So reagiert der Handel

Lange Schlangen und gähnende Leere befürchtet

Von Stefanie Diemand und Jonas Jansen
26.11.2020
, 15:08
Wenige Wochen vor dem Weihnachtsfest hat die Bundesregierung die Corona-Maßnahmen noch einmal verschärft – sehr zum Ärger des hiesigen Handels. Gerade Supermärkte haben für die Regeln nur wenig Verständnis.

Bei einem der größten Supermärkte Deutschlands herrscht Unruhe. Lionel Souque, der Vorstandsvorsitzende der Rewe-Gruppe, spricht von „chaotischen Situationen“ und „endlosen Warteschlangen“. Schon jetzt seien die Mitarbeiter in der Corona-Krise besonders gefordert, eine weitere Einschränkung sei „kaum zu bewältigen“, sagt Souque.

Souque ärgert sich über die verschärften Regelungen der Bundesregierung, die vom 1. Dezember an für den deutschen Einzelhandel gelten sollen: In diesen erweitert die Bundesregierung zum einen die Maskenpflicht im Groß- und Einzelhandel. Diese gelten künftig auch vor den Ladengeschäften und auf Kundenparkplätzen. Zum anderen gilt für Geschäfte mit bis zu 800 Quadratmeter weiterhin, dass sich eine Person je 10 Quadratmeter darin aufhalten darf. Bei größeren Geschäften darf auf die zusätzliche Fläche höchstens eine Person pro 20 Quadratmeter Verkaufsfläche kommen. Davon abweichen sollen nur Länder, die eine Inzidenz von weniger als 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in sieben Tagen haben. Das sind momentan mit Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern allerdings nur zwei Bundesländer.

Für viele Einzelhändler wie Rewe liegt die Krux in dieser Quadratmeterbeschränkung. So kritisiert der Handelsverband Deutschland die neuen Regelungen scharf. „Es gibt keinen sachlichen Grund, unterschiedliche Regelungen für den Einzelhandel mit Verkaufsflächen über und unter 800 Quadratmetern Verkaufsfläche zu erlassen“, heißt es von HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. In den vergangenen Monaten hätten sich die Hygieneregelungen im Handel bewährt. Auch der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie hinterfragt die Notwendigkeit der Maßnahmen. Schließlich gebe es keine Hinweise darauf, dass das Einkaufen zu vermehrten Infektionen führe, sagte Genth.

Lange Schlangen vor den Läden erwartet

Besonders heikel ist für die Verbände, dass die neuen Regelungen zu etwas führen, dass die Bundesregierung eigentlich tunlichst vermeiden will: lange Schlangen vor den Geschäften. Auch Christian Böttcher vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) beobachtet die Situation gerade genau. Sicher ist, dass viele Lebensmittelhändler die 800 Quadratmeter-Verkaufsfläche überschreiten. Anders als bei Kleidung oder Möbeln kann der Konsument nicht einfach auf seinen Lebensmitteleinkauf verzichten. So änderten sich zwar die Regelungen, das Einkaufsverhalten bliebe aber gleich. Kritisch sei auch, dass sich vor Weihnachten die Kundenzahl in den Supermärkten und Discountern in der Regel erhöht. „Der Umsatz liegt rund 20 Prozent über dem Durchschnitt.“, sagt er. Zudem bleibt vielen Arbeitnehmern nichts anderes möglich, zu den Stoßzeiten in die Geschäfte zu gehen. „Trotzdem rate ich, wenn möglich, die Randzeiten zu nutzen.“

Wie die Situation vor den Lebensmittelgeschäften genau aussehen wird, kann Böttcher noch nicht einschätzen. „Aber es wird anders werden.“ Zumindest die vergangenen Monate geben ihm Recht: So gab es im Mai zum Beispiel lange Schlangen vor den Ikea-Filialen, die zu chaotischen Szenen führten. Auch vor den Ostertagen standen Menschen vor den Supermärkten an.

Zumindest beim schwedischen Möbelkonzern Ikea zeigt man sich zuversichtlich und unterstützt die aktuellen Beschlüsse der Bundesregierung. In ihrem Hygienekonzept gebe es auch Regelungen, wie solche Szenen aus dem Frühjahr vermieden werden können. Lebensmittelhändler wie Edeka finden stattdessen deutlich schärfere Worte. Der Chef des größten deutschen Lebensmittelhändlers, Markus Mosa, spricht sich klar gegen die Auflagen aus und spricht sogar von Wettbewerbsverzerrung. Profitieren wird seiner Meinung nach das Selbstbedienungs-Warenhaus, das besonders großflächig ist.

Hygienekonzepte haben sich eingespielt

Hinter vorgehaltener Hand bezweifeln auch einige andere Händler, die große Flächen bewirtschaften, die Sinnhaftigkeit der neuen Regelung. Dadurch, dass sich aber vielerorts die Hygiene- und Abstandskonzepte längst eingespielt haben und digitale Frequenzmesser auch eine verschärfte Zulassungskontrolle möglich machen, will aber kaum jemand öffentlich die politischen Entscheidungen kommentieren. Für die Händler mit Großflächen ist auch weniger die Einschränkung der Personenmenge, als die mitschwingende Psychologie der Entscheidung belastend.

Der Einkauf in der Fußgängerzone mit Mund-Nasen-Schutz ist schon seit Monaten weniger attraktiv als früher. Warenhäuser wie Karstadt oder Kaufhof dürften derzeit weniger Andrang vor den Läden fürchten – ihnen fehlen insgesamt die Kunden auf der Fläche. „Niemand kann Hygiene besser als wir“, sagte Miguel Müllenbach, der Chef von Galeria Karstadt Kaufhof, zwar kürzlich der F.A.Z. Die Möglichkeit, alles an einem Ort zu kaufen, großzügig Abstand zu halten und sich selbst zu bedienen, nehmen dennoch weniger Kunden an als gewohnt.

Viele Einzelhändler sorgen sich vor allem um ihr Weihnachtsgeschäft, das traditionell als Umsatztreiber gilt. Besonders die Händler und Hersteller von Mode sehen ihr Geschäft davonlaufen. „Die neuerlichen Restriktionen werden das Weihnachtsgeschäft im stationären Bekleidungshandel nun komplett verhageln“, sagt Uwe Mazura, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie. Nach dem Handelsverband erzielen einige Einzelhändler im November und Dezember mehr als ein Fünftel ihres Jahresumsatzes. Zwar geht der HDE nach wie vor von einem Gesamtumsatz von 104 Milliarden Euro für November und Dezember aus, jedoch könnte ein noch größerer Teil durch die neuen Begrenzungen in das Onlinegeschäft verlagern. Der Verband geht davon aus, dass sich durch die Verlängerung des Teil-Lockdowns Umsätze in Höhe von 2 Milliarden Euro vom stationären Handel in den Online-Handel fließen.

Quelle: FAZ.NET
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Stefanie Diemand
Redakteurin in der Wirtschaft.
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Jonas Jansen
Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
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