Gesundheitskosten

Die Krankenkassen wollen mehr Geld

Von Dyrk Scherff
22.12.2009
, 13:41
Die gesetzliche Krankenkassen weisen ein Defizit auf, jetzt werden Zusatzbeitraege erhoben
Im nächsten Jahr erhöhen viele Krankenkassen ihre Beiträge. Das kostet die Versicherten bis zu 450 Euro mehr im Jahr. Gerade jene Kassen, die bisher als besonders attraktiv galten, haben einen großen Finanzbedarf.
ANZEIGE

Befürchtet wurde es schon lange, aber jetzt scheint es fast sicher: Im Frühjahr werden eine ganze Reihe von Krankenkassen erstmals Zusatzbeiträge erheben. Damit steigen die Ausgaben für die Gesundheit weiter.

Anfang Dezember waren zwei weitere Indizien für diese Vermutung hinzugekommen: Der Schätzerkreis aus Regierung und Krankenkassen veröffentlichte Berechnungen, laut deren die Kassen im kommenden Jahr mit einem Defizit von vier Milliarden Euro rechnen müssen (2010 fehlen Krankenkassen vier Milliarden Euro ). Der Hauptgrund dafür: Die Ausgaben steigen um sieben Milliarden Euro. Reichen die Rücklagen der Kassen nicht aus, müssen sie daher Zusatzbeiträge erheben. Denn der seit 2009 gesetzlich festgelegte einheitliche Beitragssatz von 14,9 Prozent darf frühestens 2011 steigen.

Als zweiter Hinweis für drohende Zusatzbeiträge gilt, dass die Kassen erstmals offen darüber reden - aber stets nur auf die Branche bezogen, nicht auf ihr Unternehmen. Kommt die Anhebung, ist gesetzlich ein Zusatzbeitrag zwischen acht und 37,50 Euro im Monat erlaubt, also bis zu 450 Euro im Jahr. Er darf aber ein Prozent des beitragspflichtigen Einkommens des Versicherten nicht übersteigen. Er wird nicht vom Arbeitgeber einbehalten, sondern per Rechnung von den Versicherten gefordert.

Bild: F.A.Z.

Bisher gibt es erst eine Kasse, die einen solchen Zusatzbeitrag fordert: Die kleine GBK in Köln verlangt acht Euro im Monat. Dem gegenüber stehen drei Kassen, die sogar Beiträge zurückzahlen: die IKK Südwest, G&V BKK und die HKK. Sie überweisen bis zu 100 Euro im Jahr zurück. Das wird aber eine Ausnahme bleiben.

ANZEIGE

25 Kassen vor einer Beitragserhöhung

In einer ersten Erhöhungsrunde wollen offenbar etwa 25 Kassen einen Zusatzbeitrag erheben. Bei denen heißt es, die Kassen wollten ihn gemeinsam einführen. Der 1. März oder 1. April könnte ein möglicher Termin sein, denn eines ist klar: Sollte eine Kasse den Schritt alleine wagen, dürfte sie mit Mitgliederflucht bestraft werden. Denn wenn die Preise steigen, haben die Kunden ein außerordentliches Kündigungsrecht.

ANZEIGE

Im Laufe des Jahres 2010 dürfte dann auch ein Großteil der anderen Kassen einen Zusatzbeitrag verlangen. Schon wird munter gerätselt, welche zu den ersten gehören werden, die mehr kassieren wollen. Die Ersatzkassen sind ein Kandidat. Sie haben in diesem Jahr zwar noch Überschüsse erzielt. Aber im Vergleich mit anderen Kassenarten die geringsten (siehe Grafik). Besonders schlecht schnitt dabei die drittgrößte Kasse Deutschlands ab, die DAK. Sie machte von Januar bis September 77 Millionen Euro Minus. "Auch im Gesamtjahr werden wir ein Defizit haben", sagt Jörg Bodanowitz von der DAK. "Auch wir müssen uns daher mit der Frage von Zusatzbeiträgen beschäftigen." Auch die Barmer Ersatzkasse hat in diesem Jahr nur einen kleinen Überschuss erzielt.

