter. Das ist das Management gewesen. Die haben sich im Geldkreislauf des Konzerns weiter selbst bedient, denn wenn die Züge fahren, kriegen sie Trassenentgelte. Alles Geld vom Steuerzahler. Wir hätten nicht so viel fahren müssen. Aber unsere Leute sind gefahren. Es waren die systemrelevanten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Eisenbahn am Laufen gehalten haben. Und dafür haben sie mehr verdient als eine Nullrunde beziehungsweise – bei 3,8 Prozent Inflation – eine satte Minusrunde.

Die Bahn steckt durch die Pandemie in einer Krise. Spielt das keine Rolle?

Die Bahn befand sich schon vorher in einer schweren Krise mit 30 Milliarden Euro Schulden, Corona deckt das nur auf. Sie hat aus Steuergeldern eine Kompensation bekommen – aber wir haben es mit einem Verteilungsproblem zu tun: Das Management greift den kleinen Leuten in die Tasche, hat die Betriebsrente gekündigt und will sich selbst mit Boni und enormen Altersbezügen versorgen. In dieser Ungerechtigkeit leben wir. Da sagen die Eisenbahner: Schluss damit!

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Aber es gibt die Krise. Und Sie sagen, dass hohe Forderungen und Streiks trotzdem gerechtfertigt sind?

In welcher Welt leben Sie denn? Wir fordern 1,4 Prozent Lohnerhöhung im Jahr 2021, bei 3,8 Prozent Inflation. Das soll eine überzogene Forderung sein?

Dann ist der Kern des Konflikts wohl doch, dass die GDL ihre Machtbasis auf neue Bereiche wie Bahnhöfe und Werkstätten ausweiten will – in Konkurrenz zur Gewerkschaft EVG?

Ich stelle fest, dass wir als GDL schon heute in der ganz überwiegenden Zahl der Betriebe im Transportbereich – Fernverkehr, Regionalverkehr, Cargo – eine Mehrheit der Beschäftigten vertreten. Und was ist unsere rechtmäßige Rolle als Gewerkschaft? Wir organisieren Menschen, mit Erfolg. In den letzten zwölf Monaten sind 3000 neue Mitglieder bei uns eingetreten. Von diesen kamen 25 Prozent aus der EVG, und drei Viertel waren vorher nicht organisiert. Was, bitte, ist daran falsch?

Es gibt also einen Kampf um die Ausweitung der Machtbasis?

Wir tun, was Recht und Gesetz ist. Und dazu gehört auch: Jede Gewerkschaft hat das Recht, Tarifverträge für ihre Mitglieder abzuschließen, egal in welchem Bereich sie beschäftigt sind. Nehmen wir einen Fahrdienstleiter, der bei uns organisiert ist: Wieso sollte ich ihm mitteilen, dass ich keine Lust habe, für ihn Tarifverträge zu schließen – dass er uns aber bitte Gewerkschaftsbeiträge zahlen soll? Hier geht es nicht um Machtausweitung, sondern erst einmal um ein Grundrecht, nämlich das der Koalitionsfreiheit.

Fände sich die Bahn bereit, auch mit Ihnen Tarifverträge für diese Gruppen zu schließen, wäre der Konflikt gelöst?

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Wenn es so einfach wäre: Folgt man der Argumentation der Bahn, könnte sie diese Tarifverträge theoretisch im Vorbeigehen mit uns abschließen. Sie steht ja auf dem Standpunkt, dass wir als GDL ohnehin nur in 16 von 300 Betrieben die Mehrheit der Mitglieder hätten; und nach den Regeln des Tarifeinheitsgesetzes würden unsere Tarifverträge dann nur in diesen Betrieben wirksam. Aber fragen Sie mal die Bahn, ob sie dazu bereit ist. Ich sage Ihnen: Wenn die realen Mehrheitsverhältnisse am Ende im gerichtlichen Verfahren geklärt werden, kommt heraus, dass wir in weit mehr Betrieben die Mehrheit haben. Aber das ist nicht Gegenstand dieser Tarifrunde.

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Mehr als 9000 Streikende
GDL-Chef Weselsky schließt weitere Streiks nicht aus
Video: Reuters, Bild: Reuters

Und wie geht es jetzt weiter?

Bis Mittwoch, 2 Uhr, läuft unser Streik. Dann ist die Deutsche Bahn am Zug. Und falls die weiter solche tollen „Angebote“ macht, werden wir den nächsten Arbeitskampf sehen.

Einen unbefristeten Streik?

Ich spreche im Eisenbahnsystem nie über unbefristete Arbeitskämpfe. Aber wir können auch länger streiken als bisher.

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Budras, Corinna
Corinna Budras
Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.
Autorenporträt / Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Wirtschaftskorrespondent in Berlin.
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