Gesundheitswesen

Jede Lobby hat ihre eigenen Wünsche

22.02.2010
, 06:51
Ärzte sollen vollkommen von der finanziellen Verantwortung für die Verschreibungen entbunden werden
Die Ideen von Ärzten, Apothekern und Krankenkassen liegen weit auseinander. Einigkeit besteht bei einem Thema: Die Rabattverträge sollen weg. Der Verband „Pro Generika“ will sie ersatzlos streichen und stattdessen den Anteil der preiswerten Nachahmerpräparate erhöhen.
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Die Pharmaindustrie hat zur Reform der Arzneimittelpreise keine einheitliche Position. Einig ist sie sich allenfalls darin, dass das bisherige System zu viele staatliche und halbstaatliche Regulierungsmechanismen aufweist und entrümpelt werden müsse.

Einig ist die Branche in der Ablehnung der Rabattverträge, wie sie zuletzt von vielen Kassen vor allem für Nachahmerpräparate (Generika) geschlossen wurden. Diese Verträge führen in der Industrie zu einem starken Wettbewerbsdruck, dem kleine Hersteller nicht standhalten könnten. Bei den Apothekern führten die Rabattverträge zu einem großen Bürokratieaufwand, weil bei jedem Versicherten geprüft werden müsse, welches Medikament die Kasse erstatte. Beim Abschluss eines neuen Rabattvertrages müssten zudem die Patienten auf neue Präparate umgestellt werden, worunter die Zuverlässigkeit der Arzneimitteleinnahme (Compliance) leide. Das alles verursache Zusatzkosten, die gegen die Einsparungen der Kassen gerechnet werden müssten. Die Einsparpotentiale durch Rabattverträge seien weitgehend erschöpft. Auch müssten die Kassen dem Kartellrecht unterworfen werden, um ihre Verhandlungsmacht zu begrenzen.

Der Verband „Pro Generika“ will die Rabattverträge deshalb ersatzlos streichen und stattdessen den Anteil der preiswerten Nachahmerpräparate zu Lasten der teuren Originale verpflichtend auf 85 Prozent erhöhen. Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) will das bisherige Verfahren der Festbeträge fortentwickeln. Dabei legt der Spitzenverband der Kassen für bestimmte Medikamentengruppen und auf Basis der Preisentwicklung Höchstgrenzen für die Erstattung fest. Das Verfahren ist für die Hersteller kalkulierbar. Ginge es nach dem BAH, würde der Höchstgrenze des Festbetrags eine Untergrenze hinzugefügt.

Preise durch Kosten-Nutzen-Analysen überprüfen

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Auf ein neues Preissystem läuft es bei innovativen und patentgeschützten Arzneien hinaus. Diese gelten als Kostentreiber im System. Bisher können die Hersteller die Preise für diese Präparate (in Deutschland) frei festlegen. Zuletzt hatte die Politik die Möglichkeit geschaffen, die Preise durch Kosten-Nutzen-Analysen zu überprüfen. Unter den Herstellern wächst die Bereitschaft, die Preise für neuartige Arzneien mit den Kassen auszuhandeln. Sie fürchten nämlich, dass ihnen ansonsten künftig die Preise diktiert werden könnten. Unlängst haben der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) und der Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) Modelle vorgelegt, nach denen der Hersteller mit einzelnen Kassen den Preis aushandelt. Damit kämen zunächst nur die Versicherten dieser Kasse in den Genuss des neuen Medikaments. Die Industrie testet schon erste Modelle: In Mehrwertverträgen garantieren die Hersteller den Kassen bestimmte Behandlungs- oder Heilungsfortschritte und damit Kostenersparnisse. Andernfalls gibt es Geld zurück. Unterschiedliche Auffassungen gibt es über die Begleitung der Preisverhandlungen durch Kosten-Nutzen-Analysen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Die Widerstände der Industrie dagegen sind zuletzt kleiner geworden.

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Die Ärzte können heute finanziell zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie - gemessen am Durchschnitt ihrer Gruppe - zu viele und zu teure Arzneimittel verordnen. Solche Regresse will die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) abschaffen. Ärzte sollen vollkommen von der finanziellen Verantwortung für die Verschreibungen entbunden werden. Sie sollen künftig lediglich für die Indikation, Wirkstoffauswahl, Dosierung und Dauer der Arzneimitteltherapie zuständig sein.

Der Apotheker würde dann auf Basis einer kassenübergreifenden Liste mit verordnungsfähigen Arzneien das jeweilige Medikament auswählen und den Patienten beraten. Ärzte blieben für die Indikation und Dauer der Heilmittelversorgung verantwortlich. „Eine Preis- und Kostenverantwortung besteht nicht mehr.“ Die Verantwortung dafür sollten sich Kassen und Hersteller teilen. Für patentgeschützte Arzneimittel und Spezialpräparate müsse der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen mit den Pharmafirmen bundesweit einheitliche Preise aushandeln. Bilaterale Preisvereinbarungen blieben gleichwohl möglich.

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„Sparbeitrag der Arzneimittelhersteller“

Das ist nicht weit von der Position der Apotheker entfernt. Die wollen im Generika-Markt den Kassen Preise garantieren, im Gegenzug aber aussuchen, welches Präparat sie für den vom Arzt festgelegten Wirkstoff ausgeben. Die früher „Zielpreise“ genannten „Garantiepreise“für die Nachahmerpräparate wollen die Apotheker mit den Kassen aushandeln. Sie sollen immer unter den vom Kassenverband errechneten Festbeträgen als Höchstmaß der Erstattung liegen. Bei den neuartigen, innovativen Arzneien sollen Hersteller den Preis nicht mehr alleine festlegen dürfen. Hier plädieren die Apotheker für (ausschließlich) zentrale Preisverhandlungen zwischen dem jeweiligen Hersteller und dem Spitzenverband der Krankenkassen.

Die Krankenkassen haben Gesundheitsminister Philipp Rösler unlängst ein kurzfristiges Sparpaket von über 4,9 Milliarden Euro vorgelegt. Bestandteile wären ein höherer Abschlag auf den Herstellerabgabepreis und das Einfrieren der Preise. Das nennt der Spitzenverband den „Sparbeitrag der Arzneimittelhersteller“. Die Apotheken sollen wie früher einen „Großkundenrabatt“ von 2,30 Euro statt der neuerdings verabredeten 1,75 Euro für jede bei der Kasse abgerechnete Arzneipackung zahlen. Der Großhandel solle mit einer kleineren Marge auskommen, nicht zuletzt der Mehrwertsteuersatz für Arzneimittel auf 7 Prozent reduziert werden.

Das Verlangen nach einer reduzierten Umsatzsteuer ist auch unter Gesundheitspolitikern populär, gilt aber als aussichtslos. Auch mittelfristig sehen die Krankenkassen dringenden Reformbedarf bei der Arzneimittelpreisgestaltung. Sie wollen dabei an der Festlegung von Festbeträgen und Rabattverträgen festhalten. Neuartige Arzneimittel wollen sie aber nur noch dann bezahlen, wenn es darüber vorher Preisverhandlungen mit den Herstellern gegeben hat. „Ziel muss es sein, dem therapeutischen Nutzen entsprechende Preise zu erreichen“, hießt es beim GKV-Spitzenverband. Das soll durch Kosten-Nutzen-Bewertungen ermittelt werden. Auf der Wunschliste der Kassen steht ferner die Liberalisierung des Apothekenmarktes. Dafür gibt es keine Grundlage im Koalitionsvertrag.

Quelle: F.A.Z.
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