Gesundheitsversorgung

Corona macht erfinderisch

Von Jonas Jansen, Ilka Kopplin, Christian Müßgens
17.03.2020
, 09:41
Händedesinfektionsmittel, Atemschutzmasken und Beatmungsgeräte – der Bedarf an Produkten für die Gesundheitsversorgung ist höher denn je. Das lässt einige Unternehmen kreativ werden.

Der Bedarf an Produkten für die Gesundheitsversorgung ist höher denn je. Das Coronavirus sorgt überall dafür, dass Unternehmen ihre Produktionen drastisch hochfahren, um der Nachfrage nachzukommen. Vielerorts macht Not auch erfinderisch.

Ruft man dieser Tage beim Mannheimer Pharmagroßhandelsbetrieb Phoenix an, der sich um die Belieferung von Apotheken kümmert, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer Absage sehr hoch. „Derzeit haben wir täglich 10 bis 20 Mal so viele Anfragen wie normalerweise“, sagt ein Sprecher mit Blick auf Atemschutzmasken und auch Desinfektionsmittel. Beides sei eigentlich schon seit mehreren Wochen weitgehend ausverkauft. „Zwischendurch liefern die großen Hersteller wieder, diese Mengen sind dann aber auch sofort ausverkauft.“ Es sei unklar, wann eine normale Lieferung wieder möglich sei.

Einer dieser Hersteller von Atemschutzmasken ist der amerikanische Konzern 3M, der einen Sitz in Hilden hat. Auch wenn 3M mit seinen Produktionsstätten in Amerika, Europa und Asien nach eigenen Angaben monatlich Millionen von Atemschutzmasken herstellt, übersteigt derzeit die Nachfrage das Angebot. „Wir gehen davon aus, dass dies auch noch in absehbarer Zukunft so bleiben wird“, teilt das Unternehmen auf Nachfrage mit. Deshalb habe sich 3M derzeit auf Aufträge aus dem Basisgeschäft konzentriert, wozu auch Krankenhäuser gehören.

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Atemschutzmasken sowie auch Beatmungsgeräte stellt das Lübecker Unternehmen für Medizin- und Sicherheitstechnik Dräger her, das in der aktuellen Situation an seiner Kapazitätsgrenze arbeitet, weil die Nachfrage stark erhöht sei. „Unsere Produktion in Schweden und Südafrika ist voll ausgelastet und bis in die zweite Jahreshälfte ausverkauft“, sagt eine Sprecherin. Die Bundesregierung hat deshalb reagiert: Eine Großbestellung für persönliche Schutzbekleidung in Krankenhäusern und vor allem 10 000 Beatmungsgeräte wurden Ende vergangener Woche geordert. Der Auftrag für die Geräte werde sich über das ganze Jahr erstrecken. Die Produktionskapazitäten würden „erheblich ausgeweitet“, hieß es. Dennoch können Engpässe nicht ausgeschlossen werden – teilweise aus ganz pragmatischen Gründen: So seien Testräume für Beatmungsgeräte nur begrenzt verfügbar.

Interesse aus Amerika

Nicht nur die deutsche, auch andere Regierungen versuchen sich deshalb zunehmend Kapazitäten zu sichern. So hat offenbar der amerikanische Präsident Donald Trump versucht, das Tübinger Biotechunternehmen Curevac zu übernehmen – allerdings ohne Erfolg. Nun gab die Europäische Kommission bekannt, dass Curevac „bis zu 80 Millionen Euro“ EU-Hilfe für einen Corona-Impfstoff bekommt. Curevac-Vorstandschef Ingmar Hoerr kann indes aus gesundheitlichen Gründen, die nicht durch Corona bedingt sind, seine Funktion „eine gewisse Zeit“ nicht ausüben, teilte Curevac am Montagabend mit.

Auch das deutsch-niederländische Biotechunternehmen Qiagen, das derzeit in Übernahmeverhandlungen mit dem amerikanischen Medizintechnikkonzern Thermo-Fisher ist, hat schon die Aufmerksamkeit von Trump auf sich gezogen. Dem Unternehmen wurde vorgeworfen, dass es Schuld an Engpässen bei den Tests auf das Coronavirus in Amerika sei. „Qiagen hat in drei Monaten doppelt so viel in die USA geliefert wie normalerweise in einem Jahr“, sagt Unternehmenschef Thierry Bernard. Qiagen habe die Produktion der Test-Sets um 70 Prozent hochgefahren. Auch die Produktion in Europa ist auf einen Dreischichtbetrieb an jedem Tag der Woche umgestellt.

Mit Blick auf Pflege- und Seniorenheime ist vor allem auch die Versorgung mit Desinfektionsmitteln von enormer Bedeutung. Unternehmen wie B. Braun aus Melsungen haben die Produktion noch einmal um 20 Prozent erhöht, dennoch könnte es Engpässe geben, heißt es dort. Not macht erfinderisch: In Frankreich produziert der Luxusgüterkonzern LVMH nun keine Parfüms, sondern Desinfektionsmittel. Hierzulande ist es seit kurzem auch Apotheken erlaubt, solche Mittel selbst herzustellen. Laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände läuft die Herstellung gut an. Auch an Medikamenten für die Selbstmedikation herrsche kein Mangel. Es gebe keinen Grund, Arzneimittel zu hamstern, sagt Apothekerverbandspräsident Friedemann Schmidt.

„Die sind total leer“

Nur fehlt es oft an den Inhaltsstoffen für Desinfektionsmittel, haben Apotheken doch ein kleines Lager. Davon weiß auch Karl-Heinz Jansen zu berichten. Der Unternehmer aus dem bayerischen Fürstenfeldbruck betreibt mit Jaqu-Invent eigentlich ein Institut für naturmedizinische Forschung, allerdings seien ihm dafür die Desinfektionsmittel ausgegangen. Da man aber noch Ethanol vorrätig gehabt habe, habe man sich entschieden, selbst Desinfektionsmittel herzustellen. Online konnte der Antrag bei der entsprechenden Behörde eingereicht werden, „45 Minuten später war die Genehmigung da“, sagt er. Das hat sich schnell rumgesprochen: „Wir versorgen im Landkreis die Rettungsleitstellen, Sozialeinrichtungen wie beispielsweise Seniorenheime und kleine und mittlere Betriebe. Die sind total leer“, sagt er. Den Rettungskräften würden teilweise ihre Mittel während der Einsätze aus den Fahrzeugen geklaut. Jansen gibt dabei nur Mengen für die nächsten zehn Tage ab.

Für seine eigene Belieferung mit Produkten und Rohstoffen setzt er auf persönliche Kontakte. „Offizielle Bestellungen dauern zu lange und können dann nicht geliefert werden“. Eine befreundete Destillerie liefere ihm noch in dieser Woche weitere 300 Liter Ethanol, die zu rund 400 Litern Mitteln verarbeitet werden. An diesem Montag sei schon eine Lieferung über 200 Liter eingetroffen. Die Fläschchen zum Abfüllen habe er kurzerhand selbst mit dem Bulli aus Landsberg abgeholt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jansen Jonas
Jonas Jansen
Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
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Ilka Kopplin
Redakteurin in der Wirtschaft.
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Christian Müßgens
Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
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