Besonders groß: Überschüsse der AOK

Besonders groß sind hingegen die Überschüsse bei den Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) gewesen. Das dreht die Erfahrungen der Vergangenheit völlig um. Vor 2009, als jede Kasse noch ihren Beitrag individuell festlegte, waren die Ortskrankenkassen oft diejenigen, die verschuldet waren und hohe Beiträge verlangten. Die beliebten Ersatzkassen bewegten sich damals preislich im Mittelfeld und boten meist mehr Leistung.

ANZEIGE

"Der neue Gesundheitsfonds bevorzugt die Ortskrankenkassen", sagt Gesundheitsökonom Jürgen Wasem. Denn die haben meist mehr chronisch kranke Mitglieder als andere, daher bekommen sie aus dem Gesundheitsfonds jetzt mehr Geld. "Gleichzeitig schaffen sie es, die Leistungsausgaben möglichst gering zu halten. Dazu waren sie vor 2009 immer gezwungen, weil sie finanziell unter Druck standen." Ihr Prinzip ist also: mehr Einnahmen, aber nicht genauso stark steigende Ausgaben, zum Beispiel, indem die Patienten möglichst wenig Zeit im Krankenhaus verbringen. Die Ersatzkassen hatten diesen finanziellen Druck nicht und räumen sogar selbst ein, dass sie bei den Gesundheitsausgaben nicht effizient genug sind.

Aber auch bei den Ortskrankenkassen läuft nicht alles bestens. Die Kassen in Großstädten wie Berlin und Hamburg haben einen strukturellen Nachteil: Sie bekommen Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds, die sich am deutschen Durchschnitt orientieren. In den Ballungszentren sind die Gesundheitsausgaben aber deutlich höher. So müsste die AOK Berlin wohl längst einen Zusatzbeitrag erheben, wenn sich die Ortskrankenkassen nicht gegenseitig subventionieren würden. "Das werden sie auch 2010 weiter so machen", erwartet Gesundheitsökonom Wasem. Gut für die dortigen Versicherten.

Zusatzbeiträge drohen aus dem gleichen Grund bei einigen Betriebskrankenkassen mit regionalem Schwerpunkt in Ballungsräumen. Vergleichsweise wenig Probleme haben Kassen mit einem hohen Anteil von Versicherten auf dem Land und Kassen aus Ostdeutschland wie die IKK Sachsen.

ANZEIGE

Ganz sicher teurer wird es für Gutverdiener

Ganz sicher teurer wird es für Gutverdiener. Sie müssen von Januar an sechs Euro mehr im Monat bezahlen. Denn zu Jahresanfang steigt wie jedes Jahr die Bemessungsgrenze für die gesetzliche Krankenversicherung, also das Einkommen, bis zu dem Beiträge bezahlt werden müssen.

Aber trotz sicherer oder drohender Beitragserhöhungen gibt es immer noch die Möglichkeit, Geld zu sparen. Am meisten bringt es, einen Tarif mit Selbstbehalt abzuschließen und das mit Beitragsrückzahlung zu kombinieren. Außerdem bekommt man für den Besuch im Fitnessstudio sowie Vorsorgeuntersuchungen einen Bonus (siehe Tabelle). Bis zu 1200 Euro kann man so im Jahr sparen - vorausgesetzt, man wird nicht oder nur wenig krank. Kranke haben die Möglichkeit, über Programme der "Integrierten Versorgung" oder für chronisch Kranke einen Bonus von bis zu 220 Euro zu bekommen. Nachteil dabei: Man ist drei Jahre an den Tarif gebunden.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Scherff, Dyrk
Dyrk Scherff
Redakteur im Ressort „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Kapitalanalge
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Sprachkurse
Lernen Sie Englisch
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Projektmanagement
SUV
Premium-SUVs zum Gebrauchtwagenpreis
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE